Aufführungen: Die Spielzeit beginnt als Party

Aufführungen: Die Spielzeit beginnt als Party

Am Anfang der neuen Saison geht die Post ab. Doch das Programm bietet auch Raum für leise Töne.

Mönchengladbach. Mönchengladbach im Jahr 2061: Das Theater ist längst geschlossen und wurde in ein Altersheim für hoch betagte Schauspieler umgewandelt. Und kaum sieht die resolute Oberschwester mal nicht hin, steppt auf der Vorbühne der Bär. Mit der ironischen Selbstbetrachtung „Ewig jung“ beginnt am 7. September die neue Spielzeit im Rheydter Haus. Erik Gedeons Songdrama läuft seit Ewigkeiten unter dem Titel „Thalia Vista Social Club“ am gleichnamigen Hamburger Theater.

Dass beim ersten Abend der neuen Saison die Post abgeht, dafür steht Regisseur Frank Matthus, der hier bereits die „Rocky Horror Show“ in einen Dauerbrenner verwandelt hat. Auch bei der Bühnenfassung des Kultfilms „Blues Brothers“ dürften die Zeichen auf Party stehen.

Doch das Team um Intendant Michael Grosse kann bekanntlich auch anders. „Es gibt hier ein Publikum, das sich für sperrige Stoffe interessiert“, sagt Schauspieldirektor Matthias Gehrt. Dafür stehen die Reihe Außereuropäisches Theater (diesmal Mexiko und Nigeria) und Stücke wie Tschechows „Kirschgarten“ oder die Killerballade „Roberto Zucco“ von Bernard-Marie Koltès.

Ein ernstes Thema hat sich auch Ballettchef Robert North vorgenommen: das Flugzeugunglück von Überlingen im Jahr 2002, bei dem 71 Menschen ums Leben kamen, darunter 52 Kinder aus der russischen Stadt Ufa. Pianist Andrè Parfenov, der aus Ufa stammt, hat die Musik komponiert, North arbeitet an einer Choreografie. „Ich bin sehr nervös, ob wir das hinkriegen“, gesteht er. „Es ist sehr schwierig, für die Eltern der toten Kinder etwas von Bedeutung zu schaffen.“ Das Werk soll im Sommer in Ufa uraufgeführt werden, die hiesige Premiere folgt im März 2013.

Im Musiktheater setzt Operndirektor Andreas Wendholz erneut fast ausschließlich auf Stücke, die noch nie am Niederrhein zu sehen waren. Es dominieren anspruchsvolle Stoffe: Vincenzo Bellinis „Norma“, die Uraufführung „Josefine“ des jungen Komponisten Sagardia nach Motiven von Franz Kafka sowie der in Krefeld kontrovers diskutierte Puccini-Abend „Le Villi/Suor Angelica“. Und im Kontrast dazu das Stück: „Die lustigen Weiber von Windsor“.

Grosse sieht den neuen Spielplan als Versuch, „unsere Linien mit scharfen Konturen weiter zu zeichnen“. Die Mixtur aus Konvention und Innovation ist ebenso darin abzulesen wie das Bekenntnis zum Ensembletheater. Reif fürs Altersheim sind die Schauspieler, Sänger und Tänzer jedenfalls lange noch nicht.

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