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Das bedeutet der Brexit für Mönchengladbach

Mönchengladbach : Harter Brexit träfe auch Gladbacher

analyse Britische Bürger, Klassenfahrten, Handel – wer glaubt, das Schicksal der Insel würde Gladbach nicht tangieren, irrt sich.

. 60 Jahre lang waren die Briten in Mönchengladbach stationiert. Für viele ist der Niederrhein zur Heimat geworden. Nicht nur aus diesem Grund hat der Brexit auch Auswirkungen auf die Stadt.

Britische Bürger

Groß ist die Verunsicherung unter den britischen Staatsbürgern, die in Mönchengladbach leben. Das bestätigt der frühere Verbindungsoffizier Alistair Clark. „Einige haben die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt, andere besitzen sie schon. Wir fürchten einen harten Brexit – mit zurzeit noch unberechenbaren Folgen.“ Durch das 2013 geschlossene Hauptquartier in Rheindahlen sind über die Jahrzehnte hinweg viele hundert Briten nach Ende ihrer Militärdienstzeit in der Region „hängengeblieben“. Sie haben deutsche Frauen geheiratet, zivile Arbeitsstellen angenommen und sind deshalb statistisch nicht komplett als Ausländer erfasst, sondern voll integriert. Allein die Sektion Rheindahlen der Veteranenvereinigung „Royal British Legion“ hat rund 160 Mitglieder – kein Wunder, umfasste doch das britische Militär in Deutschland in Spitzenzeiten um die 300.000 Menschen. Hart könnte es diejenigen treffen, die aus Großbritannien Rente beziehen und die von dort aus krankenversichert sind. Müssen sie eventuell zurück auf die Insel ziehen, um weiter Geld zu erhalten? Clark weiß es nicht. Allein durch die Kursschwankungen des Pfunds gegenüber dem Euro hat der Major a.D. in den vergangenen Jahren bis zu 15 Prozent seiner monatlichen Rente verloren, berichtet er. Die politischen Vorgänge seien mehr als enttäuschend.

Einbürgerungen

In Mönchengladbach sind aktuell 581 britische Staatsangehörige gemeldet, von denen etwa die Hälfte 55 Jahre und älter sind. Viele leben schon lange in Mönchengladbach. Dass alle in die alte Heimat zurückkehren, ist eher unwahrscheinlich. Wollen sie eine doppelte Staatsbürgerschaft annehmen, was ein Privileg für Eu-Bürger ist, müssten sie bei einem harten Brexit bis zum Stichtag 29. März 2019 einen Éinbürgerungsantrag stellen. Tatsächlich ist die Zahl der britischen Einbürgerungsbewerber in Mönchengladbach steigend. Im Jahr 2016 waren es zwölf, in den vergangenen beiden Jahren 25.

Streitkräfte

Keine Auswirkungen dürfte ein Brexit auf die wenigen britischen Soldaten haben, die noch in Mönchengladbach stationiert sind. In den Ayrshire-Barracks an der Aachener Straße gegenüber dem Borussia Park sind nur noch um die zehn Soldaten tätig, die durch eine unbekannte Zahl an Zivilangestellten ergänzt werden. Dieses Depot für schweres Heeresgerät wie Schützenpanzer entlang der Autobahn 61 – auf Luftbildern sieht man rund 40 große Hallen, ausgedehnte Freiflächen und einen Bahnanschluss – soll über 2020 hinaus in Betrieb bleiben. Aufgrund der veränderten NATO-Strategie gegenüber Russland ist die langfristige Nutzung kürzlich durch Brigadier Richard Clements, den Kommandeur der britischen Streitkräfte in Deutschland, erneut bestätigt worden. Dies gilt unabhängig von Entscheidungen der Regierung in London zum EU-Ausstieg.

Schüleraustausch

Wie anderen Einreisenden könnte der Brexit jungen Mönchengladbachern bei Schüleraustauschen mehr Kontrollen beim Grenzübertritt bescheren. „Da man noch nicht weiß, was da kommt, sehe ich das im Moment aber noch gelassen“, sagt Roman Cremers, Englischlehrer am Gymnasium Odenkirchen. Trotz der Flüchtlingssituation sei die Einreise für Schülergruppen in den vergangenen Jahren immer problemlos und zügig gewesen. Das Gymnasium pflegt seit Mitte der 1980er-Jahre einmal jährlich einen Austausch mit einer Mädchenschule in Grays, nördlich von London. „Auch für die englischen Kollegen war Europa immer eine Herzensangelegenheit. In ihren Briefen ist zu spüren, dass ihnen die Entwicklung peinlich ist“, sagt Cremers. Er betreut den Austausch seit 2005 – und will es auch nach einem Brexit auf jeden Fall weiter tun: „Von so etwas lasse ich mich nicht beirren.“

Speditionen

Unternehmen, die nach einem Brexit Waren ins Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland schicken wollen, müssen sich dann wohl um entsprechende Zolldokumente kümmern. Geht die Fracht beispielsweise in einem verplombten Lkw ab, muss der Fahrer die Papiere beim Zoll präsentieren können. Auch die Transporteure werden womöglich etwas mehr erledigen müssen. Wenn eine Spedition nicht als „zugelassener Versender“ Transporte über eine Online-Plattform ankündigen kann, wird sie nicht nur den geplanten Transport mitteilen müssen. Sie ist dann auch verpflichtet, vor der Abfahrt die Waren 24 Stunden für eine Inspektion durch den Zoll zur Verfügung zu halten. „Das würde die Flexibilität beeinträchtigen“, sagt Thomas Jakat, Geschäftsführer der Mönchengladbacher Spedition Gerish GmbH. Aber auch für diese Branche ist offenbar noch unklar, was genau auf sie zukommt. „Das ist noch viel Stochern im Nebel“, sagt Jakat.

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