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Tönisvorst: So trifft die Corona-Pandemie das Handwerk

Wie trifft Corona das Handwerk in Tönisvorst? : Kein Fotoshooting ohne Frisörbesuch, keine Malerarbeiten mitten im Home-Schooling 

Handwerk hat goldenen Boden. Auch in einer Krisenzeit wie jetzt? Die Auftragslage ist in Zeiten von Corona nicht überall gleich gut. Fünf Selbstständige aus Tönisvorst, die in unterschiedlichen Branchen am Markt sind, berichten von ihren Erfahrungen: Kfz-Meister Christoph Kohnen, Maler Thorsten Engler, Schreiner Helge Schwarz, Fotografin Ira Ingenpaß und Augenoptikerin Melanie Barth-Langenecker.

„Die meisten Handwerksbetriebe in Nordrhein-Westfalen sind bislang relativ unbeschadet durch die Corona-Krise gekommen“, meldete die Deutsche Presseagentur (dpa) vergangene Woche.

dpa zitierte den Präsidenten von Handwerk NRW, Andreas Ehlert: „Im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen ist das Handwerk glimpflich davongekommen.“ Das Corona-Jahr 2020 beschere einen Umsatzrückgang von vier Prozent. Bei der Zahl der Beschäftigten gehe man von einem Minus von drei Prozent aus. Ehlert sagt: „80 Prozent der Betriebe geht es ziemlich gut.“ Vor allem im Baugewerbe. Allerdings habe auch etwa jeder fünfte Handwerksbetrieb massive Probleme. Diese Firmen hätten ihre Finanzreserven weitgehend aufgebraucht.

Soweit die Bestandsaufnahme für Nordrhein-Westfalen. Wie sieht es vor Ort aus? In Tönisvorst zum Beispiel? Die WZ hat verschiedene Vertreter des Handwerks nach ihrer Einschätzung gefragt. Und erfahren, dass Vieles mit Vielem zusammenhängt.

„Wir merken Corona deutlich“, sagt Kfz-Meister Christoph Kohnen. Er ist seit 1999 selbstständig und mit Meisterwerkstatt und Verkauf an der Mühlenstraße/Ecke Ostring in St. Tönis beheimatet. Die Ertrags-bringenden Aufträge durch „Verschleiß“ und „Karrosserieschäden“ seien rückläufig. „Nehmen wir zum Beispiel einmal einen Pendler, der nach Köln muss. Er fährt täglich 150 Kilometer, 750 in der Woche. Da fährt man im Jahr 30 000 Kilometer. In Home-Office-Zeiten werden die aber nicht erreicht.“

Aktuell gilt für Kohnens Mitarbeiter Kurzarbeit. „Aber das ganze Team federt die Belastung ab“, sagt der Chef. „Die Last ist gleich verteilt.“ Sie betrifft seine vier Monteure, den Annahmemeister und seine Bürokräfte.

Härter betroffen sei zurzeit die Mitarbeiterin im Fahrzeughandel, der ja vom Lockdown betroffen ist. Kaum Bewegung im Neu- und Gebrauchtwagen-Sektor oder bei Leasing-Rückläufern. Provisionen fallen aus. „Im Dezember haben wir kein, im Januar bisher ein Auto verkauft. Wir lassen das Licht im Verkaufsraum aus“, sagt Kohnen. 20 Wagen stehen zurzeit auf seinem Hof. Sie kosten monatlich Zinsen für die Finanzierung. „Das drückt aufs Bankkonto.“

„Unter Schmerzen“, sagt Kohnen, habe er jegliche Kündigung vermieden. Seine beiden Lehrlinge konnte er bisher von Kurzarbeit freihalten. „Wir nutzen jetzt alle die freie Zeit zu Fortbildungen und zu Online-Schulungen. Da gibt es tolle Angebote in unserer Branche, sogar bis hin zu Prüfungen.“

