Missbrauchsfall Bergisch Gladbach: Was bisher bekannt ist

Ermittlungen : Missbrauchsfall Bergisch Gladbach: Was bisher bekannt ist

Im aufgedeckten Kinderpornoring in NRW stehen die Ermittler ganz am Anfang. Das jüngste Opfer ist nicht mal ein Jahr alt. Die Polizei vermutet weitere Täter und Opfer.

Der Kindesmissbrauch um Bergisch Gladbach zieht weitere Kreise. Sechs Männer sitzen bereits in Untersuchungshaft. Die Polizei geht davon aus, dass der Kinderpornoring noch nicht vollständig aufgedeckt wurde. Ausgangspunkt für die umfangreichen Ermittlungen waren große Datenmengen mit kinderpornografischem Inhalt, die Ende Oktober bei der Durchsuchung einer Wohnung in Bergisch Gladbach gefunden wurden. Die Bilder auf dem Smartphone des Familienvaters zeigen laut Polizei schweren sex­uellen Missbrauch. Durch Auswertung seines Handys kamen die Ermittler fünf weiteren Verdächtigen auf die Spur.

Wie viele mutmaßliche Kinderschänder wurden bisher gefasst?

Bisher sind sechs Männer festgenommen worden. Sie stammen aus Bergisch Gladbach, Düsseldorf, Wiesbaden, Viersen und Krefeld. Gegen den 38-jährigen Krefelder hat die Krefelder Staatsanwaltschaft am Mittwochabend einen Haftbefehl erlassen.

Was wird ihnen vorgeworfen?

Die Männer sollen Kinder missbraucht und kinderpornografische Bilder und Videos erstellt haben. Mindestens zwei der Verdächtigen sollen die Opfer untereinander getauscht haben. Es gebe „sehr deutliche Hinweise“ darauf, „dass sich mindestens zwei der beschuldigten Männer die eigenen Kinder gegenseitig zugeführt haben“, sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer dem „Spiegel“. Nach einem Bericht des „Kölner Stadt-Anzeigers“ geht dies aus der Aussage des verdächtigen Krefelders hervor.

Wer sind die Opfer?

Bisher wurden neun Kinder im Alter von elf Monaten bis zehn Jahre identifiziert. Es handelt sich überwiegend um die Kinder und Stiefkinder der Verdächtigen. Der Kölner Polizeipräsident Uwe Jacob rechnet damit, dass es weitere Opfer gibt.

Gibt es noch mehr Täter?

Die Dimension des Falls ist noch nicht abzuschätzen. Die Polizei vermutet, dass noch unbekannte Täter unvermindert weiter Missbrauch betreiben. Denn die Verdächtigen hätten in Chat-Gruppen mit bis zu 1800 Mitgliedern kinderpornografische Fotos ausgetauscht. Es sei zu erwarten, dass die Ermittlungen sich auf andere Bundesländer und möglicherweise bis ins Ausland ausweiten. Deshalb sollten am Freitag das Bundeskriminalamt (BKA) und alle Landeskriminalämter (LKA) in Telefonkonferenzen auf den aktuellen Stand gebracht werden.

Wie viel Material wurde bisher sichergestellt?

Die sichergestellten Datenmengen umfassen eine Größe von zehn Terabyte. Das entspricht einer Million Megabyte.

Wie laufen die Ermittlungen?

Mehr als 150 Ermittler arbeiten mit Hochdruck an der Auswertung des Materials, „um schnellstmöglich noch andauernden Kindesmissbrauch zu unterbinden“, wie die federführende Kölner Polizei am Freitag erklärte. Die riesigen Datenmengen werden zentral im Düsseldorfer LKA eingelesen. Eine spezielle Software prüft sie auf strafbaren Inhalt und gleicht etwa Bilder miteinander ab, wie ein Sprecher des Innenministeriums erläuterte. Die vorsortierten Daten würden dann den ermittelnden Polizeibehörden zur Verfügung gestellt. Da die Sichtung der schrecklichen Fotos und Videos für die Ermittler psychisch sehr belastend ist, hat die Kölner Polizei eine spezielle Betreuungsstelle für sie eingerichtet.

Gibt es Ähnlichkeiten
zum Fall Lügde?

Der Haupttäter in Lügde war arbeitslos und lebte außerhalb der Gesellschaft. Die Männer missbrauchten die Kinder auf einem Campingplatz. Die mutmaßlichen Täter des jetzt aufgeflogenen Kinderpornorings stammen aus Familien mit festem sozialen Umfeld. Die Missbrauchsopfer sind ihre eigenen Kinder.

Aus Justizkreisen heißt es, dass ein mutmaßlicher Täter, ein 26-jähriger Soldat, schon im Juni im Visier der Ermittler stand. Da er geständig und kooperativ war und Auflagen erfüllte, hatte die Klever Staatsanwaltschaft keinen Haftbefehl erlassen. Erst Ende Oktober kam der Soldat im Zuge der Ermittlungen des Kinderpornorings in Haft. Auf Anfrage wollte sich der Klever Oberstaatsanwalt Günter Neifer dazu nicht äußern.

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