Wettbewerb NRW-Fotopreis geht an Krefelder Journalistin

LÜTZERATH · Wer ist der Mann auf dem Bild, der sich im Tagebau Garzweiler einem Braunkohlebagger entgegenstellt?

 "Unbeirrbar": Fuer ihr Bild eines Aktivisten vor einem Kohlebagger im Maerz 2022 ist die Krefelder Fotojournalistin Barbara Schnell vom nordrhein-westfaelischen Landtag ausgezeichnet worden. Das Foto, das in der "Frankfurter Rundschau" veroeffentlicht wurde, ist nun zum NRW-Pressefoto des Jahres gekuert worden. Schnell war fuer die Zeitung in Luetzerath, als sich ein einzelner Aktivist am Rand der Abbruchkante dem Schaufelrad des Braunkohlebaggers entgegenstellte. (Siehe Meldung des epd-Landesdienstes West vom 6.12.2022. VEROEFFENTLICHUNG DES FOTOS NUR IM ZUSAMMENHANG MIT DER BERICHTERSTATTUNG UEBER DIE AUSZEICHNUNG PRESSEFOTO NRW GESTATTET!)

"Unbeirrbar": Fuer ihr Bild eines Aktivisten vor einem Kohlebagger im Maerz 2022 ist die Krefelder Fotojournalistin Barbara Schnell vom nordrhein-westfaelischen Landtag ausgezeichnet worden. Das Foto, das in der "Frankfurter Rundschau" veroeffentlicht wurde, ist nun zum NRW-Pressefoto des Jahres gekuert worden. Schnell war fuer die Zeitung in Luetzerath, als sich ein einzelner Aktivist am Rand der Abbruchkante dem Schaufelrad des Braunkohlebaggers entgegenstellte. (Siehe Meldung des epd-Landesdienstes West vom 6.12.2022. VEROEFFENTLICHUNG DES FOTOS NUR IM ZUSAMMENHANG MIT DER BERICHTERSTATTUNG UEBER DIE AUSZEICHNUNG PRESSEFOTO NRW GESTATTET!)

Foto: epd/Barbara Schnell

. Mensch gegen Maschine: Wer ist der Mann auf dem Bild, der sich im Tagebau Garzweiler einem Braunkohlebagger entgegenstellt? Das bildstarke Foto der Krefelder Journalistin Barbara Schnell mit dem Titel „Unbeirrbar“ ist just als NRW-Pressefoto des Jahres 2022 ausgezeichnet worden. Das Bild zeigt den Klimaaktivisten Winfried Bernhard, der sich an der Abbruchkante vor den Schaufelradbagger kniet, da der Bagger den vorgeschriebenen Abstand zur Grundstücksgrenze des damaligen Besitzers, Landwirt Eckhardt Heukamp, nicht einhielt.

Was ist die Geschichte hinter diesem Bild? Winfried Bernhard kniet fast demütig vor dem gigantischen Schaufelrad, die Füße im Gras, die Knie in der schon aufgebrochenen Erde. Die Arme sind ausgebreitet, der Kopf leicht gesenkt.

Man kann viel hineinlesen in dieses Bild: Hingabe, Demut, ein Anrufen höherer Mächte angesichts der massiven Zerstörung der Natur? Der Mensch, dem der Golem Technik aus dem Ruder läuft? Die ausgebreiteten Arme als eine Geste der Abwehr und des Widerstands.

Die Krefelderin Barbara Schnell hat diesen Protestmoment mit ihrer Kamera eingefangen. Es bringt die ganze Dramatik der Situation vor Augen, für die Ortsgemeinde Lützerath der Stadt Erkelenz steht: Die Braunkohle unter Lützerath wird gebraucht, der Weiler muss abgebaggert werden. In Lützerath nahe der Abbaukante leben Gegner des Braunkohleabbaus in Wohnwagen, Häusern, Zelten und Baumhäusern. Sie wollen das Abbaggern verhindern, um das Klima zu schützen. Der Aufenthalt im Braunkohledorf ist ab sofort untersagt. Laut einer Allgemeinverfügung kann der von Klimaaktivisten besetzte Ort ab 10. Januar geräumt werden.  Drohen die gleichen Bilder wie im Hambacher Forst?

