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Mönchengladbach: Geflüchteter macht Abitur mit einem Durchschnitt von 1,1

Erfolgsgeschichte in Mönchengladbach : Geflüchteter besteht sein Abitur mit 1,1

Amir Malak ist in Syrien aufgewachsen. Im Jahr 2015 flüchtete er mit seiner Familie nach Deutschland. An die Anfangszeit erinnert er sich nicht gerne zurück. Und doch ist sie wichtig für das, was danach kam: Sein Abitur machte er mit einem Notendurchschnitt von 1,1. Jetzt möchte er Medizin studieren.

„Ich möchte Arzt werden“, sagt Amir Malak und wirft einen kurzen Blick auf sein Zeugnis, das vor ihm auf dem Tisch liegt. 1,1 steht da als Notendurchschnitt seines Abiturs, das er dieses Jahr am Berufskolleg Volksgartenstraße gemacht hat. 15 Punkte in Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik, 13 Punkte in Mathe und Deutsch. Und das, obwohl Malak erst seit viereinhalb Jahren in Deutschland lebt und vorher nie Deutschunterricht hatte.

Eigentlich kommt Malak aus Syrien. Bis Dezember 2015 lebte er dort mit seiner Familie, dann mussten sie plötzlich fliehen. „Mein Vater arbeitete mit Organisationen zusammen, die humanitäre Hilfe für Kriegsgebiete sicherten. Das hat der Regierung nicht gefallen und er wurde bedroht“, erzählt der 21-Jährige. Drei Tage hatten sie Zeit, um zu packen und ihre Flucht zu planen. Illegal überquerten sie das Mittelmeer. „Wir wussten, dass wir auf dem Weg sterben könnten. Aber wir hatten keine andere Wahl“, sagt er. Elf Tage lang dauerte die Überquerung, die für die Familie sehr anstrengend war. „Meine kleine Schwester war erst zehn Monate alt, das hat alles schwieriger gemacht“, sagt er.

Am 15. Dezember erreichten sie Deutschland. „Der Beginn meiner Kampfgeschichte“, sagt Malak. In den ersten sechs Monaten kümmerte er sich um die Papiere. Ohne Deutschkenntnisse haben sie für ein einseitiges Schreiben eine Stunde gebraucht, um zu verstehen, worum es überhaupt geht. Auch, dass er auf Deutsch nicht das ausdrücken konnte, was in seinem Kopf vorging, machte ihn fertig. Zum Beispiel an der Kasse im Supermarkt, wenn er etwas nicht verstanden hat. „Ich bin sehr sensibel. Jede kleine peinliche Situation ist sofort etwas Großes für mich“, sagt er.

Nach einem halben Jahr in Deutschland durfte Malak endlich wieder zurück in die Schule. Jeden Tag ging er mit einem Wörterbuch in der Hand zum Berufskolleg.

Der Anfang sei hart gewesen: „Ich wollte alles abbrechen. Ich habe mit Depressionen gekämpft“, sagt er. Doch dann änderte sich plötzlich etwas in ihm. „Ich konnte meine negativen Gefühle in Motivation umwandeln“, erzählt er. Medizin zu studieren, das war ein Ziel, das er unbedingt erreichen wollte. Jeden Tag lernte er nach der Schule Deutsch, bis in den späten Abend hinein. Am meisten dabei geholfen hat ihm Youtube. Nach und nach verbesserten sich nicht nur seine Deutschkenntnisse, sondern auch seine Noten. Als bester seiner Klasse schloss er sein Abitur ab. Ihn wundert das auch – in Syrien habe er nämlich immer zu den mittelmäßigen Schülern gehört.

An 17 Unis in ganz Deutschland hat er sich für ein Medizinstudium beworben. Sein Leben habe ihn darauf vorbereitet, sagt er, vor allem seine Zeit in Syrien. Während des Krieges habe er miterlebt, wie schwer es gewesen sei, an medizinische Versorgung zu kommen. „Ich habe täglich Mütter auf den Straßen betteln sehen, weil sie Geld für die Behandlung ihrer Kinder brauchten“, sagt Malak. Auch seine beste Freundin habe Probleme mit ihren Augen gehabt. Da sie keine Hilfe bekam, sei sie halb blind geworden. Deswegen möchte Malak auch Augenarzt werden. „Der Drang, kranken Menschen weiter zu helfen, ist sehr groß in mir“, sagt er.

Malak hat noch ein Ziel: Er möchte Menschen, die ebenfalls geflüchtet sind, inspirieren und ihnen zeigen, dass es funktionieren kann – auch in einem fremden Land, ohne Sprachkenntnisse. In letzter Zeit habe er oft mitbekommen, dass viele seiner Bekannten den Mut verlieren. „Ich hätte auch fast aufgegeben, ich weiß, wie sich das anfühlt. Aber zum Glück habe ich weitergemacht“, sagt er.