Periodensystem: Leidenschaft für die Ordnung der Elemente

Chemie : Leidenschaft für die Ordnung der Elemente

Das Periodensystem, die Zusammenstellung aller chemischen Elemente, wird heute 150 Jahre alt. Hermann Sicius ist begeisterter Sammler.

Wenn Dr. Hermann Sicius von den chemischen Elementen spricht, ist er spürbar ganz in seinem Element. Dabei war die Chemie nicht direkt seine Leidenschaft. „Als wir in der Schule Chemie als zweites naturwissenschaftliches Fach dazubekommen haben, habe ich zunächst nicht viel verstanden. Das Berechnen der chemischen Formeln war für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Meine Leidenschaft waren eher die Fremdsprachen“, sagt der heutige Chemiker, der zehn Sprachen beherrscht.

Hilfe in Sachen Chemie naht erst, als er von seiner Mutter, einer Zahnärztin, ein kleines Kompendium „Chemie für Mediziner“ aus den 60er Jahren bekommt. Ein Jahr später erhält er das Kosmos-Chemielabor C1, einen Chemiebaukasten, der schnell die Leidenschaft in dem damals 15-Jährigen weckt. Der Baukasten wird die Basis für eine ungewöhnliche Sammlung, die bis heute Bestand hat.

„Im Chemielabor waren mit Eisen und Schwefel die ersten Elemente enthalten. Später hatte ich mehr als 60, heute sind es noch 54. Von einigen habe ich mich getrennt, weil sie zum Beispiel toxisch waren“, sagt der 60-Jährige. In der Anfangszeit besorgt er sich die ersten Elemente noch ganz klassisch in der Apotheke. Später nutzt er den Chemikalienhandel, um an die Sammlerstücke in Glaskolben und kleinen Fläschchen zu kommen. „Schwefel war anfangs ein sehr spannendes Element, man konnte damit sehr viele Experimente machen. Andere Elemente wie Dysprosium waren mit 25 D-Mark damals schon teuer. Heute müsste man allerdings deutlich mehr bezahlen.“

Denn die sogenannten Lanthanoide, zu denen auch das nach Stockholm benannte Holmium gehört, sind wegen ihrer guten magnetischen Eigenschaften sehr begehrt. Sie werden in Smartphones, Tablets oder Kontaktschaltern eingesetzt, die ohne die seltenen Erden nicht funktionieren würden. „Sie werden in China unter teils problematischen Bedingungen abgebaut und der Bedarf steigt stetig. Wichtig wäre es, alte Geräte nicht wegzuwerfen, sondern daraus die seltenen Erden wiederzugewinnen und neu zu nutzen. Daran werden wir nicht vorbeikommen“, sagt der gebürtige Düsseldorfer, der beim Chemiekonzern Lanxess in Leverkusen in der anorganischen Forschung arbeitet.

Zuvor hatte er in seiner Heimatstadt Chemie studiert. Nach dem Diplom und vor der Promotion leistete Sicius seinen Wehrdienst bei einer chemischen Untersuchungsstelle der Bundeswehr ab, wo Wasserproben analysiert wurden. „Dort gab es sehr gute Analysegeräte“, sagt der Forscher, der auch während des Studiums seine Elementensammlung weiter vervollständigt hatte. Für sein Unternehmen war Sicius weltweit unterwegs und hat auch drei Jahre in den USA gearbeitet. Sein Sprachenspektrum reicht von Englisch, Französisch und Spanisch bis zu Rumänisch, Dänisch und Afrikaans, einer Sprache, die sich vom Niederländischen ableitet, was der Chemiker ebenfalls beherrscht.

Dmitri Mendelejew präsentierte 
das System am 6. März 1869

Der heutige Tag ist für Sicius ein besonderer. „Das Perioden­system gibt es heute seit 150 Jahren. Entwickelt wurde es von Dmitri Mendelejew, nach dem auch das Element Mendelevium benannt wurde. Damals gab es schon ein großes Wissen über die Chemie mit bis zu 2000 bekannten Verbindungen“, sagt er anerkennend. „Aber ein ordnendes System hat gefehlt. Mendelejew hat die Elemente geordnet und zu Gruppen zusammengefügt. Selbst mögliche Lücken konnte er damals schon vorhersagen. Auf seiner Basis arbeiten wir bis heute.“ Zeitlich parallel hatte mit Lothar Meyer auch ein Deutscher an einem Periodensystem gearbeitet. Er veröffentlichte es aber nicht. „Der Schwerpunkt der Chemie lag damals in Schweden. Das Land hat die Chemie im 18. Jahrhundert bestimmt.“

Heute sind 118 Elemente bekannt – das letzte wurde 2006 entdeckt. 81 davon sind zugänglich, etwa 70 machen zumindest theoretisch für eine Sammlung Sinn. Damit hat die private Sammlung von Sicius einen sehr hohen und seltenen Vollständigkeitsgrad. „Manche Elemente sind sehr instabil und verflüchtigen sich teilweise binnen von Millisekunden. Andere sind radioaktiv und können daher nicht privat gesammelt werden“, erklärt Sicius, warum eine solche Sammlung niemals vollständig sein kann.

Aktuell schreibt er für den Springer Wissenschaftsverlag ein Handbuch über die chemischen Elemente, das mehr als 1000 Seiten umfassen wird und sich an Studenten und Fachleute richtet. Es wird wohl im ersten Quartal 2020 erscheinen. „Schreiben ist eine weitere Leidenschaft von mir“, sagt Sicius, der inzwischen in Dormagen lebt. Seit 1989 arbeitete er bei Bayer, durch die Chemie-Ausgliederung inzwischen bei Lanxess. Dort kommt man übrigens mit 20 Elementen aus.