Nachruf Trauer um Pfarrer Ludwig Kamm

Tönisvorst · Der Menschenfreund und Macher mit Meinung hinterlässt eine Lücke. Weggefährten nehmen Abschied von ihm.

 Ein typisches Lächeln von Pfarrer Ludwig Kamm. Eingefangen hat es, wie unzählige Male mehr seit 1990,  WZ-Fotograf Friedhelm Reimann in Vorst.

Ein typisches Lächeln von Pfarrer Ludwig Kamm. Eingefangen hat es, wie unzählige Male mehr seit 1990,  WZ-Fotograf Friedhelm Reimann in Vorst.

Foto: Reimann, Friedhelm (rei)

„Ich bin mit Traurigkeit erfüllt.“ Am Montagnachmittag hat Helene Huben vom Tod Ludwig Kamms erfahren. Der Geistliche, den die Vorsterin als Sekretärin zwischen 1990 und 1998 in seinen ersten acht Jahren in der Pfarrgemeinde St. Godehard erlebt und begleitet hat, ist am 2. März im Kempener Hospital zum Heiligen Geist gestorben. Das hat die Gemeinschaft der Gemeinden (GdG) Kempen/Tönisvorst am Dienstag mitgeteilt. Kamm, der Seelsorger mit Herz und Verve, war an Krebs erkrankt. Er wurde 71 Jahre alt.

Von 1990 bis zu seinem Abschied in den Ruhestand 2017, also 27 Jahre lang, war Ludwig Kamm Pfarrer von St. Godehard Vorst. Ab 2011 hatte er zusätzlich auch die Leitung der Kirchengemeinde St. Cornelius in St. Tönis übernommen.

„Ludwig Kamm war ein guter Chef. Und er hat in Vorst viel bewegt“, erzählt Helene Huben und nennt vor allem, aber längst nicht nur, das Beispiel Rumänienhilfe. Auch die ausgeprägte Liebe zu Burundi war ein Wesenszug Kamms. „Dafür hat er alles gemacht, was er konnte“, sagt Huben über Kamm. Er konnte „gut predigen, redete immer frei“.

„Der Mann ist nicht zu ersetzen. Ein harter Schlag!“ Hans Holtschoppen hat sich mehr als 30 Jahre lang an der Seite von Ludwig Kamm für die Rumänienhilfe engagiert. Der Pfarrer habe für Probleme stets eine Lösung gefunden. „Er wusste wo Türen aufgingen, wen man in der Politik fragen musste“, so Holtschoppen. Gern hätte Kamm den Satz gesagt: „Die Ruhe bringt’s“ oder „Warte mal ab, morgen sieht die Sache schon anders aus“.

Ludwig Kamm habe man nachts wecken können, „er hat immer geholfen“. Holtschoppen, der in Vorst Löschzugführer der Freiwilligen Feuerwehr war, vergisst nie einen Anruf: „Da war der Pfarrer vielleicht ein halbes Jahr im Amt. Wir hatten einen Gefahrguttransport durch den Ort. Ludwig meldete sich bei mir und sagte, wenn es ein Problem gebe und wir – auch nachts – eine Fachberatung bräuchten, könnten wir ihn immer anrufen.“ Bevor Kamm sein Theologie-Studium begonnen hatte, hatte er sein Chemie-Studium mit dem Diplom abgelegt (siehe Kasten).

Holtschoppen hat bereits die Freunde in Tönisvorsts Partnerstadt Stare Mesto über den Tod Ludwig Kamms informiert. „Schwester Hiltrud hat geschrieben, dass sie eine Messe für ihn feiern werden.“ Zuletzt hatten Holtschoppen, Kamm und auch Bürgermeister Thomas Goßen beim Teilkomitee-Treffen zusammengesessen, um den Besuch der Tschechen vorzubereiten. Holtschoppen: „Ludwig wollte sie durch Aachen führen.“

Thomas Goßen würdigt Kamm als „den klassischen Pfarrer, der in der Gemeinde ein Fixpunkt war – das, was heute so nicht mehr möglich ist“. Er sei ein spannender, leidenschaftlicher und vielschichtiger Mensch gewesen, einer mit einem realistischen Blick auf die Dinge. „Ich erinnere mich an die ihm eigene Form der wortgewaltigen Ansprache, und das nicht nur auf die Lautstärke bezogen. Pfarrer Kamm predigte mit dem ganzen Körper“. Und mit seiner ganzen Überzeugung habe er sich im Tönisvorster Schul- und Kulturausschuss „eingebracht und klar Position bezogen“. „Man konnte wunderbar inhaltlich mit ihm streiten“, so Goßen.

