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Willich: Rebekka Reich und Marcus Vila Richter sind "reichrichter"

Rebekka Reich und Marcus Vila Richter : Künstlerpaar „reichrichter“: Über die USA und China nach Willich

Rebekka Reich und Marcus Vila Richter arbeiten mit diversen medialen Formen: Installationen, Zeichnungen, Texten, Videos und Fotografie. Wegen Corona richten sie ihren Blick auf Willich.

Die Kunstperson „reichrichter“, das sind Rebekka Reich und Marcus Vila Richter. Das Ehepaar arbeitet jedes Projekt zu zweit aus, und „zwar vom Anfang bis zum Ende“, sagt Marcus Vila Richter. Ihr künstlerischer Blick ist international, ja global. In den vergangenen Jahren lebten und arbeiteten sie monatelang in den USA, China und Taiwan. Aktuell hat sich das Elternhaus von Marcus Vila Richter in Willich mehr und mehr zu ihrem deutschen Ankerort entwickelt. Dort leben seine betagten Eltern, die mehr Zuwendung brauchen. Rebekka Reich bewirtschaftet mit ihrem Schwiegervater den Gemüsegarten hinter der Doppelhaushälfte auf der Quirinstraße. Unter dem Dach des Hauses hat das Ehepaar sein Atelier eingerichtet.

Um die Arbeiten außerhalb des Museums zu verstehen, setzt man sich am besten vor den Monitor. Denn die Projekte entstehen meist dort. „reichrichter“ arbeitet mit diversen medialen Formen, wie Installationen, Zeichnungen, Texten, Print, Videos und Fotografie. Anhand einer ausgewählten Arbeit erklären beide ihre Arbeitsweise und Intentionen. Auch dabei findet ein beständiger lebhafter Austausch statt, ein kontinuierlicher Spannungsstrom scheint zwischen den ihnen zu fließen.

Die Arbeit „Gelände/Geviert/II“ besteht aus dem Modell eines Hauses, das frei im Raum auf einem Sockel steht. Foto: reichrichter

Die vorgestellte Arbeit „Gelände/Geviert/II“ besteht aus dem Modell eines Hauses mit leeren Fensterhöhlen, das frei im Raum auf einem Sockel steht. Das Haus ist auf seiner Rückseite offen, ein Miniaturbildschirm zeigt einen Film. Dieses Haus ist die minutiöse Nachbildung eines von einer kalifornischen Immobilienfirma online angebotenen Musterhauses. Der Film auf dem Minifernseher ist eine verfremdete Version des virtuellen Rundgangs, der durch das vollständig eingerichtete Haus führt. Das Haus kann online gekauft werden. „Das ist hochindustrielles Wohnen“, sagt er. Sie ergänzt: „Da werden Häuser am Fließband produziert.“

Der Raum ist ihr Thema. Und die Beziehung des Menschen dazu. „Früher hat sich der Mensch den Raum passend gemacht. Heute passt er sich dem Raum an.“ Diese Entwicklung beobachten sie gleichermaßen in den Metropolen Köln, New York, Shanghai oder Hongkong. Und sie beobachten, wie der Trend zu anonymisiertem, durchkonstruiertem und effizientem Bauen sich über den Globus ausbreitet. „Shanghai ist mittlerweile genauso clean wie Manhattan oder Zürich“, findet Marcus Vila Richter. Eine Entwicklung, die beide kritisch sehen und die sie ins Bewusstsein rufen wollen. „Wir sehen Architektur als Spiegel des Lebens an. Wir betreiben so etwas wie die Archäologie des Zeitgenössischen“, sagt er.

So haben sie in verschiedenen Städten Interviews mit älteren Bewohnern geführt, zu dem Leben in ihrer Stadt. Solche Gespräche werden fragmentarisch in den Sound zu ihren Arbeiten eingefügt. „reichrichter“ schafft dafür Raumerlebnisse eigener Art. In Miniaturform oder als großes Ereignis im riesigen Raum. Eine Videoarbeit wurde über Jahre erstellt und läuft tagelang. Das sei schon „anspruchsvoll“ räumen die beiden ein: „Wir erwarten, dass man den Bezug herstellt.“

Rebekka Reich, die aus der Nähe von München stammt, studierte Architektur und zeitgenössischen Tanz und lehrte an der Technischen Universität Ostwestfalen-Lippe. Marcus Vila Richter, der in Willich geboren und aufgewachsen ist, studierte Filmwissenschaften in Bochum und Cinematografie in Dortmund. Bei einem Kunstprojekt von Rebekka Reich lernten sie sich kennen. Ihre Videoinstallation „Zürich“ wurde 2012 bei der „Loop’12 Video Art Fair“ Barcelona als bestes Kunstwerk ausgezeichnet. Seitdem nahm „reichrichter“ weltweit an unterschiedlichen Kunstausstellungen und Festivals teil.

Gerade arbeiten sie an einem großen Künstler-Austauschprogramm zwischen NRW und Taiwan. Corona hat auch da einiges über den Haufen geworfen. „Wir fahren auf Sicht, aber machen weiter“, sagt Rebekka Reich. Nicht nur deshalb richten sie ihren künstlerischen Blick derzeit intensiver auf ihr aktuelles Umfeld. Eine Fotoserie von Willich und Umgebung ist schon in Bearbeitung. Gerne würden sie sich hier mehr engagieren, etwa eine bislang leerstehende Immobilie als Atelierhaus für Künstler einrichten.