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Tönisvorst: Interview mit Bürgermeisterkandidat Michael Lambertz (UWT)

Interview : Michael Lambertz: Ich bin kein Liegenlasser

Der Vorsitzende der Unabhängigen Wählergemeinschaft Tönisvorst (UWT) kandidiert für das Amt des Bürgermeisters der Stadt.

Er ist ein Tönisvorster Junge. Geboren 1979, in St. Tönis aufgewachsen. Den landwirtschaftlichen Betrieb seines Vaters hat er als „einen riesengroßen Abenteuer-Spielplatz“ empfunden. Drei Jahrzehnte später nähert sich Michael Lambertz, 41, politisch einem Riesenabenteuer. Sein Platz ist die Stadt. Lambertz, der Vereinsvorsitzende der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWT), möchte dem amtierenden Bürgermeister Thomas Goßen mit eigener Wählergunst den Weg in die dritte Amtszeit abschneiden. „Als Gestalter“ will er „den Verwalter“ ablösen. Zeit für ein Interview.

UWT, GUT - braucht eine Stadt wie Tönisvorst so viele Unabhängige?

Michael Lambertz: Nein, ich denke nicht. Eine unabhängige Kraft würde ausreichen. Ich habe 2013/14 als UWT-Vorsitzender das Gespräch mit Daniel Ponten von GUT gesucht. Darüber, ob man sich nicht zusammentun und Kräfte bündeln sollte. Daraus wurde nichts. Ich sah die GUT damals als nicht aufstellungswürdig an. Ein Zusammengehen wäre ein schönes Zeichen gegenüber den anderen Parteien gewesen. Doch es kam ein Nein. Und ich verstehe ein Nein dann auch als Nein.

Vier Bürgermeister-Kandidaten treten an. Darunter, wie Sie sagen, neben Ihnen ein Lauter und ein Leiser, und nun auch noch ein Parteiloser. Sprechen vier Kandidaturen für ein reges politisches Klima in der Stadt? Oder sind sie eher Ausdruck für den Willen zur Wende, weil man unzufrieden ist?

Lambertz: Letzteres. Wenn man sich einmal vor Augen führt, was in zwei Legislaturperioden passiert ist. Im jetzigen Wahlprogramm des Bürgermeisters kommen dieselben Themen wieder. Inhaltlich hat sich nichts geändert. Der Verwaltung würde es guttun, wenn sie einen präsenteren Bürgermeister und die Stadt in ihm auch einen Ansprechpartner für Gewerbetreibende hätte. Die Verwaltung braucht zwei Pole, einen Verwalter und einen Gestalter. Zwei Verwalter-Pole mit Kämmerin Waßen und Bürgermeister Goßen gibt es zurzeit. Einer müsste ausgetauscht werden.

Wie würden Sie persönlich den Gestalter-Posten ausfüllen wollen?

Lambertz: Ich möchte der Zuhörer, der Vermittler und der Ansprechbare sein. Ich beherrsche das aktive Zuhören. Das ist ein Vorteil. Was wurde gesagt? Wie war es gemeint? Diese Information muss man speichern und verwerten. Ich will aus Bürgergesprächen Ideen heraushören. Man sagt mir nach, dass ich das kann. Strukturen liegen mir. Und ich bleibe auch in schwierigen, komplizierten Situationen ruhig, bin kein Liegenlasser, sondern zielstrebig. Da habe ich, was die Geschwindigkeit in der Umsetzung von Dingen angeht, in der politischen Arbeit einen Lernprozess hinter mir. Früher war ich ungeduldiger. Ich habe gelernt, damit umzugehen.

Aber ließe sich davon nicht der Vorwurf ableiten, man lasse im Bestreben nach?

Lambertz: Nein, so ein Lernprozess befeuert eher. Ich möchte mehr auf dem Bürgermeister-Posten erwirken. Alle Protagonisten zu einem Thema rechtzeitig zusammenholen, Gespräche führen, Ideen und Standpunkte austauschen, im Vorfeld koordinieren und dadurch Prozesse letztlich beschleunigen.

Ihre 5-Punkte-Programmatik in Ihrem Online-Auftritt beginnt mit Familienthemen. Sie nennen die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie und Betreuungsangebote zuerst, Digitalisierung und Mobilität erst am Ende. Zufall oder Absicht?

Lambertz: Ich habe bewusst kein Ranking erstellt. Tönisvorst ist familienfreundlich. Die UWT besteht aus Tönisvorstern für Tönisvorster mit Tönisvorstern. Die Wichtigkeit der sozialen Komponente kann man nicht genug betonen. Aber damit eine Familienfreundlichkeit erreicht werden kann, muss auch die Gegenfinanzierung da sein. Ich sehe da beides auf einer Höhe.

