Religionsunterricht: Gelebte Ökumene im Klassenzimmer

Religionsunterricht : Gelebte Ökumene im Klassenzimmer

Seit diesem Schuljahr ist gemeinsamer Religionsunterricht für evangelische und katholische Schüler möglich. Einzige Ausnahme: das Erzbistum Köln.

Es geht um Führen und Geführtwerden, um Vertrauen – und letztlich um die Mose-Geschichte und den Auszug aus Ägypten. Zehn Schüler der Klasse 4a ziehen sich ihre Jacken über und führen sich paarweise über den schneebedeckten Schulhof der  Grundschule in Nettetal-Lobberich. Jeweils ein Kind hat dabei die Augen geschlossen.

Später hocken die Viertklässler in der Klasse in einer Runde auf dem Boden zusammen und tauschen sich aus. „Wie war es, sich führen zu lassen?“, fragt Lehrerin Anne Cobbers, zugleich Leiterin der Grundschule. „Komisch, man sieht ja sonst alles“, lautet eine Antwort, „Ich hab’ mich nicht führen lassen. Ich hab’ kein Vertrauen“, eine andere. „In der Bibel gibt es viele Geschichten, in denen Menschen sich führen lassen und vertrauen“, greift Cobbers den Faden auf. „Fällt euch da eine ein?“ Die Brücke zum Unterrichtsthema ist geschlagen.

Vereinbarung zwischen Bistümern und Landeskirchen

Die zehn Mädchen und Jungen, die da in der Religionsstunde am Ende des Schultags beieinander sitzen, sind überwiegend katholisch, aber auch zwei evangelische Kinder sind darunter. Das ist neu. Hinter dem Wortungetüm des konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts, der auf Antrag seit diesem Schuljahr möglich ist, steht eine Vereinbarung, die von den drei evangelischen Landeskirchen in NRW und vier von fünf NRW-Bistümern bereits im Spätsommer 2017 getroffen wurde. Nur das Erzbistum Köln ist nicht mit dabei – und damit auch Schulen in Wuppertal, Düsseldorf, Solingen und Remscheid nicht. Der Kreis Viersen aber  gehört zum Bistum Aachen.

Schulleiterin Cobbers ist froh darüber, weil jetzt Unterricht im Klassenverband möglich ist, wo früher oft evangelische und katholische Kinder unterschiedlicher Klassen zusammengefasst wurden.  „In Religion geben die Schüler viel von sich preis. Da ist es schöner, wenn sie im gewohnten Kreis bleiben können.“ Von den 213 Schülern an ihrer Schule sind 25 evangelisch und 84 katholisch, der Rest entweder muslimisch, orthodox oder gar nicht religiös gebunden. Für Cobbers bietet der konfessionsübergreifende Unterricht „die Chance, Gemeinsamkeiten zu stärken und Unterschiede kennenzulernen“. Das sei für die Kinder ein Gewinn, für die Kollegen „und am Ende sicher auch für die Kirchen“.

Erfreut über die neuen Möglichkeiten an der Hermann-Gmeiner-Schule in Rheydt: Angelika Weitz, Rektorin Lisa Kreuels und Barbara van Aggelen (v. l.). Foto: Ekkehard Rüger

Nur noch gut 40 Prozent der Schüler sind Christen

Das sieht man auch im 25 Kilometer entfernten Mönchengladbach-Rheydt so. „Wir haben immer mehr muslimische Kinder oder solche, die keinen Glauben haben“, sagt Angelika Weitz, Konrektorin der Hermann-Gmeiner-Grundschule. Nur gut 40 Prozent der 297 Schüler sind Christen, die meisten von ihnen katholisch. „Evangelische Gruppen mit teilweise nur noch fünf Kindern können wir uns nicht mehr leisten.“

Als Schulleiterin Lisa Kreuels auf einer Informationsveranstaltung von der neuen Möglichkeit erfuhr, war sie sofort Feuer und Flamme: Als Pilotprojekt hatte die Schule die Zusammenlegung in den Eingangsklassen ohnehin schon erprobt. „Da war klar, dass wir uns bewerben.“ Bedenken gab es keine, sowohl Schulpflegschaft als auch Schulkonferenz winkten die Bewerbung durch.

80 Prozent des Lehrplans seien ohnehin identisch, sagt die evangelische Religionslehrerin Weitz. Die Vereinbarung zwischen den Kirchen sieht vor, dass es Lehrerwechsel geben muss, damit jede Konfession zum Zuge kommt. In Rheydt ist das so geregelt, dass der Religionsunterricht in den vier Halbjahren der ersten beiden Schuljahre und in den vier Halbjahren der Klassen 3 und 4 mindestens ein Halbjahr lang von einer Lehrerin der jeweils anderen Konfession übernommen wird.

„Ich finde gelebte Ökumene gut, aber es ist trotzdem wichtig, dass die Kinder auf Unterschiede hinwiesen werden“, ist die katholische Lehrerin Barbara van Aggelen überzeugt. Warum schlägt sie beim Beten ein Kreuz und ihre Kollegin Weitz nicht? Warum gehen die katholischen Kinder im dritten Schuljahr zum Kommunionsunterricht, während der Konfirmationsunterricht der Protestanten noch in weiter Ferne liegt? „Das religiöse Vorwissen der Kinder aus den Familien ist bis auf wenige Ausnahmen generell zurückgegangen“, beschreibt Angelika Weitz den Schulalltag. „Aber im Unterricht finden sie das Thema dann doch interessant.“

Der katholische und evangelische Lehrplan wurden für das neue Angebot nicht geändert. Schließlich hat jede Schule die Wahl, den Religionsunterricht weiterhin getrennt anzubieten. Wer das nicht mehr will, muss seinen örtlichen Arbeitsplan anpassen. „Wir haben jetzt nicht mehr zwei Pläne, sondern einen zusammengepuzzelten“, so Rektorin Kreuels. „Man kann voneinander profitieren“, sagt Barbara van Aggelen.

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