Sie halten länger durch als Hunde und sind billiger Neue Idee: Spürbienen für die Polizei

Düsseldorf · Eine junge Polizistin hat es getestet und sagt: Es funktioniert. Die Gewerkschaft glaubt das auch. Das Innenministerium in NRW ist skeptisch, Tierschützer sind empört.

 Bienen können gut riechen und lassen sich schnell auf einen Geruch trainieren, sagt eine Polizistin.

Bienen können gut riechen und lassen sich schnell auf einen Geruch trainieren, sagt eine Polizistin.

Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Spürhunde sind für die Polizei mittlerweile ein wichtiger Partner. Ihr Problem: Sie sind schnell ermüdet und relativ teuer im Unterhalt und benötigen eine langwierige Ausbildung. Eine junge Polizeibeamtin hat eine neue Methode wissenschaftlich getestet: den Einsatz von Spürbienen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hält diesen Vorstoß für eine „mögliche Revolution für die Polizeiarbeit“ und widmet ihm die Titelstory der August-Ausgabe ihrer Zeitschrift „Deutsche Polizei“, die in der kommenden Woche erscheint.

Die 22-jährige Polizeibeamtin Sonja Kessler ist selbst Hobbyimkerin und hat 25 Bienenvölker. Sie hat den Einsatz der Insekten unter Laborbedingungen getestet, glaubt aber, dass sie auch einem Praxistest standhielten. Mittels Zuckerlösung zur Belohnung oder schwachen Stromstößen zur Bestrafung könnten die Bienen innerhalb weniger Durchläufe so auf einen bestimmten Geruch konditioniert werden, dass er sie anzieht oder abstößt.

Während der Konditionierung durch Belohnung werden den Bienen zwei Gerüche präsentiert – auf den, den die Insekten anzeigen sollen, folgt eine Zuckerlösung, bei den anderen fällt die Belohnung aus. Das Herausstrecken des Rüssels bei der Wahrnehmung der gesuchten Substanz – etwa Drogen oder Sprengstoff – entspräche dann dem Anzeigeverhalten, wie es bei Hunden etwa Bellen ist. Dieses könne durch eine Kamera dokumentiert werden. Bei der Konditionierung durch Strafe folgt laut der Autorin der Studie auf den Geruch der Substanz ein schwacher Stromschlag, so dass die Biene ans andere Ende der Kammer fliegt und wütend den Stachel zeigt – auch das gelte als Anzeigeverhalten, wenn der Geruch einmal mit dem Stromschlag verbunden ist.

Als Einsatzfeld schlägt Kessler etwa die Gepäckkontrolle am Flughafen vor. Dabei müssten die Bienen eingefangen und in einer Kammer gehalten werden. In diese könnte der Geruch eines zu durchsuchenden Koffers angesaugt werden – wenn die durch Zucker konditionierten Bienen frohlocken und den Rüssel recken beziehungsweise die mit Strom malträtierten sich wegdrängen und den Stachel blitzen lassen, müsse in dem Gepäckstück die verbotene Substanz zu finden sein.

Durch die Belohnungsmethode könnten aber zudem „ganze Bienenvölker konditioniert werden“, schreibt Kessler für die GdP. Sie könnten dann im Freiflug ein Gebiet von bis zu 50 Quadratkilometern nach der entsprechenden Substanz absuchen. Zuvor würden sie mit einem fluoreszierenden Puder bestäubt und dann im Flug von einer Drohne verfolgt, die die Spürbienen durch einen Laserstrahl ortet. „Befinden sich gleich mehrere Bienen an einer Stelle, so kann man davon ausgehen, dass die gesuchte Substanz dort aufgespürt wurde“, so die Polizistin.

Die Freiflug-Methode eigne sich „insbesondere zum Entdecken von Drogenplantagen oder zum Auffinden von Explosivmitteln wie TNT, beispielsweise in alter Weltkriegsmunition“, so Kessler. „Aber auch ein Einsatz zum Auffinden von Leichen oder vermissten Personen ist mit dieser Methode denkbar.“ Allerdings: Weder im kalten Winter noch bei Regen oder nachts sind Bienen besonders flugfreudig; das Wetter limitiert also den Einsatz der Spürbienen.

„Wir finden die Idee überzeugend“, sagt GdP-Sprecher Michael Zielasko dennoch. Deshalb unterstütze die Gewerkschaft Kesslers Vorstoß, indem sie ihn deutschlandweit bekannt mache. „Wir sehen uns in der Rolle, auf neue Dinge hinzuweisen.“ Für die Realisierbarkeit der Spürbienen spreche, dass die Untersuchung beim Europäischen Polizeikongress in diesem Jahr bereits mit dem Sonderpreis „Zukunftspreis Polizeiarbeit“ ausgezeichnet wurde.

Beim Innenministerium in Nordrhein-Westfalen winkt man auf Anfrage, ob Bienen als Einsatzmittel interessant sein könnten, ab: „In NRW ist das nicht geplant. Wir haben unsere bewährten Methoden“, erklärt eine Sprecherin. Das verwundert GdP-Sprecher Zielasko nicht – allerdings sei es nicht ungewöhnlich, dass von den jungen Kommissaren der deutschen Polizei, die für ihr Studium auch eine wissenschaftliche Abschlussarbeit anfertigen müssen, innovativer Input für die Zukunft der kriminalistischen Arbeit komme. So sei vor einem Jahr eine Kommissarin ähnlich wie Sonja Kessler mit der Idee eines Spürhundes für Mikro-Simkarten angetreten. Und dieser, so Zielasko, soll in Brandenburg wohl tatsächlich in der Praxis erprobt werden.

Einen Zeitplan, wann die Reiter- und Hundestaffeln der Polizei allerdings durch Bienenstaffeln ergänzt werden könnten, kann die GdP nicht nennen. Sonja Kessler selbst weist darauf hin, dass für den Einsatz der kleinen Sicherheitskräfte neue rechtliche Voraussetzungen geschaffen werden müssten – auch für den Fall, dass die Biene im Einsatz jemanden sticht und somit verletzt. Die Vorteile sind aus ihrer Sicht aber unbestreitbar: „Schon nach wenigen Durchläufen sind die Bienen konditioniert, so dass sie nur wenige Minuten bis zu einer Konditionierung benötigen. Durch die Masse an Bienen, die konditioniert werden können, kann gewährleistet werden, dass Bienen rund um die Uhr verfügbar sind.“

Ein klarer Einspruch kommt von der Tierschutzorganisation Peta: „Wir lehnen das Vorhaben aus Tierschutzsicht ab, da es unethisch ist“, sagt Fachreferentin Nadja Michler auf Anfrage dieser Zeitung. Insbesondere die Konditionierung mit Stromstößen, denn nach „neuesten Forschungsergebnissen können Insekten sogar Schmerzen verspüren“. Zudem seien Bienen und andere Insekten nicht da, „um von Menschen benutzt zu werden“.

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