Das Ende von Lützerath ist indes längst beschlossen, politisch von der jetzigen und der früheren Landesregierungen und juristisch vom Oberverwaltungsgericht Münster. Die ehemaligen Bewohner wurden seit 2006 umgesiedelt. Doch Lützerath ist längst zum Symbol der Klimabewegung geworden, die Aktivisten glauben, dass Lützerath doch noch gerettet werden kann. Wahrscheinlich ist, dass Lützerath, für den Fall einer Räumung am 10. Januar, wohl ein einzelner, massiver Polizeieinsatz bevorsteht.

Doch wie ist das Pressefoto des Jahres eigentlich entstanden?

 „Am 9. März 2022 haben die RWE-Entscheider mal wieder versucht, Fakten zu schaffen“, erzählt Winfried Bernhardt. Sie hätten den gesetzlichen Mindestabstand von 200 Metern zum Hof von Eckardt Heukamp, damals noch Besitzer, der nicht weichen wollte, nicht eingehalten und weitergebaggert. „Wer ist hier unbeirrbar?“ fragt er. „Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat in diesem Sommer bestätigt, dass wir die Kohle unter Lützerath nicht mehr brauchen“, betont er. „Es wird uns jetzt mit dem Ukraine-Krieg eine Energie-Notlage präsentiert, aber die Leute sparen fleißig und die Flüssiggasspeicher sind voll. Aktuell brauchen wir die Braunkohle wirklich nicht. Aber RWE schafft Fakten. Und unsere neue schwarz-grüne Landesregierung unterstützt das, anstatt sich für unsere Klimasicherheit einzusetzen.“

Winfried Bernhard: „Ex-Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat 2020 den Kohleausstieg für 2038 vorgeschlagen und ein Jahr lang das Gutachten des Energieberatungsunternehmen BET unter Verschluss gehalten und erst auf das Drängen der Klimabewegung veröffentlicht. Wäre es früher veröffentlicht worden, hätten wird sofort über Kohleausstieg 2030 diskutiert und dann würden einige Dörfer hier jetzt noch stehen.“

Seine ausladende Geste vor dem Schaufelrad bezeichnet Winfried Bernhardt als notwendiges „Erkennen, Benennen, Handeln“. Seit mehr als einem Jahr kann er kaum mehr anderes denken, reden und tun. Für ihn zerstören die Bagger nicht nur Lützerath und die dort entstandene Gemeinschaft der Klimaschützer. „Lützerath steht für 280 Millionen Tonnen Braunkohle, die verfeuert werden sollen“, sagt er.

Winfried Bernhard erzählt von Klima-Aktivisten, die zum Teil seit Monaten in Untersuchungshaft sitzen, etwa, weil sie ihre Personalien nicht preisgeben wollen. Doch wie wird man Klimaaktivist? Bernhard: „Wir werden gern als linksautonome Halbterroristen kriminalisiert. Aber was wir machen, ist nicht links, sondern logisch. Wir fordern, dass unsere Verfassung eingehalten wird.“ Dass sie das nicht wird, habe das Bundesverfassungsgericht in seinem Klimabeschluss vom 24. März 2021 bestätigt. „Und dass die Welt das 1,5 Grad-Ziel nicht schafft, wird immer wahrscheinlicher. Da sind sich alle seriösen Wissenschaftler einig. Trotzdem müssen wir weiterkämpfen. Jedes Zehntel-Grad zählt.“

Schon als Kind hat sich Winfried Bernhard für die Natur begeistert. Er hat sterbende Entchen aus dem Düsseldorfer Hofgarten aufgepäppelt. Sein Urgroßvater war Forstrat. Das Bewusstsein über die Abhängigkeit des menschlichen Lebens von der Natur, wurde von der Mutter weitergereicht.

