Kletterkirche: Klettern als Selbsterfahrung

Kletterkirche: Klettern als Selbsterfahrung

Kinder entdecken in schwindelnder Höhe, was sie leisten können.

Mönchengladbach. Wie ein Wirbelwind klettert Hermine an der zehn Meter hohen Wand nach oben. Wenn ihre kleinen Hände keinen Griff zum Festhalten erreichen, versucht sie es mit den Füßen. Beinahe kopfüber hängt die quirlige Fünfjährige dann in ihrem Sicherungsgurt am Seil, stemmt ein Bein gegen die Wand und schraubt sich allein mit dessen Muskelkraft weiter in Höhe: „Nö, ich habe keine Angst“, sagt Hermine munter, als sie wieder unten ist. Immerhin ist die kleine Kletterin bereits ein alter Hase an der Wand. Seit zwei Jahren trainiert sie regelmäßig.

Die jüngste Teilnehmerin am Kids-Kletter-Marathon „ist ein echtes Naturtalent“, erzählt Simone Laube, Geschäftsführerin der Kletterkirche. Erstmals wird hier der Wettbewerb für den Nachwuchs ausgetragen. Rund 26 Kinder sind an den Kletterwänden aktiv. Für sie ist ein Parcours aus Routen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und Höhen aufgebaut, den sie immer paarweise bewältigen müssen.

Es bleiben vier Stunden Zeit, um so viele Meter wie möglich zu erklettern: „Ausdauer ist dabei wichtiger als Schnelligkeit“, sagt Winfried Schmidt. Außerdem kommt es auf eine gute Konzentration und Rücksicht auf die anderen Kletter an. Wer gerade oben ist, muss sich auf seinen Partner unten am Sicherheitsseil verlassen können: „Es ist beeindruckend wie viel Verantwortung die Kinder füreinander zeigen“, findet der Mitinhaber der Kletterkirche.

Maike checkt nervös ihre SMS: „Ich suche noch eine Partnerin“, erzählt die 13-Jährige. Ihre Gegner sammeln bereits Punkte. Trotz des späten Starts rechnet sie mit einer guten Platzierung. Dreimal in der Woche kommt sie zum Klettern her: „Mir gefällt es, dass die Route jedes Mal anders ist und ich genau sehe, was ich erreicht habe“, sagt Maike.

Runa ist gerade aus 13 Metern Höhe wieder am Boden angekommen und noch außer Atem: „Das war ziemlich anstrengend“, so die Zehnjährige. Mit Partnerin Anna hat sie sich eine zu schwierige Route vorgenommen: „Die beiden sind sehr ehrgeizig“, bestätigt Annas Mutter.

Sorgen macht sie sich nicht, wenn sich ihre Tochter in schwindelnder Höhe von einem Griff zum nächsten hangelt: „Anna hat durch das Klettern unglaublich viel an Wahrnehmung und Koordinationsfähigkeit gelernt“, berichtet Susanne Feron.

„Beim Marathon ist es wichtig auf seinen Körper zu hören“, sagt Laube. Im Gegensatz zu vielen Erwachsenen könnten Kinder das erstaunlich gut.

Allerdings muss sie die Jungs manchmal stoppen: „Macht mal eine Pause und esst eine Banane“, rät sie Ben und Jan. Die haben viele Punkte gesammelt und reiben sich die müden Arme: „Irgendwann tun die Muskeln weh, aber es geht noch“, sagt Jan. Der 14-Jährige ist sonst eher zurückhaltend, aber wenn das Kletter-As mit Leichtigkeit die Wand erklimmt, steht er im Mittelpunkt: „Die anderen haben sich um ihn als Partner gerissen“, erzählt Laube. Auch für Ben ist das Klettern mehr als Sport: „Es hilft mir runter zu kommen, wenn ich wütend bin“, sagt der Zwölfjährige.

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