Fröhlicher Festzug für neue heilige Schrift

Fröhlicher Festzug für neue heilige Schrift

Viele hundert Menschen aller Religionen feierten die Thorarolle, die ein Holocaust-Überlebender gespendet hat.

Mönchengladbach. Fröhlich setzt die Klarinette ein, Geigen und Gitarren folgen. Die Musiker mischen sich mit ihren Klängen unter die Menschen und im nächsten Moment gerät die Menge vor der alten Synagoge an der Blücherstraße in Bewegung. Frauen und Männer klatschen, wiegen sich im Rhythmus und singen mit der Klezmer-Band „Shalom alechem“ und „Hava nagila“. Zu den jüdischen Volksweisen tanzen Kinder Hand in Hand zwischen den Reihen.

Die Fröhlichkeit steigert sich noch als Gemeindemitglieder die neue Thorarolle zur Versammlung bringen. Alle umringen das kostbare heilige Buch, das unter einem Baldachin getragen wird: „Unser Verhältnis zur Thora ist einzigartig. Wir behandeln sie wie einen Menschen und tanzen und freuen uns mit ihr“, erklärt Julian Chaim Soussan die große Freude. Der Rabbiner eröffnet den Reihen der Redner an diesem besonderen Tag für die jüdische Gemeinde in Mönchengladbach.

Viele hundert Menschen feiern die Einweihung der neuen Thorarolle, die Icek Ostrowicz gespendet hat. Der Holocaust-Überlebende will mit diesem Geschenk bei der Stadt und dem Land einen Anstoß für eine neue Synagoge geben: „Ich hoffe, dass die jüdische Gemeinde ein würdiges Haus hat, wo die Thorarolle aufbewahrt wird und viele Gottesdienste gefeiert werden“, betont das Ehrengemeindemitglied. Mehrere tausend Euro kostet die Anfertigung einer Thorarolle.

Ein Jahr lang sind die fünf Bücher Moses in Israel mit Tinte auf Pergament geschrieben worden. Der kleinste Fehler macht die Rolle für den rituellen Gebrauch unkoscher. „Die Thora ist Mittelpunkt der jüdischen Identität“, sagt Leah Floh, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde.

Eine Thora-Einweihung würden nur wenige Juden erleben. Am 14. September 1883 erhielten die Juden Mönchengladbachs das letzte Mal ein heiliges Buch. In der Reichspogromnacht 1938 ist es mit der Synagoge verbrannt. Jahrelang half man sich mit einer gebrauchten Thora aus.

Der Festzug bewegt sich fröhlich zur neuen Synagoge an der Albertusstraße. Menschen unterschiedlicher Religionen haben sich angeschlossen: „Der Gottesglaube Israels ist in der Thora grundgelegt und damit ist die Schrift auch eine der Säulen des christlichen Glaubens“, sagt der katholische Regionaldekan Ulrich Clancet. Auch Adnan Özeden, Imam der Moschee an der Neusser Straße, sieht in der heiligen Schrift der Juden „viele Parallelen zum muslimischen Glauben“. In der Synagoge wird die Thorarolle der Gemeinde übergeben und nun im heiligen Schrein Aron h’a Arez aufbewahrt.

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