Schon als Zwölfjähriger sammelte Winfried Bernhardt in den Düsseldorfer Messehallen ein, was als „Müll“ entsorgt werden sollte, verkaufte es auf dem Flohmarkt und verdiente sich damit sein eigenes Geld. So entwickelte sich sein Lebensthema, erzählt er,  – und sein Beruf. Praktiker durch und durch mit eigenen kritischen Kopf: Seit  Jahrzehnten arbeitet er als freier Dienstleister in der Gartenpflege und im Werkstoff-Recycling. Er löst Haushalte auf und bringt alles, was darin enthalten ist, Stück für Stück zu Weiterverwertung oder mindestens ins Recycling. „Was heute als werkstoff-orientierte Ökonomie bezeichnet wird, mache ich schon immer. Das ist weder grün noch links, es ist wirtschaftlich sinnvoll und es wird mit den steigenden Rohstoff- und Entsorgungspreisen zum Glück immer wirtschaftlicher.“ 

Seit der 57-Jährige Großvater geworden ist, ist in ihm die Überzeugung gereift, dass das alles für die nachfolgenden Generationen nicht mehr ausreicht. So kam er im Dürresommer 2018 in die Klima-Aktivisten-Szene. Er kennt in fast allen Gruppierungen die Aktiven, von „Fridays for Future“ über „Scientists for Future“ bis zu „Ende Gelände“ und „Letzte Generation“. Er macht mit bei „Extinction Rebellion“, „RWE-Mahnwache Essen“, „RWE-Tribunal“, ist regelmäßig in Lützerath, unterstützt „Alle Dörfer bleiben“, „Kirche im Dorf lassen“; „Mahnwache Lützerath“, „Lebenslaute“ und die weiteren dort aktiven Klimaschutz-Organisationen.

Und er macht auch oft kreative Einzelaktionen wie etwa die vor dem Bagger, die Barbara Schnell mit der Kamera einfing. „Ein einzelner Demonstrant ist keine Versammlung, die angemeldet werden muss“, sagt er mit Blick auf das umstrittene NRW-Versammlungsgesetz. So stellte er sich wochenlang vor den Düsseldorfer Landtag und fragte die vorbeigehenden Politiker nach ihrer Klimapolitik. Auf diversen Bundestags-Wahlkampf-Veranstaltungen stellte er zudem nach der Ahrflut kritische Fragen. Während der schwarz-grünen NRW-Koalitionsgespräche stand Winfried Bernhard mit Plakaten „1,5 Grad – RWE stoppen“ unermüdlich vor dem Düsseldorfer Malkasten, warb mit dem Foto von Barbara Schnell für eine Allparteien-Koalition für das Klima, das Ende der Braunkohle, das Voranbringen der Verkehrswende. Bernhard: „Links gegen Rechts, das ist veraltetes Denken. Das können wir uns nicht mehr leisten. Wir müssen uns im Kampf gegen den Klimawandel zusammentun, sonst sind wir weiter im Krieg gegen die Natur. Und den können wir nicht gewinnen.“

Um seinem Protest Ausdruck zu verleihen, empfindet er zivilen Ungehorsam inzwischen als legitimes Mittel. Gewalt lehnt er aber entschieden ab. Sich an Bilderrahmen festzukleben, ist für ihn keine Gewalt. Regelmäßig beobachtet und begleitet er laufende Gerichtsprozesse gegen Klimaaktivisten und kritisiert die von ihm beobachtete Drangsalierung junger Demonstranten als Gewalt.

„Was rechtens ist und was manchmal auch gegen die, in Köpfen festklebende Glaubenssätze getan werden muss, darüber diskutieren wir viel. Auch darüber wie stark der Protest werden darf, gar werden muss, ob da nichts mehr zu retten ist oder unsere Menschheit die nötigen Fortschritte doch noch schaffen wird. Welche Verantwortung wir als Industrienation haben“, erklärt er. Ob demokratisch erreichte Kompromisse und Gerichtsurteile akzeptabel sein können, wenn die Wissenschaft sie weiter als definitiv unzureichend bezeichnet? Winfried Bernhardt sucht mit jedem, den er trifft, das Gespräch und lädt zum Mitstreiten, Umdenken und verändertem Handeln ein.

„Wann kommst Du nach Lützerath?“, fragt er oft. „Jeden Sonntag um 12 Uhr ist dort Spaziergang und Führung. Mit Sonntagsspaziergängen haben wir den Hambacher Forst gerettet. Vielleicht retten wir so auch Lützerath. Je mehr Menschen mitmachen, umso größer sind die Chancen für das Leben.“

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