Zu Gast in der Eisdiele der Familie Fontanella in St.Tönis

Lokale Wirtschaft : Vom positiven Eis-Stress in St. Tönis

Die Eisdielen-Familie Fontanella hat im Sommer nur wenig Zeit zum Durchatmen.

In der Billy-Wilder-Komödie „Avanti, Avanti!“ fragt der schwerreiche US-Amerikaner Wendell Armbruster, gespielt von Jack Lemmon, den emsigen Hoteldirektor Carlo Carlucci, wann dieser eigentlich zum Schlafen kommt – angesichts der vielen Arbeit auf der Touristeninsel Ischia. Die lakonische Antwort: „Im Winter.“ Diesen Witz mit einem Körnchen Wahrheit könnte auch Marisa Valenti in Bezug auf ihre Person machen. Zusammen mit ihrem Mann Pierpaolo Fontanella führt sie das gleichnamige Eiscafé in St. Tönis.

An der Hochstraße/Ecke Kirchstraße herrscht in diesen Sommertagen Hochbetrieb. Wer einen Platz an einem der zwölf Außentische ergattern will, braucht Glück oder Geduld. Passanten stärken sich vor oder nach einem Einkaufsbummel. Radler unterbrechen nur zu gerne ihre Niederrhein-Tour für eine kalte Erfrischung. Kinder mit Eltern oder Großeltern im Schlepptau haben nach mehreren Tobe-Stunden auf dem nahen Abenteuerspielplatz nur ein Ziel im Blick: das Ausgabe-Fenster, durch das die Hörnchen und Becher gereicht werden.

Die Saison dauert zehn Monate. „Und die werden durchgearbeitet“, sagt Maria Valenti, als wäre es das Normalste von der Welt. Die 54-Jährige hat sich längst an das Pensum gewöhnt. Mehr noch: Sie braucht den „positiven Stress“. Schichten von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends sind für sie und ihren Mann keine Seltenheit. Aber die Eisdiele im Frühling oder Sommer auch nur einen Tag zusperren? Undenkbar! „Das würde ich nicht aushalten“, gibt sie zu.

Im nächsten Jahr wird in
St. Tönis das 50-Jährige gefeiert

Vielleicht muss man dazu geboren sein. Das Unternehmer-Paar aus Italien hat, auch wenn das jetzt ein wenig schräg klingt, Speiseeis im Blut. Es stammt aus einem kleinen Dorf in den Dolomiten, „wo alle Eisleute herkommen“, wie Marisa Valenti sagt. Ihre Eltern haben eine traditionsreiche Eisdiele in Hückeswagen. Dort, im Bergischen, kam sie auch zur Welt. Ihre Schwester führt ein Café in Erkrath. Und ihre Schwiegereltern eröffneten am 17. April 1960 die Eisdiele in St. Tönis. Im kommenden Jahr kann also „runder Geburtstag“ gefeiert werden.

Seit 2003 führen Sohn und Schwiegertochter die Geschäfte, wobei im Sinne der Arbeitsteilung Pierpaolo Fontanella vor allem für die Herstellung der kalten Leckereien zuständig ist (im hinteren Teil des Gebäudes befindet sich das sogenannte Eislabor), und seine Frau sich unter anderem ums Personal und den Papierkram kümmert. Das Team besteht aus acht bis zehn Kräften, die meisten stammen aus Italien.

Im Sommer werden etwa 25 verschiedene Sorten angeboten. Marisa Valenti betont, dass nur „echte Zutaten“ verwendet werden und öffnet einen riesigen Gefrierschrank, in dem sich unter anderem Haselnüsse sowie Erd- und Waldbeeren befinden. Ihr persönlicher Favorit ist Melone. „Gerade wenn es heiß ist, muss es für mich etwas Fruchtiges sein“, sagt sie. Doch sie schätze alle Sorten. „Ich könnte mich von Eis ernähren“, sagt sie und lacht.

Im Winter, über Weihnachten, geht es stets in die Heimat der Eltern, ins rund 1000 Kilometer entfernte Val di Zoldo. Marisa Valentin zückt ihr Smartphone und zeigt wunderbare Fotos von verschneiten Hängen und malerischen Häuschen, die aussehen wie aus einer „Heidi-Kulisse“. Der weltberühmte Skiort Cortina d’Ampezzo ist nur ein Stündchen entfernt. So ganz ohne Arbeit kommen die St. Töniser auch in den winterlichen Dolomiten nicht aus. „Dann fertigt mein Mann Eis für unsere Verwandten und Freunde vor Ort.“

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