Speed-Working: Flirt mit Beruf

Malerinnung und Agentur für Arbeit brachten arbeitslose Menschen und Betriebe zusammen.

Kreis Viersen/Willich. Ein „Speed-Dating“ ist bei Flirt-Freudigen ja allgemein bekannt — doch was ist ein „Speed-Working“? Hinter diesem Wort steckt eine Premiere: Mit einer entsprechenden Veranstaltung in Willich suchte die Maler- und Lackiererinnung künftige Fachkräfte. Bei der Aktion hat sie arbeitslose sowie ausbildungssuchende Menschen mit Betrieben zusammengebracht.

Gerade in den vergangenen Tagen war der zunehmende Fachkräftemangel in den Handwerksbetrieben wieder in aller Munde. „Auch im Kreis Viersen müssen wir feststellen, dass es für unsere Innungsfachbetriebe schwieriger wird, geeignete Fachkräfte zu finden“, sagt Ingo Pawlowski, Obermeister der Maler- und Lackiererinnung Niederrhein Krefeld-Viersen. Erstmals hat die Innung deshalb dieses „Speed-Working gegen Fachkräftemangel“ veranstaltet.

In Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit wurden arbeitslose und ausbildungssuchende Menschen ausgewählt, die zum Beispiel als Helfer schon mit dem Malerhandwerk in Kontakt gekommen waren. Sie konnten zwei Tage in der Überbetrieblichen Ausbildungsstätte (ÜBA) der Maler- und Lackierer-Innung an der Hans-Böckler-Straße in Münchheide ihre praktischen Fähigkeiten weiterentwickeln und zeigen. Vertreter von Malerbetrieben lernten die möglichen künftigen Fachkräfte am zweiten Tag kennen.

Auch Anis Dridi war dabei. Angeleitet von ÜBA-Meister Sascha Zester hat er an einer Übungskabine die Tapete entfernt, den Boden abgeklebt, die Fußleisten und Türrahmen geschliffen und lackiert, die Wände tapeziert, Farbe gemischt, die Decke gestrichen — eben vieles von dem, was ein Maler täglich macht. Jetzt strahlt der 31-Jährige: Malermeister Michael Dohmen hat ihm angeboten, in seinem Zehn-Mann-Betrieb ein Praktikum zu machen.

Anis Dridi ist seit vier Jahren in Deutschland. Er stammt aus Tunesien, hat dort eine Ausbildung im Zirkus gemacht, die in Deutschland nicht anerkannt wird. Er ist seit anderthalb Monaten ohne Stelle. „Ich möchte eine Ausbildung machen, am liebsten im Handwerk. Ich zeichne gern und kann das auch gut“, sagt er. Michael Dohmen ist sehr angetan von dem 31-Jährigen. „Der erste Eindruck ist gut“, erklärt er.

Bei dem Praktikum können alle Beteiligten herausfinden, ob es passt. „Falls sie danach weiter zusammenarbeiten möchten, soll sich eine von der Arbeitsagentur geförderte Umschulung im Betrieb oder eine Ausbildung anschließen“, erläutert Marc Peters, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Das Ziel ist ein Abschluss als Geselle.

Den hat auch der 19-jährige Maurice im Blick. Er ist einer von fünf Jugendlichen, die bei der SBH-West ein Berufsgrundschuljahr absolvieren und sich beim Speed-Working um einen Praktikumsplatz bei den Chefs der Betriebe bewerben konnten. „Es macht mir Spaß, Räume zu gestalten, und ich arbeite gerne mit Farben“, sagt Maurice, der schon zwei Praktika in Malerbetrieben gemacht hat. Ein Drittes folgt nach den Osterferien: Das hat Malermeisterin Stefanie Baumert mit ihm vereinbart. „Er arbeitet sauber und war mir auf Anhieb sympathisch“, sagt die Betriebsinhaberin aus Kempen. „Wenn das mit dem Praktikum gut funktioniert, kann er die Ausbildung bei uns anfangen“, fügt sie hinzu.

Genau das hatte die Maler- und Lackierer-Innung beabsichtigt. „Wer es bisher nicht geschafft hat, einen Abschluss als Gesellin oder Geselle zu erwerben, erhält hier eine neue Chance, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen“, betont Obermeister Pawlowski.

Sarah Borgloh, Bereichsleiterin der Agentur für Arbeit, begrüßt die Initiative: „Das Speed-Working ist eine gute Möglichkeit, Arbeitslose und Arbeitgeber zusammenzubringen und dem Fachkräftebedarf entgegenzuwirken. Ohne formales Bewerbungsverfahren können hier zunächst die praktischen Fähigkeiten gezeigt und erprobt werden. Ein gutes Beispiel für die gesamte Region.“ Red