Missbrauchsfälle in Lügde und Bergisch Gladbach: Die Spuren des Pädophilen-Rings

Missbrauchsfälle in NRW : Die Spuren des Pädophilen-Rings

Viele Gerüchte, aber noch keine Beweise: Die schockierenden Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch von Lügde und Bergisch Gladbach sollen Schnittstellen haben.

Als der NRW-Innenminister Herbert Reul gegen Mittag am Mittwoch im NRW-Innenministerium vor die Kameras schreitet, ist ihm die Last anzusehen. Und das Unheil, das droht. Die Orte Lügde und Bergisch Gladbach haben sich in Nordrhein-Westfalen, wahrscheinlich deutschlandweit eingebrannt als Synonyme für schreckliche Sexualverbrechen an Kindern in Vielzahl. Jetzt könnte aus zwei Fällen ein gewaltiger werden: im schlimmsten Fall mit Querverbindungen, mit Netzwerken von hier nach dort. Oder eventuell mit Beweismitteln, die von der einen Tat auf die andere längst hätten schließen lassen können. So das „worst case“-Szenario.

Stand jetzt: Alles Vermutungen, keine Beweise. Die ermittelnde Kölner Staatsanwaltschaft und das NRW-Justizministerium haben keine Hinweise auf einen strafrechtlich bedeutsamen Zusammenhang zwischen den Missbrauchsfällen von Bergisch Gladbach und Lügde gefunden. Bislang. Heißt konkret: „Wir haben keinerlei Erkenntnisse darüber gewonnen, dass Täter aus unserem Tatkomplex Bergisch Gladbach auch an den in Lügde begangenen Taten beteiligt gewesen sein könnten“ – das ist die offizielle Sprachregelung der Staatsanwaltschaft Köln, wo man um die Brisanz der Untersuchungen weiß.

Belastbare Erkenntnisse gebe es nicht, heißt es

Was definitiv nicht ausgeschlossen ist: Dass Beweismaterialien aus Lügde wie Fotos oder Filme auch im Fall Bergisch Gladbach eine Rolle gespielt haben. Das Netzwerk gilt als gewaltig, und es gibt Hinweise, dass Lügde dabei eine Rolle spielen könnte. Bereits seit Anfang Dezember, berichtet Innenminister Reul, prüfe das Polizeipräsidium Bielefeld „mögliche Querverbindungen und Schnittstellen“. Belastbare Erkenntnisse gebe es nicht. Die steuern andere Medien bei: Ein Verwandter des Haupttäters im Fall Bergisch Gladbach, der vorher bereits selbst wegen Missbrauchs verurteilt worden sei, habe in den 80er und 90er Jahren in Lügde einen Stellplatz gehabt.

Laut „Kölner Stadt-Anzeiger“ bestreitet der Mann, die Täter von Lügde persönlich kennengelernt zu haben. Zudem soll den Medienberichten zufolge ein weiterer Verwandter den Campingwagen, in dem zahlreiche Beweismaterialien gefunden wurden, an einen der Haupttäter von Lügde verkauft haben. Alles Zufall? „Das sind ungewöhnliche Zufälle, aber die gibt es manchmal“, sagt Reul. „Sie können sicher sein, dass weiter mit Hochdruck ermittelt wird.“

Nach einem WDR-Bericht sollen die Ermittler aus der „Ermittlungsgruppe Berg“ bei dem Verdächtigen aus Bergisch Gladbach zudem kinderpornografisches Material gefunden haben, das in Lügde entstanden sein soll. Dazu allerdings habe die Kölner Staatsanwaltschaft keine Erkenntnisse, sagte Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn.

Reul will die kleinteilige Ermittlungsarbeit nicht beschädigt wissen. Der Minister lobt die Beamten. Seit Oktober 2019 arbeiten in der Spitze mehr als 300 von ihnen vernetzt an der Aufdeckung des Pädophilen-Rings, darunter auch Beamte aus Düsseldorf und Krefeld. Identifiziert sind 36 Opfer und 51 Tatverdächtige, zwölf der 16 Bundesländer stehen im Fokus.

„Wir haben dadurch weiteren Missbrauch verhindert. Man muss fast dankbar sein, dass es den Fall Lügde als Weckruf gab, sonst würde die Wegschauerei andauern“, sagt Reul. „Und das ist nicht das Ende“, betont der CDU-Politiker. „Wir sehen immer noch nur die Spitze des Eisberges.“ In NRW gibt es nach Angaben der Polizei Köln in der Sache derzeit 21 Beschuldigte, von denen acht in Haft sind.