Was antworten Sie jemandem, der behauptet, in allen aktuellen Wahlprogrammen der antretenden Tönisvorster Parteien stehen dieselben Stichworte. Also alles ein Gemischtwarenladen?

Lambertz: Muss eine Wählergemeinschaft wie die UWT, die frei von landes- und bundespolitischen Zwängen ist, in der Stadt nicht alles im Blick haben? Die großen Parteien haben indes ihre Fokussierung verloren. Die klassische SPD hat früher damit Erfolge erzielt.

Woran erkennt der Wähler das Profil der UWT?

Lambertz: Wir haben schon früh sozialen Wohnungsbau gefordert, Wohnformen für ältere Menschen, bezahlbar für jede Gehaltsklasse. In Tönisvorst müssen genügend Wohnungen vorhanden sein, für ältere Menschen, denen ihr Häuschen mit Garten zu groß wird, und für die 18-, 19-Jährigen, die flügge werden und die klassische Zwei-Zimmer-Wohnung für kleines Geld suchen. Da muss die Stadt aktiv werden. Angebot und Nachfrage bestimmen den Mietspiegel. Und der geht hoch. Die Stadt muss eine Grundstücksbevorratung machen. Das ist einer der ersten Punkte, den wir bearbeiten müssten.

Gewerbeansiedlung? Wie kann das konkret erreicht werden? Wo kann das erreicht werden?

Lambertz: Wir haben drei Flächen in der Stadt, die Gewerbegebiete Höhenhöfe, das Cray-Valley- und das Kress-Gelände. Der Stillstand dort ist ein untragbarer Zustand. Ich würde versuchen, in bestehende, noch ungenutzte Flächen zu investieren und aus Umweltgesichtspunkten keine neuen Flächen suchen. Es muss Gespräche mit Grundstückseigentümern geben, auf allen Ebenen, mit allen Beteiligten. Der Bürgermeister muss eine offene Tür für Gewerbetreibende haben. Wir haben keine schlechte, aber eine ausbaubare Wirtschaftsförderung. Willich ist ein Vorbild. Wir haben Potenzial, müssen es aber in die Aktivierung bringen. Es gibt viele Menschen in Tönisvorst, die bewegen wollen. Zum Beispiel eine Kita bauen. Sie dürfen in ihren Ideen nicht ausgebremst werden, sondern sie bis nach vorne bringen können.

Menschen suchen auf Plattformen wie Pinterest kreative Ideen für ihr Lebensumfeld. Wo holen Sie sich Ideen für Ihre politische Kreativität?

Lambertz: Die meisten Ideen kommen aus Tönisvorst. Aber ich gehe mit offenen Augen durch die Welt, habe im Urlaub im Großarltal in Österreich beispielsweise einen Spielplatz gesehen, der mit europäischen Fördergeldern gebaut wurde. Das wäre eine Vollzeitstelle wert, alle möglichen Fördertöpfe zu sichten, zu prüfen und anzuzapfen.

Wie nehmen Sie die Tönisvorster Verwaltung wahr? In der Interaktion mit dem Bürger und mit der Politik?

Lambertz: Der Bürgermeister ist das Bindeglied zwischen Verwaltung und Politik: Er muss die Potentiale in seinen Reihen verwirklichen, ein offenes Miteinander pflegen. Wir sind Dienstleister für den Bürger.

Wie viele Anträge haben Sie in der vergangenen Legislaturperiode gestellt, wie viele haben Sie durchbekommen und welche zum Beispiel?

Lambertz: Das weiß ich so spontan nicht. Direkt durchgegangen ist keiner. Aber vieles ist in Arbeitsgruppen eingeflossen und wird entwickelt, hat sich aber auch durch Corona verschoben.

Welches unerledigte Thema in Tönisvorst ist kein Ruhmesblatt für die Politik?

Lambertz: Das Wohnraumthema und die Vermarktung von Gewerbeflächen. Wir stehen ja auch in Konkurrenz zu den Nachbarstädten, zu Willich oder Kempen. Es muss ein Umdenken stattfinden. Man muss auch mal Geld investieren.

Welches Image hat Tönisvorst aus Bürgersicht und in der Draufsicht von außen? Muss das unbedingt korrigiert werden?

Lambertz: In St. Tönis wird teilweise auf sehr hohem Niveau gejammert. Der Vorster Charme darf ausgearbeitet werden. Man sollte mehr Gespräche mit Auswärtigen führen. Die sagen oft: „Ist das schön hier.“

Bei der Kommunalwahl 2014 hat die UWT 7,49 Prozent der Stimmen in Tönisvorst gewonnen. Welches Ziel haben Sie für die Wählergemeinschaft für den 13. September 2020?

Lambertz: 20 Prozent.

Vermessen?

Lambertz: Nein, gar nicht.