Rupert-Neudeck-Gesamtschule in St. Tönis Theaterstück zwischen LGBTQ und Alkoholmissbrauch

St. Tönis · Auf Einladung des Gleichstellungsbüros hat das Niederrhein-Theater im Forum Corneliusfeld das Theaterstück „Bis ans Limit“ aufgeführt. Thema ist Alkoholismus bei Jugendlichen und – eher subtil – LGBTQ-Rechte.

Sam Mutschler stellt Hauptfigur Sam dar. Im Hintergrund ist Michael Koenen zu sehen. Er sorgt für Licht- und Toneffekte und spielt weitere Figuren wie Vater, Lehrer oder Therapeut.

Sam Mutschler stellt Hauptfigur Sam dar. Im Hintergrund ist Michael Koenen zu sehen. Er sorgt für Licht- und Toneffekte und spielt weitere Figuren wie Vater, Lehrer oder Therapeut.

Foto: Norbert Prümen

Als die Diskussion nach der Aufführung des Stücks „Bis ans Limit“ des Niederrhein-Theaters im Forum Corneliusfeld endet, packen die rund 300 Schülerinnen und Schüler der Rupert-Neudeck-Gesamtschule (RNG) ihre Sachen und gehen. Sie haben weiter Unterricht, die Zeit für eine Diskussion fehlt. Viele von ihnen sind aber spürbar enttäuscht, noch eine Minute zuvor hatte ein gutes Dutzend von ihnen die Hände mit einer Frage gehoben, die von Schauspielern und Vertretern des Vereins „Kreis Queersen“ beantwortet werden sollten.

Ähnlich groß ist die Enttäuschung bei den genannten Protagonisten. „Ich hätte gern noch mit den Jugendlichen diskutiert. Das Interesse war spürbar groß, schade, dass nur so wenige Fragen gingen“, sagt Sam. Die Transperson, die auch als solche öffentlich auftritt, spielt die Hauptfigur im Stück, ebenfalls eine Transperson, praktischerweise des gleichen Namens. Sam – im Stück – wird vom Vater als Tochter bezeichnet – später ändert sich dies in „Sohn“. Das ist eigentlich der einzige Hinweis auf die nicht-binäre Identität der Hauptfigur.

Sam ist 16 Jahre alt und verliebt in Hannah, ihre beste Freundin. Sie fühlt sich mit mit sich selbst nicht wohl, mag ihren Körper nicht und traut sich nicht mehr, mit der angebeteten Hannah zu reden. Die Lösung: Alkohol. Sam trinkt immer mehr, und das Stück beschreibt den Absturz. Irgendwann muss er – mittlerweile war die Anrede in „Sohn“ geändert – in eine Klinik und macht einen schweren Entzug durch. Zum Abschluss liefern die Schauspieler noch ein paar Fakten: 90 Prozent Rückfallzahl bei Entgiftung, immer noch 50 Prozent nach einer Therapie. Es sind erschreckende Zahlen, die sie den Jugendlichen präsentieren. Die sind spürbar beeindruckt.

„Ich fand es toll, wie die Realität so klar angesprochen wurde. Ich selbst trinke nicht und möchte es jetzt auch noch weniger ausprobieren. Es wurde wirklich alles sehr gut erklärt“, sagt die 14 Jahre alte Derya. Die gleichalte Elisa schließt sich an. „Ich trinke auch nicht, aber es ist gut herausgekommen, dass man das auch wollen muss, dass man nüchtern bleiben wollen und da auch stark sein muss“, betont sie. Eine ganz andere Lehre zieht Aya aus dem Stück. Die 16-Jährige denkt lange nach, was ihr das Stück bedeutet. „Ich glaube, für mich war die Bedeutung der Liebe am wichtigsten, der Liebe zu Hannah in dem Fall“, sagt sie nachdenklich.

Hannah wird für Sam im Stück zum Rettungsanker. Zwischen ihnen entwickelt sich eine Liebe, der erste Kuss ist wie ein Energieschub für Sam, mittlerweile in der sehr fordernden Therapie. Diese Energie beeindruckt die Schülerin.

Am Ende ist vor allem Tönisvorsts Gleichstellungsbeauftragte Helga Nauen zufrieden. „Ich fand es großartig. Es war eine Aktion zum Diversity-Tag am 28. Mai. Die Idee ist, mehrere Aktionen rund um diesen zu machen, um eben auf die Vielfalt unserer Gesellschaft auch hinsichtlich sexueller Orientierung oder Identität aufmerksam zu machen. Ich wollte eine möglichst breite Masse erreichen, und ich denke, das ist gelungen“, sagt sie.

Doch was ist jetzt eigentlich das Kernthema des Stücks? „Ich denke, das ist nicht so wichtig“, sagt Sam „Generell ist es bei vielen Transpersonen oder anderen Mitgliedern der LGBTQIA+-Gemeinde so, dass sie gerade in der Jugend sehr unglücklich sind und oft auch in Alkohol flüchten. Von daher passt es schon gut, dass eben beides in einem thematisiert ist.“ Welches Thema das wichtigere ist, solle jeder Betrachter für sich entscheiden.

Am Ende bleibt aber eins: eine beeindruckende darstellerische Leistung von Seiten Sams. In einem äußerst spartanischen Bühnenbild entsteht das Zimmer der Hauptperson, die Schule oder die Klinik vor dem geistigen Auge, obwohl nicht mehr als zwei Quader als Sitzmöglichkeit auf der Bühne stehen. Auch die Sprünge in den Zeiten, zwischen Therapie und dem davor, vermittelt Sam hervorragend, der Zuschauer findet sich schnell zurecht. Das gelingt auch den Acht- und Neuntklässlern der RNG sehr gut. Bis auf kurze Phasen hören sie aufmerksam zu. Auf Alkohol sowie Transpersonen wird der oder die ein oder andere wohl künftig einen anderen Blick werfen.

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