Kohnen hat investiert und gerade eine neue Telefonanlage in Betrieb genommen. „Wir haben doch im Büro jetzt Zeit, uns mit der Bedienung vertraut zu machen.“ Und, fügt  der St. Töniser hinzu: „Jetzt zeigt sich, wer Unternehmer und wer Unterlasser ist.“ Das solle auf gar keinen Fall überheblich klingen, betont der Kfz-Meister, aber er ist der festen Überzeugung, dass man jetzt investieren müsse, „wenn man kann, um nach der Krise, die in zwei Monaten vorbei sein dürfte, gut aufgestellt und vorbereitet zu sein“. Allerdings seien da gesetztere Betriebe im Vorteil. Er selber stünde im dritten, vierten Quartal seines Berufslebens und könne das leisten. „Als ich mich vor mehr als 20 Jahren selbstständig gemacht habe, hätte ich diese Krise, diesen finanziellen Druck aber nicht überlebt.“

Mit den Kollegen anderer Branchen steht Kohnen als Vorsitzender des Vereins HiT, „Handwerker in Tönisvorst“, in ständigem Kontakt. Dem Bauhandwerk gehe es gut, „da dürfte das Jahr 2020 nahezu spurlos an den Betrieben vorübergegangen sein“. Privat- und Geschäftsleute, Unternehmen hätten investiert, um lang anstehende Erneuerungen vorzunehmen oder „um es sich schön zu machen“. Allerdings dürfte dieser Effekt nun allmählich auslaufen, meint Kohnen. „Dann wird 2021 das fehlen, was in 2020 schon getan wurde.“

Kohnen hebt positiv die Solidarität untereinander hervor. Und meint damit Kollegen und Kundschaft gleichermaßen.

Malermeister Thorsten Engler führt einen etablierten Betrieb an der Krefelder Straße in St. Tönis. Ihm ist 2020 ein großer Geschäftsbereich weggebrochen: die Industriekunden. „Hier wurde in allen Bereichen ein Investitionsstopp für Verschönerungsrenovierungen ausgesprochen, zumindest bei unseren Bestandskunden. Wenn Mitarbeiter im Home-Office sind, benötigen sie keine sauberen Böden oder Wände in den firmeneigenen Büros.“

Auf der anderen Seite hätten Privatkunden „wesentlich in ihr Eigenheim investiert. Viele spannende und interessante größere und kleinere Projekte konnten umgesetzt werden. Zum einen, weil es schon lange vor der Pandemie aufgrund niedriger Zinsen geplant war. Zum anderen aber auch, weil man nicht in den Urlaub fuhr und das Geld nun anders verplant werden konnte“.

Allerdings seien im Privatbereich  einige erteilte Aufträge sogar zurückgezogen worden. Kunden arbeiteten im Home-Office oder seien mit Home-Schooling beschäftigt, so Engler: „Da sind Maler, die unter Umständen ganze Räume in Anspruch nehmen, eher unerwünscht.“

„Wir als Maler sind ein Gewerk, das in großen Teilen Verschönerungen vornimmt. In Verschönerungen kann man aber auch investieren, wenn die berufliche und somit finanzielle Zukunft sicherer ist als momentan“, sagt Engler. Und: Kurzarbeit habe zeitliche Freiräume bei Kunden geschaffen, um selber die dringendsten einfachen, aber notwendigen Verschönerungen durchzuführen.

„Der Bereich Wert-Erhaltung, etwa Außenarbeiten, war ungebrochen konstant“, schildert Engler. Trotzdem habe sein Betrieb „leider einen Umsatzrückgang von über 25 Prozent zu verzeichnen“.

Für 2021 sieht er momentan keine Besserung, „da die Bevölkerung ja noch gar nicht weiß, wie lange der eingeschränkte Zustand anhält und ob man in Urlaub kommt.“ Die Kunden, die im vergangenen Jahr in ihr Eigenheim investiert haben, „machen dies natürlich dieses Jahr nicht mehr. Es bleibt also abzuwarten, wie sich die berufliche und wirtschaftliche Lage unserer Kunden in der Region entwickelt“.

