Willich: Notfall als Erfolgserlebnis

Willich: Notfall als Erfolgserlebnis

Medizin: Ärzte müssen Bereitschaftsdienst machen. Manche kaufen sich frei.

Willich/Tönisvorst. Mittwochnachmittag. Viele Arztpraxen sind geschlossen. Doch bei Harald Hüsgen steht das Telefon nicht still: Der Schiefbahner Hausarzt hat Bereitschaftsdienst. Und vor allem im ländlichen Raum mit seiner relativ geringen Zahl von Ärzten kann er sich an solchen Tagen über Langeweile nicht beklagen.

"Wenn jemand wirklich krank wird, dann hilft man gerne, auch wenn dann Patienten außerhalb der Sprechzeiten kommen", sagt Hüsgen, der auch Obmann im Ärztebezirk ist. Als solcher organisiert er den Bereitschaftsdienstes für Willich, Schiefbahn, Neersen, Anrath und Vorst - St.Tönis hat einen eigenen Bezirk, eine Zusammenlegung war im Vorjahr gescheitert.

Bereits seit 2004 müssen die Patienten zehn Euro zusätzlich zur normalen Praxisgebühr bezahlen, wenn sie den Notdienst in Anspruch nehmen. "Seitdem sind es weniger geworden", sagt Hüsgen. Damals wurden mehrere Bezirke zu dem in der heutigen Größe zusammengelegt.

Alle 48 hier niedergelassenen Ärzte sind zum Bereitschaftsdienst verpflichtet. Über eine Zentralnummer erfährt der Patient bei einer Tochterfirma der Kassenärztlichen Vereinigung in Duisburg, wer gerade dran ist.

Manche Ärzte fühlen sich vom Bereitschaftsdienst überfordert. "Zum Beispiel wenn ein Pathologe zu einem Asthma-Anfall gerufen wird", beschreibt Hüsgen das Dilemma. Er hat den Bezirk so organisiert, dass Ärzte sich für eine Summe von 100 Euro von der Verpflichtung befreien können - der Kollege, der den Dienst übernimmt, bekommt dieses Geld. Manchmal fürs Nichts-Tun, manchmal schlägt er sich dafür die Nacht um die Ohren.

"Ich mache verhältnismäßig oft Notdienst", sagt Hüsgen. Er ist in Willich geboren, hat in Düsseldorf Medizin studiert und brachte es anschließend in seinem Wehrdienst bis zum leitenden Notarzt am Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz. "Da habe ich eine sehr gute Ausbildung bekommen." Er war auch "Retter in der Luft" im Hubschrauber. Einerseits mag er die Herausforderung: "Man weiß ja nie, was kommt." Außerdem: "Bei der Notfallmedizin hat man besonders viele Erfolgserlebnisse."

Wenn etwa die völlig verstörte Mutter ihr brüllendes Kind in die Praxis bringt, er feststellt, dass der Ellbogen ausgekugelt ist, den er mit einem Griff wieder einrenken kann. "Das ist so schön, was man da bewirken kann. Da fühle ich mich so richtig als Heiler", sagt er. In diesem Fall ist es auch sinnvoll, nicht abzuwarten. "Um so besser lässt sich der Ellbogen wieder einrenken", sagt er.

Auch mit der Vergiftungszentrale telefonierte er damals gern. Ein Pfleger im Altenheim hatte den 81 Jahre alten Herren in seinem Bett entdeckt. Der Mann hatte Desinfektionslösung getrunken. Was war jetzt zu tun? "Nach vier Stunden dauernder Überwachung gab es Entwarnung", erzählt er.

Weniger erfreut ist Harald Hüsgen, wenn er nachts folgenden Anruf bekommt: "Unsere Oma hustet seit 14Tagen. Bitte kommen Sie sofort." Auch wenn er der Bitte folgt, weil er aus der Entfernung nicht entscheiden kann, wie bedrohlich der Husten ist: "Das hätte man während der normalen Sprechzeiten untersuchen können. Und die Frau nicht erst 14 Tage leiden lassen."

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