Theater: Familie ist die Keimzelle der Revolution

Theater: Familie ist die Keimzelle der Revolution

Die Premiere des Stücks „Terrorprogramm“ ist bereits ausverkauft.

Mönchengladbach. Eigentlich müsste ich doch mehr Bioprodukte kaufen, weniger Autofahren oder mich politisch engagieren - wer kennt es nicht, das ewig schlechte Gewissen des modernen Zeitgenossen. Das Stück Terrorprogramm von Marc Becker "wirft einen humorvoll und scharfzüngigen Blick auf diese deutsche Befindlichkeit", sagt Dramaturgin Vera Ring.

Unter der Regie des Ensemblemitglieds Christopher Wintgens feiert das Stück morgen auf der Studiobühne des Theaters Premiere. Der alten Frage, was eigentlich "geblieben ist von unserem Willen zur Revolution", wird hier nicht moralisierend, sondern "mit einem Angriff auf die Lachmuskeln" nachgegangen, sagt Vera Ring. Der Text des Stücks hat für die Dramaturgin kabarettistischen Wert: "Wir erwischen und selber bei dem, was wir tun".

Marc Beckers Vorliebe am Absurden hat Christopher Wintgens "sehr nah am Ursprungstext" umgesetzt. Vor dem schlichten Hintergrund einer spartanisch gestalteten Bühne führen sich die Personen des Stücks im Comedytempo selber vor.

Die Struktur ist aus dem allabendlichen Fernsehprogramm bekannt. Die Szenen werden von einem Conferencier, dargestellt von Ralf Beckord, moderiert. Da ist Herr Pinsel, gespielt von Sven Seeburg, der sich in der ersten Szene gleich selber in Geiselhaft nimmt.

Der Idealist, der er einst war, rechnet mit dem heutigen Kapitalisten ab. Hier zeige sich, dass "die extremste Form des Terrors, der gegen sich selbst" ist, sagt Christopher Wintgens. Auf diese Weise finde die Figur zwar keinen Weg zu ihren Idealen zurück, aber dafür zu sich selber.

Eine Käsekultur, gewachsen auf einem alten Camembert aus der Normandie, wird den beiden Freundinnen (Floriane Kleinpaß und Ines Krug) zu Utopia. Die beiden treffen sich auf einer Volksbefreiungsparty, deren Partyort so konspirativ ist, dass außer ihnen keiner kommt.

Im Stil der amerikanischen TV Serie "Eine schrecklich nette Familie" kommt in der letzten Szene der ganz normale Familienwahnsinn schräg und überdreht zu Wort. So sehr sich die Kinder Stolzenberger auch anstrengen, sie können gar nicht revolutionärer sein als ihre Eltern und nur wieder eine Familie gründen. Fazit: Die Familie ist die wahre Keimzelle der Revolution.

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