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Mönchengladbach: Ein queeres Zentrum für die Stadt

Redaktionsgespräch in Mönchengladbach : „Verstecken ist keine gute Taktik“

Heike Kivelitz und Iris Pleske vom Verein LesLie sprechen über familiäre Erwartungen, Coming out und Mobbing.

LesLie ist ein Verein, in dem sich lesbische Frauen organisieren. Seit wann gibt es diesen Verein?

Heike Kivelitz: LesLie ist der älteste Verein in der queeren Szene Mönchengladbachs. Wir haben letztes Jahr unseren 20. Geburtstag gefeiert.

Wie groß ist die Szene in Mönchengladbach? Wie viele lesbische und schwule Menschen leben in der Stadt?

Kivelitz: Das wissen wir nicht wirklich. Die Dunkelziffer ist extrem hoch. Ich bin Psychotherapeutin und sitze für LesLie am Beratungstelefon. Es rufen immer wieder Frauen an, die seit vielen Jahren in der Stadt leben und bisher keinen Kontakt zu uns hatten.

Sie planen ein queeres Zentrum für Mönchengladbach.

Kivelitz: Ja, wir haben gemeinsam mit dem CSD (dem Verein, der in Mönchengladbach den Christopher Street Day organisiert Anm. d. Red.), bei dem wir gleichzeitig auch Mitglied sind, und dem schwul-lesbischen Karnevalsverein De Leckere Jecke einen Antrag an den Stadtrat gestellt. Im Gegensatz zu früher wurde der Antrag nicht abgelehnt. Es gibt jetzt erst mal einen moderierten Workshop mit Sozialplaner, Gleichstellungsbeauftragter und Stadtteilkoordinator, der  hoffentlich ein Einstieg in die Projektplanung wird.

Wozu braucht Mönchengladbach ein queeres Zentrum?

Kivelitz: Durch ein Zentrum wird die queere Community sichtbar. Es soll als Anlaufstelle fungieren, Beratung bieten, einen Platz, an dem jede und jeder so sein kann, wie er oder sie ist.

Iris Pleske: Jede Stadt braucht ein solches Zentrum, so lange ein schwules Paar verprügelt wird wie neulich auf dem Rheydter Markt oder es Diskriminierung gibt. Es ist auch zu spüren, dass der Wind rauer wird und  sich Tendenzen verstärken, die das Erreichte zurückdrehen möchten.

Hat Ihr Verein keine eigenen Räume?

Kivelitz: Nein, nicht mehr. Wir konnten früher die Räume des autonomen Frauenzentrums Lila Distel mit nutzen. Das passte gut, denn ihnen wie uns ging es um einen Schutzraum für Frauen. Aber nach dem Brand des Düsseldorfer Flughafens wurden die Brandschutzbestimmungen verschärft und damit endete die Kooperation. Das Problem ist, dass wir ohne Räumlichkeiten auch keine Fördergelder für Projekte bekommen. Und auch sonst ist es eng geworden: Es gibt keine Kneipen mehr, in denen wir uns treffen können. Den Frauen-Schwof, zu dem bis zu 200 Frauen kamen, haben wir vor fünf Jahren aufgegeben.

Weil Sie keine Räume zum Tanzen gefunden haben?

Kivelitz: Ja, passende Räume zu finden war schwierig. Viele Frauen wollen sich nicht erst von Kopf bis Fuß von den Stammgästen einer Kneipe mustern lassen, ehe sie in den Veranstaltungsraum kommen. Wenn das passiert, kommen sie nicht wieder. Im letzten Lokal hat sich der Wirt so machomäßig aufgeführt, dass die Zahl der Teilnehmerinnen von 200 auf 40 zurückging. Deshalb haben wir mit dem Frauen-Schwof aufgehört.

Für Tanzveranstaltungen wäre in einem möglichen Zentrum aber wahrscheinlich auch kein Platz. Welche Räume würden Sie benötigen?

Kivelitz: Wir brauchen ungefähr die Fläche, die im Frauenzentrum zur Verfügung stand. Das waren etwa 200 Quadratmeter. Ein Büro, das die drei Vereine CSD, Leckere Jecke und LesLie sich teilen, zwei Gruppenräume, eine Abstellkammer für das ganze Equipment des CSD und idealerweise einen Raum mit Küche, wo man auch mal ein Frühstück veranstalten oder eine Lesung durchführen kann.

An wen außer den Vereinsmitgliedern wendet sich ein solches Zentrum?

