Willicher Zeitbörse Ein Weg aus der Einsamkeit

Willich · Die Willicherin Dorothea Rüllenrath ist ein Beispiel dafür, wie viel Spaß es machen kann, sich ehrenamtlich zu engagieren. Sie ist in der „Willicher Zeitbörse“ aktiv.

Brigitte Schwerdtfeger (v.l.), Philipp Haeser (Seniorenstelle) und Ehrenamtlerin Dorothea Rüllenrath machen sich für die „Willicher Zeitbörse“ stark.

Brigitte Schwerdtfeger (v.l.), Philipp Haeser (Seniorenstelle) und Ehrenamtlerin Dorothea Rüllenrath machen sich für die „Willicher Zeitbörse“ stark.

Foto: Nadia Joppen

Sie treffen sich einmal pro Woche und unternehmen die unterschiedlichsten Dinge: Dorothea Rüllenrath (72 Jahre) und eine 79-jährige Willicherin, die nach einer Erkrankung im Laufe der Jahre immer mehr Sehvermögen verloren hat und heute so gut wie nichts mehr sieht. „Wir gehen spazieren oder einkaufen, ich lese vor, oder wir gehen ins Café. Demnächst möchten wir auch mal in ein Konzert gehen“, erzählt Dorothea Rüllenrath. Sie ermöglicht es der Dame, ein bisschen mehr Abwechslung und Unterhaltung im Alltag zu haben. Dorothea Rüllenrath ist eine von derzeit zwölf geschulten Menschen, die sich über die „Willicher Zeitbörse“ ehrenamtlich engagieren, damit ältere Menschen nicht vereinsamen.

Die beiden kennen sich seit Ende September, und es hat sich eine Freundschaft entwickelt. Die Seniorin sei trotz ihrer fast völligen Erblindung noch sehr aktiv, achte auf sich selbst und gehe „gern aufs Strässken – wie sie selbst sagt“.

Wenn die beiden unterwegs sind, achtet ihre Begleiterin zum Beispiel auf die Wegequalität, damit es nicht zu Unfällen kommt. Sie hält auch Kontakt zu den beiden Töchtern der Seniorin, „falls etwas ist“. „Ich habe mich schon während meines Arbeitslebens engagiert und war ehrenamtlich in einer Selbsthilfe-Organisation tätig – bis hin zu einer Position im Vorstand“, erzählt die Diplom-Ökotrophologin und frühere Dozentin für Ernährung und Hauswirtschaft. Im Ruhestand hatte sie eine andere Tätigkeit gesucht und von der Zeitbörse aus der Zeitung erfahren. Die Zeitbörse wird von Philipp Haeser (Seniorenstelle Stadt Willich) betreut. Das Projekt ist im Rahmen der Überlegungen von Politik und Verwaltung entstanden, wie in Willich Präventionsarbeit gegen Vereinsamung geleistet werden kann. Haeser organisiert in regelmäßigen Abständen Grundschulungen, die die Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler auf die Tätigkeit vorbereiten. „Dann suche ich, welcher Ehrenamtler und welche Person mit Begleitwunsch zueinander passen können“, sagt er.

Zu Beginn begleitet er die Vermittlungen und ist beim Erstbesuch dabei, um zu sehen, ob die Chemie stimmt, „danach ziehe ich mich zurück, und die beiden machen weiter“, sagt er. Trotzdem steht er für Fragen immer zur Verfügung und hält zu allen Ehrenamtlern zum Beispiel über Newsletter Kontakt. Für die zuständige städtische Beigeordnete Brigitte Schwerdtfeger ist das Projekt schon kurz nach Beginn ein Erfolg, aber es sei auch noch viel zu tun. Ein Anliegen und eine Schwierigkeit sei es, einsame Menschen zu erreichen, „die wir nicht auf dem Schirm haben“. Dabei appelliert Schwerdtfeger an alle Willicher, sich zu melden, wenn sie jemanden kennen, für den eine solche Unterstützung eine Hilfe sein könnte. Wichtig ist ihr: „Das ist keine Partnerbörse oder Taxi-Dienst, sondern eine Aktivierung, um wieder Gesellschaft zu haben.“

Flüchtlinge engagieren sich ehrenamtlich für das Projekt

In der Willicher Zeitbörse steckt viel Dynamik. Unter anderem engagieren sich einige nach Willich gekommene Flüchtlinge ehrenamtlich in dem Projekt, die Kontakte knüpfen und Deutsch lernen möchten. Philipp Haeser schildert eine andere Vermittlung: Ein Flüchtling aus dem Iran kümmere sich um einen älteren Mann – „ich hatte es ihm vorgeschlagen, und das passt auch gut. Die beiden kochen oft zusammen“, beschreibt er.

Dorothea Rüllenrath hat noch eine andere ehrenamtliche Aufgabe gefunden: Es ist eine Freundschaft zu zwei Syrerinnen entstanden, die sich ehrenamtlich engagieren. Sie hilft ihnen, ihre Deutsch-Kenntnisse zu verbessern, und es wird auch gemeinsam gekocht. „Die syrische Küche ist sehr lecker“, sagt sie. Für Philipp Haeser gibt es ein anderes Anliegen: Beim Thema Einsamkeit dürfe man „junge Menschen nicht vernachlässigen. Corona hat viel für junge Menschen verändert.“

Im Laufe der ersten Monate hat er für die Zeitbörse Verbindungen geknüpft – zu den Begegnungsstätten, zur Freiwilligenzentrale in Schiefbahn und zum Alten- und Pflegezentrum Haus Bodelschwingh in Dülken. Dort gibt es ein kostenloses Schulungsprogramm für Ehrenamtler, an dem die Willicher teilnehmen können.

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