Mönchengladbach: Lkw-Chaos rund um Amazon-Logistikzentrum in Rheindahlen

Neues Logistikzentrum in Mönchengladbach : Lieferverkehr verursacht Verkehrschaos

Täglich verirren sich Lkws auf der Suche nach dem Amazon-Logistikzentrum. Die Anwohner sind mächtig sauer.

Stefan Wilms ist ein kerniger Landwirt, einer der ohne viel zu fragen anpackt. Insofern ist es für ihn schon selbstverständlich, einen 40-Tonner, der sich auf seinen Hof verirrt und dort festgefahren hat, mit dem Traktor herauszuziehen. Nur passiert das inzwischen permanent. „Wir haben laufend riesige Lkw im Dorf, die Amazon suchen“, sagt Wilms, dessen Hof in Broich an der Grenze zu Wyenhütte liegt. Fotos belegen: Die Lastwagen fahren in enge Spielstraßen und komme ohne Hilfe nicht mehr heraus. Sie missachten Durchfahrtverbote und versuchen sich über einen verbotenen Feldweg und einen noch verboteneren Fahrradweg zum Hamburgring zu Amazon durchzuschlängeln. „Es reicht uns hier mittlerweile“, schimpft Wilms. „Jeder kann sich mal verirren oder festfahren. Aber das ist zu viel.“ Nach eigenen Angaben hat er bereits 20 bis 25 Lastwagen mit seinem Traktor aus ihrer Notlage befreit. „So kann es nicht weitergehen.“

Amazon hatte sich eigentlich Besserung erhofft. Seit Anfang August ist das neue Logistikzentrum in Betrieb. In den ersten Monaten wurde das Zentrum von vielen Lastwagen angesteuert, weil viel Ware angeliefert werden musste. Das Weihnachtsgeschäft hat dies noch verstärkt. Das Gewerbegebiet „Hamburgring“ ist zwar ausgeschildert, aber zunächst gab es keine Schilder, die explizit auf Amazon hinweisen. Davon stehen inzwischen zwei an der Bundesstraße 57 mit der Aufschrift „Zufahrt Amazon“. „Aber das hat die Situation nicht verbessert, es ist sogar noch schlimmer geworden in den letzten Wochen“, sagt Stefan Wilms. Anwohner Thomas Wagner ist auch dieser Meinung: „Ich habe mittlerweile den Eindruck, dass der Wirtschaftsweg, der an die Rochusstraße grenzt, gerne als Abkürzung benutzt wird.“

Ein weiterer Laster versucht im Dorf zu wenden. Foto: Stefan Wilms

Die Folgen sind unübersehbar: Die Lkw hinterlassen ihre Spuren beim Rangieren. Bordsteine und Fahrbahnränder sind sichtbar in Mitleidenschaft gezogen. An einem Grundstück ist der Gartenzaun niedergefahren worden, der Fahrer fuhr einfach weiter. „Die Eigentümer haben Anzeige erstattet wegen Fahrerflucht“, sagt Wilms. Auf den Kosten in Höhe von mehreren Tausend Euro drohen sie trotzdem sitzen zu bleiben. Aber auch die Lastwagen haben gelitten. Auf dem Feld gegenüber der Einfahrt zu Wilms’ Hof liegen einige abgefahrene Fahrzeugteile, darunter sogar ein ganzer Außenspiegel.

Dieser Lastwagen hat sich auf der Wiese von Stefan Wilms festgefahren. Foto: Stefan Wilms

Derzeit fahren rund 50 bis 100 Lkw das Logistikzentrum an, wie Amazon-Sprecher Thorsten Schwindhammer sagt. Es kämen zwar auch noch Waren herein, aber nicht mehr so viele wie noch vor Wochen. „Aktuell befinden wir uns mitten in der Weihnachtssaison – die arbeitsreichste Zeit bei Amazon. In dieser Zeit fahren mehr Lkw den Standort an, um Ware anzuliefern oder Pakete abzuholen. Wir sind als neuer Standort stetig dabei, unsere Prozesse zu schärfen und die Abfertigung der Lkw zu optimieren“, sagt Schwindhammer und betont: „Wir wollen ein guter Nachbar sein und haben stets ein offenes Ohr für Anregungen.“

Landwirt Stefan Wilms ärgert sich über die vielen Lastwagen. Foto: Andreas Gruhn

Ein zweites anfängliches Problem, nämlich dass die Lkw-Fahrer in der Warteschleife ihre Notdurft in den Feldern verrichten, habe sich laut Wilms inzwischen gebessert. Amazon hatte dafür die eigens angelegten sanitären Anlagen besser ausgeschildert. Auch der Lkw-Stau auf dem Hamburgring hat sich einigermaßen dadurch entspannt, dass Amazon einen weiteren Parkplatz angemietet hat und die Fahrer dort warten, bis sie auf dem Gelände Ware abgeben oder aufnehmen.

Ein Amazon-Lkw nimmt eine verbotene Abkürzung über den Feldweg. Foto: Stefan Wilms

Für Bezirksvorsteher Arno Oellers (CDU) ist die Verkehrslage ein großes Problem. „Dass die Lastwagen da mitten durch Wyenhütte fahren, das geht gar nicht. Das muss besser werden“, sagt er. Oellers schlägt vor, dass die Beschilderung weiter verbessert wird. Er wünscht sich, dass der Amazon an der Bundesstraße 57 entsprechend ausgeschildert wird. Zuständig dafür wäre der Landesbetrieb Straßen NRW. Auch sollen Wyenhütte und Broich künftig besser vor den fahrenden Riesen geschützt werden. Die Schilder, die die Durchfahrt eigentlich verbieten, haben bisher jedenfalls nicht viel geholfen.

Aber auch auf der anderen Seite des Logistikzentrums gibt es Ärger über Lkw-Verkehr. Eigentlich sollen die Lastwagen über die Bundesstraße 57 an- und abfahren oder über die L 370 in Richtung Rheydt zur Autobahn fahren.

Aber Anwohnerin Marita Siemes berichtet von vielen Lkw, die über die Erkelenzer Straße in Richtung Rheindahlen an oder abfahren. Im November hat sie an drei Tagen insgesamt viereinhalb Stunden Lkw auf der Erkelenzer Straße innerorts gezählt und genau protokolliert. Sie kam auf 186 Durchfahrten, davon 41 von Bussen, die dort fahren dürfen. Der Rest muss eigentlich anders fahren. „Vielleicht sollte Amazon detaillierte Informationen an die Fahrer geben, wo sie fahren dürfen und wo nicht“, sagt Marita Siemes. Das hoffen Thomas Wagner und Bauer Stefan Wilms auch.