Nacht der Bibliotheken: Zwischen Büchern wohnt die Demokratie

Kultur: Nacht der Bibliotheken: Zwischen Büchern wohnt die Demokratie

Bibliotheken befinden sich seit Jahren im Wandel. Ein Ortsbesuch in Krefeld anlässlich der landesweiten Nacht der Bibliotheken.

Evelyn Buchholtz ist Diplom-Bibliothekarin. Ihr Examen hat sie 1980 abgelegt. „Aber mit dem, was ich heute mache, haben meine Studieninhalte fast nichts mehr zu tun.“ Um eine erste Ahnung zu bekommen, was die 60-Jährige damit meint, reicht es schon, sich den Namen der Einrichtung anzuschauen, für die sie seit elf Jahren tätig ist und deren Leitung sie 2016 übernommen hat: Es ist die Mediothek Krefeld.

Mediothek und nicht Bibliothek oder Bücherei. Natürlich, von den insgesamt 175 500 Medien, die auf den 4000 Quadratmetern öffentlich zugänglich sind, entfallen immer noch 135 000 auf Bücher. Aber die Gewichte verschieben sich – nicht erst, seit das Internet dazu geführt hat, dass die Nachfrage nach Sachliteratur eklatant nachgelassen hat. Dabei weisen auch andere Medien längst nicht mehr zwangsläufig in die Zukunft: „Die Altersgruppe zwischen 14 und 30 Jahren leiht keine CD mehr aus.“ Streamingdienste machen nicht nur der Industrie, sondern auch die Bibliotheken zu schaffen.

Treffpunkt und Ort für gemeinsames Lernen

Der Rettungsanker, auf den die öffentlichen Bibliotheken, ob in kommunaler oder kirchlicher Trägerschaft, seit einigen Jahren zurückgreifen, heißt Dritter Ort. Der Begriff stammt vom amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg. Auf die Einrichtungen bezogen, meint er das Nutzen der Lücke, die sich zwischen dem privaten Zuhause und der Arbeits-, Schul- oder Studienwelt auftut. „Wir sind öffentlich zugänglich und nicht kommerziell. Hier kann ich allein sein oder mich treffen, um gemeinsam zu lernen“, beschreibt Buchholtz ihren täglichen Arbeitsplatz.

Als exemplarischer Ort, um zu begreifen, was das konkret bedeuten könnte, ist Krefeld denkbar geeignet. Erst 2008 wurde der Neubau nach zweijährigem Provisorium auf dem zentral gelegenen Theaterplatz an der Stelle der alten Stadtbücherei eröffnet. Auf acht barrierefrei verbundenen Ebenen ist vor allem eines augenfällig: Überall gibt es Freiräume der Begegnung und des Lernens.

Das beginnt im sogenannten Fuchsbau, einem Raum im Kinderbereich, in dem sich samstags Väter mit ihren Kindern tummeln, und führt über das flexibel für Veranstaltungen zu nutzende Atrium und Studios für Gruppen- und Einzelarbeit bis hinauf zu Plätzen zum Arbeiten und Chillen im Jugendbereich. Weil das Konzept aufgeht und beispielsweise Schüler in der Abivorbereitung zum Teil bis abends zusammensitzen, ist das in Bibliotheken übliche Ess- und Trinkverbot in Krefeld mittlerweile aufgeweicht: Verboten bleiben warme und geruchsintensive Speisen. „Aber das Trinken und den Biss ins Pausenbrot erlauben wir“, sagt Buchholtz.

Der Neubau, der im vergangenen Jahr sein Zehnjähriges feierte, hat die kommunale Einrichtung vor massiveren Spareinschnitten bewahrt, obwohl auch Krefeld ins Haushaltssicherungskonzept rutschte. Einzig der Bücherbus und die letzte Zweigstelle fielen den städtischen Streichlisten zum Opfer. Für dieses Jahr können die Leiterin und ihre 35 Mitarbeiter mit einem Anschaffungsetat in Höhe von 300 000 Euro planen.

Engel-Selfie zum Hashtag #bunteskrefeld

Wenn am Freitag um 17 Uhr das Programm zur Nacht der Bibliotheken beginnt, wird im Foyer eine Flügel-Fotowand aufgebaut sein. Dort kann die Selfie-Generation sich als farbenfrohen Engel ablichten und unter dem Hashtag #bunteskrefeld für Toleranz werben. Die symbolträchtige Idee unter der Überschrift „Toleranz verleiht Flügel!“ verdeutlicht gut, wo Buchholtz die Zukunft der Bibliotheken im Land sieht: als Ort der demokratischen Debattenkultur unter Verzicht auf den erhobenen Zeigefinger. Der sei, räumt sie augenrollend ein, auch ihrer Branche nicht immer fremd.

„Ich mache etwas in der Bibliothek mit Mehrwert und mit anderen, das wird die Zukunft“, ist die Leiterin überzeugt. Das landesweite Motto der Aktionsnacht lautet nicht umsonst „Mach es!“ Auch künftig werde sie die Fahne des Buches hochhalten, „weil das Lesen von Texten für den vertieften Wissenserwerb notwendig ist“. Aber die erweiterten Angebote ihres Hauses von Workshops zur japanischen Comicvariante Manga bis zu Konsolenspielen sind für Buchholtz kein Verrat am Ziel der Leseförderung: „Das Lesen ist eine Fähigkeit, die Sie in all diesen Umgebungen zwingend brauchen.“ Auch eine Spielanleitung muss schließlich erst einmal verstanden werden.

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