Personalnot in NRW: Kita-Bündnis will „Mehr Große für die Kleinen“

Kinderbetreuung : Kita-Bündnis will „Mehr Große für die Kleinen“

Gewerkschaften, freie Träger und Kirchen kämpfen gemeinsam gegen die Personalnot.

Was täglich in vielen, vielen Kitas des Landes passiert, widerspricht dem Gesetz. Das weiß jeder der sieben Menschen, die sich an diesem Mittwoch um den Tisch in Essen versammelt haben. Jeder von ihnen weiß, dass da Erzieher oder Erzieherinnen allein mit 20 bis 25 Kindern in der Gruppe sind – weil Kollegen krank sind, der Personalschlüssel kein Puffer hergibt und die Pädagogen den Eltern nicht zumuten wollen, ihre Kinder wieder abzuholen. Die sieben Menschen an diesem Tisch kennen die Realität gut. Und wollen sie nicht mehr akzeptieren. Sie sind von Gewerkschaften, aus dem Landeselternbeirat, Mitarbeitervertreter beider Kirchen sowie der Awo und kämpfen jetzt gemeinsam im Aktionsbündnis „Mehr Große für die Kleinen“ gegen die Personalnot in NRW-Kitas.

„Der Druck in den Kitas nimmt enorm zu“, erklärt Katharina Schwabedissen, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi und Sprecherin des neuen Bündnisses. Die Erzieher müssten sich oft fragen, wie sie die Kinder noch sicher betreuen sollen „Da sind wir weit weg von pädagogischer Arbeit.“ In jeder Autofabrik seien Ausfälle durch Urlaub, Krankheit oderFortbildung in den Personalschlüssel eingerechnet. Ausgerechnet im sozialen Bereich aber nicht. „Wir wollen einen Personalschlüssel, der uns ermöglicht, gesetzliche Vorgaben einzuhalten“, verdeutlicht sie. Die Verhandlungen um das neue Kinderbildungsgesetz (Kibiz) seien für diesen Hilferuf jetzt der richtige Zeitpunkt.

Kinder- und Familienminister Joachim Stamp (FDP) hat bislang nur angekündigt, mit der Gesetzesnovelle für eine bessere Deckung der tatsächlichen Kosten und eine höhere Qualität auch durch ein Mehr an Personal sorgen zu wollen. Konkret wurde er nicht. Der Vorschlag von „Mehr Große für die Kleinen“: Gruppenstärken sollen verringert werden – bei den Ü3-Kindern von 25 auf 20, in der gemischten Gruppe von 20 auf 17 Kinder; für jede Gruppe sollen zusätzliche Fachkraftstunden als Puffer eingeplant werden, damit wirklich immer zwei Pädagogen zugegen sind. Woraus sich für die Bündnispartner auch ergibt: Für jede weitere Stunde Kita-Öffnung müssenwieder zwei Fachkraftstunden hinzukommen.

Denn auch flexiblere Betreuungszeiten sind Kernpunkt von Stamps Kibiz-Reform. Allerdings sollen Eltern weiterhin die Wahl haben, für wie viele Wochenstunden sie ihr Kind betreuen lassen wollen. Die Bündnispartner fürchten, dass die Kitas dann mit den gleichen Pauschalen und somit gleichem Personal wie bisher mehr Zeit abdecken müssen. „Wir können gern 50 Stunden Öffnungszeit anbieten, das muss dann aber bitte auch spitz abgerechnet werden“, sagt Helga Tillmann vom Zentralverband der Mitarbeiter in Einrichtungen der katholischen Kirche (ZKD).

Großdemo mit Erziehern, Kindern und Eltern am Landtag im Mai

Der hohe Druck in vielen Kitas führe jetzt zu einem hohen Krankenstand und somit auch zu Unsicherheit für die Eltern, sagt Darius Dunker, Vorsitzender des Landeselternbeirates. Familien hätten geschildert, dass sie ihre Kinder an bis zu 30 Tagen pro Jahr abholen mussten, weil die Erzieher krank waren. Mehr Stellen allein allerdings reichten nicht: „Es gibt Kitas, die froh sind, wenn sie auf eine Ausschreibung eine einzige Bewerbung erhalten.“ Laut Maike Finnern von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gibt es deutlich zu niedrige Ausbildungskapazitäten für neue Erzieher: „Da ist dringender Nachbesserungsbedarf.“ Und eine bessere Personalausstattung helfe auch, mehr junge Menschen für den Beruf zu begeistern.

Das Bündnis plant am 23. Mai eine Großdemo vor dem Landtag. Neben Erziehern sind ausdrücklich Eltern eingeladen, die zeigen wollen, dass auch sie mehr Große für ihre Kleinen wollen.

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