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Rückfall in gewalttätige Zeiten?

Rückfall in gewalttätige Zeiten?

Volles Haus, keine Randale, Hochspannung — zuletzt hatten die Begegnungen zwischen der Borussia und dem 1. FC Köln hauptsächlich sportliche Schlagzeilen geschrieben. Doch ein Fahnen-Diebstahl könnte das wieder ändern.

Auch dieses Derby hätte allein von seiner sportlichen Brisanz leben können. Schließlich wurde es das achte in Folge, das mit maximal einem Tor Unterschied endete. Doch nach einem Vorfall in der Halbzeitpause gibt es mehr aufzuarbeiten als Borussias 1:2-Niederlage beim 1. FC Köln. Ein Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten, was Ärger zwischen den Fanlagern angeht.

Die Zuschauer, die sich nicht zum Bratwurst- oder Getränkekauf verdrückt hatten und im Stadion geblieben waren, benötigten ein paar Sekunden, um zu erkennen, was sich da am Sonntag abspielte. Ein Mann in orangefarbener Ordner-Weste sprintete über den Platz. In seiner Hand: eine grün-schwarze Fahne. Nach einem beherzten Sprung über den Zaun verschwand der Dieb in der Menschenmenge.

Die Kölner Fans johlten, die Gladbacher Fans tobten. Aus dem Kreis der Ultras wiederum kletterten einige über den Zaun in den Innenraum. Die Polizei drängte sie, teilweise mit Schlagstöcken, zurück.

Die Liste der Tiefpunkte in der Rivalität zwischen Köln und Gladbach ist um ein Kapitel reicher.

Bald ist es genau zehn Jahre her, dass die Ultras Mönchengladbach, wie sie damals noch hießen, diese Sätze schrieben: „In den Abendstunden nach dem Heimspiel gegen den FC St. Pauli ist es drei unbekannten Jugendlichen gelungen, in unseren Fahnenraum im Stadion zu gelangen. Dort entwendeten sie unter anderem unsere Heimspielzaunfahne.“ Die Ultra-Gruppierung löste sich aufgrund eines für Außenstehende oftmals nicht nachvollziehbaren Kodex auf.

Borussia spielt zu dieser Zeit — genau wie der 1. FC Köln, dessen Ultras als Fahnendiebe ausgemacht worden sind — in der 2. Bundesliga. An einem Montagabend treffen sich die beiden Traditionsklubs in Köln zum Topspiel um den Aufstieg, doch es wird überschattet von Ausschreitungen. Zunächst präsentieren Kölner Ultrasdie geklaute Zaunfahne der Ultras MG. Im Gästeblock brechen Tumulte aus. Gladbacher Spieler wie Sascha Rösler beruhigen die Lage.

Gladbacher Hooligans schießen Leuchtraketen auf Shuttlebusse mit Kölner Fans. Die wiederum befreien sich, indem sie Scheiben kaputtschlagen. Rund 200 von ihnen versuchen, das Gladbacher Fanhaus zu stürmen, was die Polizei verhindert. Die Aachener Straße und die Autobahnabfahrt Holt werden zeitweise gesperrt.

Auf dem Weg zum Kölner Stadion wird eine Straßenbahn, in der Gladbacher Fans sitzen, mit Leuchtraketen beschossen. Es gibt Schlägereien vor dem Stadion. Kölner Hooligans versuchen, den Gästeblock zu stürmen.

Rund um den Borussia-Park herrscht ein striktes Alkoholverbot. Die Sicherheitsmaßnahmen der Polizei erreichen ein trauriges Ausmaß, das einem G20-Gipfel gleicht. Es bleibt dafür weitgehend friedlich.

Borussia hat an diesem Sonntag in Nürnberg gespielt, Köln in Hoffenheim. Auf der A3 drängen Mitglieder der Ultra-Gruppierung „Wilde Horde“ einen Gladbacher Fanbus auf einen Rastplatz. Mit Baseballschlägern und rot-weiß angemalten Pflastersteinen greifen sie den Bus an, dessen Fahrer Gas gibt, als eine kleine Lücke entsteht. So entkommen die Gladbach-Fans zumindest körperlich unversehrt. Erst 2015 werden drei Mitglieder der „Wilden Horde“ zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Es ist das erste Derby seit zweieinhalb Jahren. Vor dem Anpfiff prügeln sich Hooligans auf einer Wiese hinter dem Kölner Stadion. Online taucht ein Video auf, in dem ein Hooligan mit einem Verkehrspoller auf einen am Boden liegenden Mann einschlägt. Die Gewaltbereitschaft beider Seiten ist erschreckend. 93 Personen werden in Gewahrsam genommen. Für Ärger sorgt eine Kölner Choreo, die einen abgetrennten Fohlenkopf zeigt. Vor dem Derby sollen Gladbach-Fans in eine Halle eingebrochen sein, in der die Choreo vorbereitet wurde.

Granit Xhaka hat gerade in der Nachspielzeit den Siegtreffer für Gladbach erzielt, als rund 30 Kölner Hooligans den Platz stürmen. Sie tragen weiße Maleranzüge — es ist Karnevalssamstag. Auf dem Rasen kommt es zu Jagdszenen und Handgreiflichkeiten. Der 1. FC Köln wird mit einem Teilausschluss seiner Zuschauer bestraft und muss 200 000 Euro zahlen.

Die meisten Gladbach-Fans boykottieren das Derby in Köln, weil sie weniger Karten zur Verfügung gestellt bekommen haben und die Tickets personalisiert sind. Im fast leeren Gästeblock hängt ein Transparent mit der Aufschrift „Wollt ihr das?“. 500 zu Hause gebliebene Fans nehmen an einem Protestmarsch vom Fanhaus in die Altstadt teil.

Diesmal demonstrieren die Kölner Fans — in Rheydt. Ihr Kontingent ist halbiert worden. Die aktive Kölner Fanszene bleibt dem Spiel fern und Gladbacher Ultras machen keine Stimmung.

Dreimal volles Haus, dreimal keine Randale, dreimal Hochspannung — bis dahin hat mal nur das sportliche Geschehen im Mittelpunkt gestanden. Nach dem erneuten Fahnenklau durch Kölner Fans und dem versuchten Platzsturm Gladbacher Fans sieht es wieder anders aus.