Ein Nievenheimer Schicksal

Geschichte: Eine Schülerin konnte bei der Aufklärung eines Soldatentodes aus dem Jahr 1945 helfen.

Dormagen. Wenn die Schülerin Katharina Müllejans-Lukas von Jarzenko Progofij spricht, nennt sie ihn beim Vornamen. „Jarzenko sprach nicht so gut Deutsch“, sagt sie. Kennengelernt hat die 17-Jährige diesen Mann nie. Trotzdem hat sie zu dem Fremden eine Bindung entwickelt. Die Schülerin konnte zusammen mit dem Lehrer Uwe Koopmann aufklären, wie Progofij gestorben ist. Er galt seit 1943 in seiner russischen Heimat als vermisst. Erst jetzt steht fest, was mit dem Soldaten im Zweiten Weltkrieg geschehen ist. Seine Töchter (80 und 69) erfuhren per Brief aus Nievenheim, was vor mehr als 67 Jahren aus ihrem Vater wurde.

Vor rund drei Jahren übernahm die St. Sebastianus Schützenbruderschaft Nievenheim-Ückerath die Pflege der russischen Soldatengedenkstätte innerhalb des Nievenheimer Friedhofgeländes. Die Fläche war im Laufe der Jahre überwuchert. Bei der Wiederherrichtung kam es zu einer Überraschung. Brudermeister Detlef Spitzenberg erinnert sich: „Wir sind mit unseren Spaten auf Grabplatten gestoßen, die wahllos in den Büschen verteilt waren.“

Seit mehr als zehn Jahren befasst sich der Pädagoge Uwe Koopmann an der Bertha-von-Suttner-Gesamtschule mit der hiesigen Soldatengeschichte. Als er die Namen, die auf den sechs gefundenen Grabplatten eingraviert waren, mit den Daten aus dem Archiv des Rhein-Kreises abglich, gab es genau einen Treffer: Jarzenko Progofij.

Er wurde am 18. April 1904 in Besskorbnaja geboren, war verheiratet und wurde als Soldat zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Gestorben ist er am 5. April 1945 in Dormagen. Auf die Todesursache verweist nur ein nüchterner Vermerk: Granatbeschuss. Diese Daten gaben einen ersten Aufschluss über Progofijs Schicksal in Deutschland. Doch erst Katharina Müllejans-Lukas konnte der Geschichte Leben einhauchen.

Es war reiner Zufall. „Ich bin da so reingeschlittert“, erklärt die 17-Jährige. Koopmann suchte über die Schülervertetung Zeitzeugen, um den Fall des russischen Soldaten aufzuklären. Der Großvater der Schülerin sah die E-Mail und konnte den entscheidenden Tipp geben: der Bauernhof Spix. Dort war der Zwangsarbeiter damals beschäftigt.

„Ich bin noch am selben Abend dahin“, sagt die Dormagenerin. Sie verabredete sich mit Karl Spix zu einem Zeitzeugengespräch. Der Nievenheimer kannte den sowjetischen Soldaten, damals war Spix selbst elf Jahre alt.

Müllejans-Lukas über das Treffen: „Ich war sehr nervös. Am Anfang dachte ich, Herr Spix freut sich nicht so sehr über das Gespräch. Nachher hatte ich aber das Gefühl, er hatte das Bedürfnis zu sprechen.“ Der Zwangsarbeiter sei stets freundlich gewesen und gut behandelt worden. Er habe auf dem Feld gearbeitet und Schnürsenkel hergestellt.

Der Landwirt zeigte der Schülerin auch die Stelle, an der die Granate in den Hof einschlug — tragischerweise einen Tag vor dem Ende der Kampfhandlungen in diesem Gebiet. Während des Angriffs war die ganze Familie im Schutzkeller — nur Progofij hielt sich in seinem Zimmer auf. „Vielleicht hatte er Platzangst. Man weiß es nicht“, mutmaßt die Schülern. Für sie sei es eine große Belohnung, dass die Töchter nun endlich Gewissheit über den Verbleib ihres Vaters haben. Sie sagt: „Gut, dass diese Leute jetzt damit abschließen können.“

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