Helge Schwarz hat einen Schreibereibetrieb in St. Tönis, Zur Alten Weberei. Die Aussage, dass die Handwerker relativ gut durch die Krise gekommen sein sollen, erscheint ihm „sehr pauschalisiert. Dies mag für die Bauhandwerker zu treffen, deren Auftragsbücher voll sind, weil zurzeit viele Anleger in ‚Betongold’ investieren. Wenn Sie jedoch einen Messebauer fragen, die vielfach aus dem Tischlerhandwerk kommen, werden Sie höchstwahrscheinlich ganz andere Antworten erhalten.“ Die wären geprägt von Existenzängsten und der Suche nach neuen Aufgabenbereichen. „Ganz zu schweigen von Fotografen oder Friseuren, deren Berufe ebenfalls zu den rund 130 anerkannten Ausbildungsberufen der Handwerksrolle gehören. „Sie befinden sich mindestens seit Anfang Dezember im Lockdown.“

Ira Ingenpaß ist Fotografenmeisterin und durch ihre Geschäftsjahre in St. Tönis der Kundschaft in der Apfelstadt noch sehr verhaftet. Ihr Studio hat sie vor einiger Zeit ans Borussen-Station in Mönchengladbach verlagert. Auch sie glaubt, dass das Bauhandwerk „gut durch die Krise gekommen“ ist, da es in diesem Bereich viele Aufträge gab und gibt.  „Mein Beruf gehört auch zum Handwerk“, sagt Ingenpaß. Obwohl sie „auf Termin arbeiten durfte, also nie ganz schließen musste, war ich im Frühjahr von sehr vielen Verschiebungen und Absagen betroffen. Business-Events fanden nicht statt. Mitarbeiter-Bilder und Firmen-Aufnahmen fielen aus, weil entweder die Mitarbeiter im Home-Office oder in Kurzarbeit waren.“ 

Viele Hochzeiten wurden um ein Jahr verschoben. „Familienaufnahmen, besonders mit der älteren Generation, waren zu gefährlich oder sie wollten nicht kommen, weil die Friseure geschlossen hatten“, so Ingenpaß. „Das kann ich gut verstehen. Würden Sie ein schönes Foto haben wollen, ohne vorher beim Friseur gewesen zu sein?“

Ira Ingenpaß hat im Corona-Jahr auch Positives erfahren. „Besonders von meinen langjährigen Kunden aus Tönisvorst und Umgebung habe ich sehr viel Solidarität bekommen. Es haben sich so viele etwas einfallen lassen, damit ich meinen Beruf, die Fotografie, leben konnte.“ So habe sie alte Bilder aufgearbeitet, Wandbilder von vorhandenen Bildern erstellt und Fotoalben gestaltet. „Besonders in der Weihnachtszeit waren viele Tönisvorster zum Fotografieren im Studio am Borussiastadion. Mein besonderer Service bestand dann darin, die Bilder und Alben den Kunden persönlich nach Hause zu bringen.“

 Momentan fotografiere sie „unter Einhaltung der AHA-L-Regeln viel Babybauch und Newborn, Bewerbung- und Passbilder“, erzählt Ingenpaß.

Ihr Mitgefühl gilt dem Einzelhandel, „zu dem ich ja auch 27 Jahre gehört habe“. Sie denkt an die Gastronomie „und die vielen kleinen anderen Branchen, wie zum Beispiel die Reinigung, die kaum noch Business-Hemden und Blusen zu waschen und bügeln zu haben, weil so viele im Home-Office sind, oder kaum Tisch- und Bettwäsche für das Gastgewerbe zu reinigen ist.“

Melanie Barth-Langenecker, Augenoptikermeisterin und seit 2006 Inhaberin von Optik Scholl an der Hochstraße in St. Tönis, ist der Meinung, „dass das Handwerk bis jetzt relativ gut durch die Krise gekommen ist“. Es zeichne sich aber auch hier ab, „dass die Aufträge geringer werden. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass die Leute sparen müssen, da sie im Moment weniger verdienen und auch nicht recht wissen, wie die Zukunft aussieht“.

Zu den Gewinnern im Corona-Jahr zählt sie die Lebensmittelhändler und „leider aber vor allem den Online-Handel“. „Die Verlierer sind in meinen Augen die Gastronomen. Im Moment kündigen hier sehr viele Angestellte und suchen sich sicherere Jobs.“ Auch der Einzelhandel leide „extrem“. Wer kann, biete Abhol- oder Lieferservice an, „aber der Umsatz ist natürlich kein Vergleich zu den üblichen Umsätzen“.

 Melanie Barth-Langenecker, die Mit-Vorstandsmitglied von „St. Tönis erleben“ (vormals Werbering) ist, empfindet eine sehr starke Solidarität zwischen Kollegen und auch durch die meisten Kunden. „Unser Austausch findet per Mail, Telefon oder auch mal im Ort statt.“