Kivelitz: Wir würden das ganze Spektrum abdecken von der Jugendarbeit bis zu den alten Menschen. Queere Jugendgruppen gibt es momentan bei der Aidshilfe, auch das Step macht eine gute Arbeit. Aber Jugendliche vor der Comingout-Phase brauchen einen Raum, um sich selbst ohne Druck von außen zu finden. Dabei wollen wir sie begleiten, und zwar ergebnisoffen. Aber im Prinzip wenden wir uns an alle Altersgruppen. Es gibt zum Beispiel die sogenannten Late Bloomers, Frauen, die sich nach der Familienphase, wenn die Kinder groß sind, umorientieren. Besonders wichtig wäre mir auch die Arbeit mit Seniorinnen und Senioren: Lesbische Frauen oder schwule Männer, die ihre Partner verloren haben, sind im Alter besonders einsam. Obwohl wir noch gar kein Zentrum haben, haben wir hier schon Kooperationspartner für ambulant betreutes Wohnen und einen Pflegedienst.

Haben Sie in der Stadt Erfahrungen mit Homophobie gemacht?

Pleske: Wenn ich meine Frau in den Arm nehmen will, dann mache ich das auch in der Öffentlichkeit. Wenn dumme Sprüche kommen, dann „sprüchle“ ich zurück. Oder ich erkläre, dass sich niemand seine sexuelle Orientierung aussucht. Dass sie nicht anerzogen oder ausgewählt wird, sondern angeboren ist.

Dringen Sie damit durch?

Pleske: Das kommt darauf an. Duckmäusertum und Verstecken sind jedenfalls keine gute Taktik. Ich habe  nie ein Problem damit gehabt, lesbisch zu sein. Ich weiß aber natürlich von Frauen, die nach dem Coming-out große Probleme in ihrer Familie hatten.

Auch heute noch?

Kivelitz: Es kommt auf die Familie an, aber in sehr konservativen Familien haben Lesben und Schwule auch heute keine Chance. Da gibt es die Erziehung zur Zwangsheterosexualität, die aber letztlich auch nichts an der sexuellen Orientierung ändert. Aus solchen Familien auszubrechen, ist schwer. Und grundsätzlich bedeutet ein Coming-out meist, die Erwartungen der Eltern nicht zu erfüllen. Erst einmal ist es eine Enttäuschung, die zu Aggression führen kann. Ich kenne zum Beispiel einen jungen Mann, auf den seine Mutter mit dem Brotmesser losgegangen ist, als er ihr mitteilte, dass er schwul ist.

Haben Sie persönlich diskriminierende Erfahrungen gemacht?

Kivelitz: Es ist schon länger her, aber es hat mich sehr geschockt. Damals wollte ich die Erlaubnis, in Schulen die Telefonnummer für ein Lesbentelefon auszuhängen, ein vom Land gefördertes Beratungsprojekt. Die Verantwortliche hat mich angeschrien, dass man die Schüler vor solchen Menschen wie mir schützen müsse. Ich war sprachlos. Ich habe auch in anderen Situationen durchaus Mobbingerfahrungen gemacht.

Ihren Verein LesLie gibt es seit 21 Jahren. Was hat sich seitdem für die queere Community verbessert oder verschlechtert?

Pleske: Es hat sich schon ein wenig verbessert. Mönchengladbach ist ein bisschen offener geworden. Die Ehe für alle hat dazu beigetragen. Das hat etwas im Bewusstsein verändert. Anscheinend denken viele, dass etwas, das  erlaubt ist, nicht so falsch sein kann.

Gladbachs schwules Prinzenpaar ist sehr gefeiert worden.

Pleske: Ja, davon war ich sehr begeistert. Und dass die Menschen allgemein auch begeistert waren, zeigt schon, dass die Stadtgesellschaft offener geworden ist. Das ist das Allerbeste.

Kivelitz: Da kann man auch sehen, wie wichtig die Sichtbarkeit der queeren Community ist.

Der Christopher Street Day ist ausfallen. Wird er im Herbst nachgeholt?

Kivelitz: Nein, das ist organisatorisch nicht zu schaffen. Wir versuchen allerdings, die von uns für den CSD geplante Lesung im Herbst durchzuführen. Thematisch dreht sie sich um geflüchtete lesbische Frauen.

Pleske: Ich hoffe, dass wir  mit dem CSD 2021 an den Erfolg vom letzten Jahr anknüpfen können. Das war wunderschön, der Marktplatz war brechend voll und es herrschte eine tolle Stimmung.