Dass er in seiner Doppelfunktion in den Gemeinden auch ein Brückenbauer zwischen Vorst und St. Tönis gewesen ist, beschreibt Goßen so: „Er hat in seinen Predigten immer beide Schutzpatrone erwähnt, den Heiligen Godehard und den Heiligen Cornelius.“

Uli Loyen hat in gemeinsamen 25 Schützen-Brudermeister- und Präses-Jahren mit Kamm viele Diskussionen erlebt und auch mal Funkstille gehabt. „Einig waren wir nicht immer“, aber den Bogen zum Miteinander habe man immer wieder geschlagen. „Wir haben uns respektiert und akzeptiert“, so Loyen. Nicht zuletzt deshalb hat Kamm von den Schützen zum Abschied vor dem Ruhestand als besondere Auszeichnung das St. Sebastianus-Ehrenschild am Bande für seinen beispielhaften Einsatz für Glaube, Sitte und Heimat erhalten. Loyen: „Er hat in Vorst und St. Tönis eine Lücke hinterlassen. Unsere Kinder und Enkelkinder werden so einen Pfarrer, den man vor Ort am Sakko greifen konnte, nicht mehr erleben.“

WZ-Fotograf Friedhelm Reimann war mit der Kamera dabei, als Kamm 1990 in Vorst seinen Dienst antrat als Nachfolger von Pfarrer Johannes Schuurman. „Dynamisch war er“, sagt Reimann über Kamm, einer, der mit seiner Meinung, auch mit seiner politischen, nicht hinterm Berg gehalten habe. Mit dem evangelischen Pfarrer Bernd Pätzold habe Kamm, erzählt Reimann, eine Freundschaft verbunden. „Kamm hat sich für das ökumenische Miteinander stark gemacht.“ Sehr oft habe es eine Tasse Kaffee und einen Plausch im Vorster Pfarrhaus gegeben.

„Viele Menschen sind über seinen (zu) frühen Tod sehr traurig“, weiß Propst Thomas Eicker, Leiter der GdG Kempen-Tönisvorst. „Sein Engagement besonders für benachteiligte Menschen vor Ort wie in vielen Teilen der Welt, etwa Burundi, Rumänien oder Indien, wird allen in dankbarer Erinnerung bleiben.“

Die traurige Nachricht vom Tod ihres Chefs führte seine langjährige Sekretärin Inge Bräuning am ersten Tag ihres Ruhestandes gleich wieder ins Büro, um Kollegin Barbara Költgen beim Heraussuchen von Adresse zu helfen. „Ich habe sehr gern mit ihm gearbeitet.“ Er habe gewusst, dass er sich zu 100 Prozent auf sie verlassen konnte. Und Inge Bräuning hat sich durch ihn gewertschätzt gewusst. Er habe die Nähe zu und das Gespräch mit den Menschen gesucht. „Nach der Messe redete er mit den Gemeindemitgliedern, wie man es auf dem Dorf so macht.“

Der Vorster Mediziner Dr. Sebastian Boekels kennt Pfarrer Kamm seit 1990. „Wir waren Freunde“, sagt er. Kamm, der 20 Jahre älter war als er, „war ein resoluter Mensch, der seiner Überzeugung gefolgt ist und nicht konfliktscheu war“. Er erinnert etwa an Kamms früheren Vorschlag, Kommunionkinder neutrale Kutten tragen zu lassen. Das Geld für Kleider und Anzüge könne man in andere Projekte investieren, so sein Ansatz. „Das hat ihm nicht nur Freundschaft eingebracht“, weiß Boekels.

Ob politische oder Flüchtlingsfragen – Kamm nahm Stellung. „Mutig sein, kämpferisch, da war er mir ein Vorbild.“ Soziale Verantwortung sei eng mit dem Ort Vorst und mit Pfarrer Kamm verbunden, ob bei action medeor, in der Rumänienhilfe, in der Kolpingsfamilie, in der Caritasgruppe oder der Burundi-Hilfe. Boekels: „Ludwig Kamm hat die Atmosphäre dafür geschaffen, dass dieses Engagement hier gewertschätzt wurde.“ Wie ein Schirmherr habe er das Wirken geschützt und gefördert. Es blieb nicht bei guten Worten, sondern wurde vorgelebt. Ein Beispiel von vielen: „Behinderte wurden selbstverständlich integriert.“ Kamm habe Vorst geprägt, sagt der Freund.

Am Samstag, 14. März, 10 Uhr, ist  Auferstehungsmesse in St. Godehard, danach ist die Beisetzung von Ludwig Kamm auf dem Vorster Friedhof. Am Freitag, 13. März, 20 Uhr, ist in St. Godehard eine Totenvesper.

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