Verlegung Willicher Stolpersteine

Verlegung Willicher Stolpersteine

Am Wochenende werden in Willich Stolpersteine verlegt. Auf dem Schützenplatz wird eine Gedenktafel enthüllt.

Willich. Als Abraham Lion 1933 starb, war die Anteilnahme in der Bevölkerung groß: Der geachtete Metzger von der Bahnhofstraße 7 war Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und Grenadier im Allgemeinen Schützenverein gewesen. 1910 hatte er eine Viehweide an der damaligen Bahnhofstraße gekauft, auf der 1927 erstmals ein Schützenzelt aufgestellt wurde — heute ist dort der Schützenplatz. Halb Willich war auf den Beinen, als der 79-Jährige beigesetzt wurde. Als seine Frau Rosetta zehn Jahre später starb, nahm davon in Willich kein Mensch Notiz: Die 86-Jährige kam am 15. Januar 1943 im Ghetto Theresienstadt ums Leben. Sie starb im Gebäude L 321, in Zimmer 13 — „an Altersschwäche“, wie es lapidar auf dem Totenschein heißt.

1942 war Rosetta Lion, geborene Metzger, deportiert worden. An sie wird einer der Stolpersteine erinnern, die am kommenden Sonntag in der Stadt Willich verlegt werden. Insgesamt 17 dieser Gedenksteine wird der Kölner Künstler Gunter Demnig in das Pflaster von drei verschiedenen Stadtteilen einbringen. Dazu reisen Kinder und Enkel der von den Nazis ermordeten Menschen aus aller Welt an.

Mit der Organisation und Koordination der Aktion hat unter anderem Studiendirektor Bernd-Dieter Röhrscheid alle Hände voll zu tun. „Ab Freitagnachmittag werden die Gäste auf Willicher Hotels verteilt, am Sonntagabend reisen die ersten schon wieder ab“, berichtet er. Kaum jemand wäre besser dafür geeignet als er, die jüdischen Familien zu betreuen: Gemeinsam mit Stadtarchivar Udo Holzenthal recherchiert der im Beinahe-Ruhestand befindliche Lehrer des St. Bernhard-Gymnasiums schon lange die Lebensgeschichte der Willicher Juden, die im Dritten Reich verfolgt, deportiert und getötet worden sind.

„Fast 180 Biografien haben wir bearbeitet“, berichtet Röhrscheid. So unter anderem die von Albert Lion, 1879 als Sohn von Abraham und Rosetta Lion geboren und wie sein Vater Metzger. 1936 bekam er Berufsverbot, nachdem in der Willicher Volkszeitung über angeblich unhygienische Zustände in seinem Betrieb an der Bahnhofstraße berichtet worden war.

In der Pogromnacht im November 1938 wurde er auf dem Kaiserplatz an eine Litfaßsäule gebunden, in den Händen eine Schüssel mit verdorbenem Fleisch, ein Schild um den Hals mit dem Satz: „Dieses Fleisch verkauft Euch der Jude!“ Ganze Schulkassen wurden an ihm vorbeigeführt. „Daran konnte sich Ex-Schützenkönig Karl von Bökel erinnern, der damals Schüler war“, erzählt Röhrscheid.

1941 wurde Albert Lion nach Riga deportiert. Dort starb er wie seine Frau Karoline, geborene Klein, zwei Jahre später. Die genauen Todesumstände sind bis heute ungeklärt.

Ihre Kinder Ernst Max und Ruth Lion hatten 1939 rechtzeitig nach London bzw. in die USA flüchten können. Sie sind mittlerweile beide verstorben. Alan und Carol Lion, Kinder von Ernst Max, sowie die drei Kinder seiner Schwester, nämlich Jonathan, Miriam und Daniel, werden am Wochenende aber an der Stolperstein-Verlegung teilnehmen.

Zuvor sind sie auch schon dabei, wenn auf dem Schützenplatz an ihren Großvater Abraham Lion und dessen Familie mit einer Gedenktafel erinnert wird. Die Schützen des ASV hatten sich unter Federführung von Peter Wynands dafür eingesetzt.

Mehr von Westdeutsche Zeitung