Autist Jason in Mönchengladbach: Lesung der Wochenendrebellen

Lesung in Mönchengladbach : Auf der Suche nach dem richtigen Verein

Jason von Juterczenka (13) ist Autist. Er und sein Vater lasen im Borussia-Park aus ihrem Buch „Wir Wochenendrebellen“, in dem es darum geht, einen Fußballclub zu finden, dessen Fan Jason werden kann.

Borussia-Park, Lounge „Bökelberg“, 18.28 Uhr. Mirco von Juterczenka will mit der Lesung beginnen. Doch sein Sohn Jason geht dazwischen: „Noch zwei Minuten!“ Angekündigt war der Start der Veranstaltung für 18.30 Uhr – und dann geht es auch keine Minute früher. An Regeln muss man sich halten. Punkt. Jason von Juterczenka ist Asperger-Autist. Regeln und Ordnung spielen im Leben des 13-Jährigen eine große Rolle. Und so beginnt die Lesung aus dem Buch „Wir Wochenendrebellen“ erst, als Jason exakt um 18.30 Uhr seine Einwilligung gibt. Die mehr als 100 Zuhörer sind eingestimmt.

Kein Verein hat bisher
alle Kriterien erfüllt

Dass eine ungewöhnliche Lesung zu erwarten war, dürfte dem Publikum klar gewesen sein. Denn Jason und Mirco von Juterczenka sind keine Unbekannten. Ihr Internet-Blog „Wochenendrebell“ hat 2017 den Grimme Online Award gewonnen, ihr Buch „Wir Wochendrebellen“ schon die dritte Auflage erreicht. Es erzählt davon, wie Vater und Sohn von ihrer Heimat Kassel aus auf die Suche nach einem Fußballverein gehen, dessen Fan Jason werden kann. Dazu muss sich Jason jeden Verein anschauen. Sieben Jahre später hat Jason „seinen“ Klub noch immer nicht gefunden, denn kein Verein erfüllt all seine Kriterien.

Die Suche dauert an. Denn es geht auch darum, dass Jason in Fußballstadien mit der ein oder anderen seiner Regeln zu brechen vermag, dass er beispielsweise die Nähe von Menschen und den Kontakt mit Massen im Stadion tolerieren kann.

Ein Ausflug führte zum
„Grottengipfel“ in Aalen

Fußball ist mithin wohl mehr ein Vehikel für die Entwicklung Jasons und der Vater-Sohn-Beziehung, auch wenn Mirco von Juterczenka als leidenschaftlicher Fan von Fortuna Düsseldorf höchst komisch über andere Vereine vom Leder ziehen kann. Und ebenso komisch ist, was die beiden bei der Lesung im Borussia-Park beispielsweise über ihren Ausflug zu einem „Grottengipfel“ des VfR Aalen gegen den SV Sandhausen erzählen: Die endlosen Wiederholungen eines mit Elefanten-Getröte gespickten Werbespots eines örtlichen Autowäsche-Unternehmens, die Hymne der Heimmannschaft Aalen – für Jason der herrlich skurrile Höhepunkt der bisherigen Reise, für den Vater der absolute Tiefpunkt.

Ein Streit, den die beiden auf ihren Lesereisen auf offener Bühne austragen. Gestritten wird dabei viel. Und, was Jason angeht, auch ohne Zimperlichkeiten. Wenn es um eine Aussage des Vaters geht, die Jason unlogisch findet, kann er ihn minutenlang darüber belehren, dass das Gesagte keinen Sinn ergebe. So lange, bis Mirco von Juterczenka schließlich klein beigibt: „Ich hänge zwar noch daran, aber es ist Unsinn.“ Es sind Dialoge wie dieser, die den Zuhörer die Engelsgeduld des Vaters bewundern lassen.

Wie ungewöhnlich das Verhalten eines Autisten wie Jason seinen Mitmenschen erscheint, zeigt auch eine Frage aus dem Publikum: Wie das Verhältnis zu seiner Schwester sei, will eine junge Frau wissen. Zuvor hatte Jason erzählt, dass er keine Freunde habe und auch keine brauche, allenfalls gerne einen Freund habe, wie er selbst. Zur Frage nach der Schwester gibt er bereitwillig Auskunft. „Sie ist Mitglied der Familienvereinbarung.“ Und dann erzählt er, dass er für das familiäre Zusammenleben ein Grundgesetz und ein Strafgesetz geschrieben habe, dass es Verhandlungen und Abstimmungen gebe. Das Gelächter währt wie bei vielen Antworten nur kurz.

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