Spontane Lesung im Düsseldorfer Schauspielhaus „Die Angst jüdischer Menschen in Deutschland darf nicht Normalität unseres Alltags werden“

Düsseldorf · Bei einer kurzfristig organisierten Lesung trugen Ensemblemitglieder Texte jüdischer Autoren im Foyer des Theaters vor. Der Zuspruch war enorm.

Claudia Hübbecker bei ihrer Lesung im Foyer des Schauspielhauses.

Claudia Hübbecker bei ihrer Lesung im Foyer des Schauspielhauses.

Foto: Schauspielhaus/Meltem Kalayci

Wilfried Schulz staunte, er schien überwältigt. Für eine kurzfristig angesetzte Lesung jüdischer Autorinnen und Autoren hatte man auf Anweisung des Generalintendanten das Foyer des Schauspielhauses gewählt und nach den üblichen Sicherheitskriterien bestuhlt. Im Leporello für den Monat November war die Veranstaltung nicht angekündigt. Dann kamen die Zuhörer in derart großer Anzahl, dass viele auf den Galerie-Rundgang ausweichen mussten. Hier wollten die Düsseldorfer offensichtlich ein Zeichen setzen. Aus einer Gedenkveranstaltung am Tag der Reichspogromnacht wurde ein Abend der Solidarität mit den in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden.

Während der Chefdramaturg des Hauses, Robert Koall, die Wurzel allen antisemitischen Übels auch aktuell im deutschen Rechts­extremismus verorten wollte, zeigte die sehr kluge und eindrucksvolle Textauswahl eine weitaus größere Bandbreite. Im Programmblatt wurde man deutlich: „So ist nicht nur der Staat Israel zu einem bedrohten Ort geworden, sondern auch in Deutschland fühlen sich Jüdinnen und Juden nicht mehr sicher. Das beschämt uns, und es macht uns wütend. Die Angst jüdischer Menschen in Deutschland darf nicht Normalität unseres Alltags werden.“

Zu Beginn der Lesung durch Ensemblemitglieder hörte man Augenzeugenberichte jüdischer Bürger aus der Schreckensnacht von 1938. Als die braunen Schergen in die Häuser und Wohnungen derer eindrangen, die sich vor dem Beginn des „Dritten Reiches“ zum deutschen Bürgertum gezählt hatten. Die nur ihre Gottesdienste in einer Synagoge statt einer Kirche besuchten. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde ihnen schnell bewusst, dass „von einem normalen Leben nicht mehr die Rede sein konnte“. Das Zitat stammt von dem Rabbiner Max Eschelbacher. Er hat die Pogrome erlebt und deren Schrecken protokolliert.

Unter den weiteren Berichten von Augenzeugen hörte man von nächtens Überfallenen, die im Schlafanzug nach ihren Orden aus dem Weltkrieg suchten oder den faschistischen Braunhemden gleich ihre Verwundungsnarben bloßlegten.

Im Amsterdamer Exil schrieb die 1905 in Berlin geborene Schriftstellerin Irmgard Keun das Buch „Nach Mitternacht“. Der von der Schauspielerin Claudia Hübbecker gelesene Auszug brachte eine perverse Form von Integration zu Gehör. In Denunziationsorgien wollten sich viele Bürger als besonders gute „Reichsdeutsche“ beweisen.

Von Heinrich Heine hörte man Auszüge aus „Erinnerungen“, „Zur Geschichte der Philosophie und Religion in Deutschland“ und „Almansor“. Darunter befand sich das bekannte Zitat über das Judentum: „Ein seltsames Volk, das seit Jahrhunderten von seinem Gott vergessen wird.“

„Leute, wo seid ihr?“ hieß der Text von der 1996 in Berlin geborenen Deutsch-Amerikanerin Dana Vowinkel. Die junge jüdische Frau beschreibt darin, wie ihre Bekannten und bisherigen Freunde auf den Terror der islamistischen Hamas reagierten. Vor allem beklagt sie aber die zur Schau gestellte „moralische Überlegenheit“ des linken Milieus. Das Leid der israelischen und palästinensischen Kinder bringt sie gleichermaßen zur Verzweiflung: „Seitdem weine ich mich durch mein Leben.“

Mit spontanem Applaus reagierten die Zuhörer auf den Text „Sehr verehrte Antisemiten. Eine Klarstellung für dunkle Tage in Deutschland“, als aktueller Zeitkommentar erschienen in der „Süddeutschen Zeitung“. Autor ist der 1986 in einer jüdischen Künstlerfamilie geborene, jetzt in Hamburg lebende Alexander Estis. Er fordert darin, die Geschichte Israels und des Nahostkonflikts weit mehr als bisher in deutschen Schulen zu behandeln. Sein Friedensmotto lautet: „Mehr vordenken als nachdenken“. Und er findet deutliche Worte für die Dias­pora jüdischer Menschen in einer islamistischen Umgebung: „Die Befreiung Neuköllns von Juden klappt vorzüglich.“

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