Vorst: „Wegziehen kommt auf keinen Fall in Frage“

Vorst: „Wegziehen kommt auf keinen Fall in Frage“

Heimat: Maria Kubara wohnt seit 80Jahren in derselben Wohnung – zur Miete. Urlaub hat sie in ihrem Leben nur zweimal gemacht.

Vorst. Der Blick hat sich verändert, sagt Maria Kubara, und deutet auf die Häuserreihen auf der anderen Straßenseite. "Hier drüben waren nur Felder und eine Gärtnerei", erinnert sich die 87-Jährige. Obstbäume und Wiesen umrahmten den Neubau, in den die damals Siebenjährige mit ihren Eltern und Geschwistern in einem besonders kalten Frühjahr einzog. Das war 1929. Seitdem wohnt sie an der Raedtstraße in Vorst.

"Früher hatten wir noch überall Öfen, die Toilette war draußen - ein Plumpsklo - wir mussten mit einer Pumpe die Badewanne füllen", sagt Maria Kubara zurückblickend. Im Gemüsegarten, wo heute blühende Stauden wachsen, baute die Familie Kartoffeln und Bohnen an. Mit sechs Personen hatten sie in den vier Zimmern gewohnt - viel Raum für die damalige Zeit. "Wir haben immer Platz genug gehabt."

Das Haus an der Raedtstraße gehörte ihrem Onkel, dem Bruder der Mutter. Damals betrug die Miete 25 Mark im Monat. Noch heute überweist Maria Kubara monatlich einen festen Betrag, der sich allerdings mittlerweile umgerechnet auf mehr als das 20-fache belaufen muss. Für das Geld, das sie in ihrem Leben an Miete gezahlt hat, hätte sie rein rechnerisch ihre Wohnung längst kaufen können. Warum sie es nicht getan hat? "Das gehört ja eh der Verwandschaft", antwortet die Seniorin.

Verwandschaft hat für sie einen hohen Stellenwert. Vier Kinder hat sie hier mit ihrem Mann Marian groß gezogen, Bilder von ihm und dem verstorbenen Sohn hängen im Wohnzimmer neben dem Fenster.

Sie ist froh, dass eine ihrer Töchter und ihr Schwiegersohn samt Kindern und Hund nur ein Stockwerk tiefer wohnen.

Jeden Morgen holt sie für die ganze Familie Brötchen, um wenig später das Mittagessen für alle zu bereiten. Danach schnappt sie sich die Bügelwäsche oder bringt ihre Wohnung und das Treppenhaus auf Vordermann. Das hält sie fit und füllt ihren Tag aus. Zweimal wöchentlich stattet die rüstige Rentnerin ihrem Bruder in St. Tönis einen Besuch ab und kümmert sich auch um ihn und seinen Haushalt. Still sitzen fällt Maria Kubara nicht leicht, die 87-Jährige ist gern auf den Beinen. 40 Jahre hat sie in der St. Töniser Kammfabrik gearbeitet, bis zur Schließung, kurz darauf wurde sie Rentnerin.

Wenn sie heute an dem dunkel geklinkerten Haus emporblickt, sieht Maria Kubara die Fassade von früher, nur im Inneren hat sich das Haus verändert. Ans Wegziehen habe sie nie gedacht. "Mein Mann wollte in die Siedlung ziehen, aber ich hab gesagt: Nee!"

Zwei Mal war sie in ihrem Leben in Urlaub, im Allgäu. "Aber du warst froh, als du wieder zu Hause warst", sagt ihr Schwiegersohn Heribert Clasen schmunzelnd. "Ja", sagt Maria Kubara bestimmt, "Zu Hause ist es am schönsten. Da kann man machen, was man will."

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