Ernährung in der Pflege : „Das Essen ist eine Katastrophe!“

Zwei Angehörige von Bewohnern des Willicher Seniorenzentrums Moosheide klagen über das Essen in der Einrichtung. Das Haus weist den Eindruck einer schlechten Versorgungsqualität zurück.

Die 80-jährige Willicherin Gisela Werres hat ihren Mann zur Pflege ins Seniorenzentrum Moosheide gegeben. Und das Essen dort, das entspreche nicht dem, was sie sich unter einer angemessenen Versorgung vorstelle, sagte die gelernte Buchhalterin und Mutter von drei erwachsenen Söhnen.

Mitte Februar legte sie zuhause die Schriftstücke auf den Tisch, die sie im September 2021 an das Haus und an das Deutsche Rote Kreuz als Träger geschickt hat. Als Reaktion auf ihren Brief hörte sie – nichts. „Ich bin verzweifelt“, sagte die rüstige Dame.

Von 2019 bis März 2020 war ihr Mann in der DRK-Senioreneinrichtung zunächst in der Kurzzeitpflege, wo er sich zusehends erholte. „Da wurde die Suppe am Platz warm aus dem Pott gebracht. Das war hervorragend.“ Danach ging es auf die Station im ersten Stock.

Sie nahm wahr, dass eimerweise Gegrilltes im Eimer landet. „Ich habe meinen Mann gefragt. Der sagte: Ich habe immer nur Salat gegessen.“ Und wenn die Servicekraft nicht anwesend sei, gebe es oft lauwarmes Essen, erzählt Werres. Oft habe sie das Tablett mit dem Rollator zum Service bringen müssen. „Das wenige Personal kann das nicht leisten“, sagt sie. Ihr Fazit in Sachen Essensversorgung: „Die Küche ist für den Demenzbereich eine Katastrofe.“ Obwohl der Koch für Kurzzeitpflege und Station derselbe ist.

Das Essen habe sich im Dezember 2021 für vierzehn Tage kurz verbessert. „Die Portionen waren bewohnergerecht, auch nicht so viel.“ In den Augen ihres Mannes sieht sie in der Zeit dessen Begeisterung in dem Gefühl, aufgegessen zu haben. Doch dann kam der nächste Speiseplan, „da ging fast alles nicht.“ Der Koch sicherte ihr zu, Ersatz zu finden. Doch das Ergebnis war ernüchternd. „Am Freitag gab es gepresstes Geflügelfleisch mit zwei Kartoffeln und Sauce drüber. Da habe ich fast geweint.“ Das habe sie als „menschenunwürdig“ empfunden.

85 Prozent des Fleisches
landeten im Müll

Das Essen werde auch für außer Haus geliefert. Das gleiche Essen komme auf die Stationen. „Wir hatten auch mal ein Filetsteak, aber das konnten die Bewohner nicht schneiden“, erinnert sie sich. 85 Prozent davon landeten im Müll. „Ich habe es mit nach Hause genommen.“ Auch Hühnerbrühe, dass eher aussehe wie „heißes Wasser“, werde angeboten. Obst wie Kiwis oder Mandarinen könne man nur dann essen, wenn es jemandem gebe, der ihrem Mann das Essen klein schneidet. Das Essen sei oft bissfest, aber nichts für die Bewohner. „Wer von denen im Haus hat noch normale Zähne?“, fragt die Seniorin. „Zigmal habe ich alles aufgeschrieben“, sagt die Frau. Ihren Mann woanders hinzubringen, könne sie aufgrund der Entfernung zu anderen Häusern nicht. „Ich bin heilfroh, dass es um die Ecke liegt.“

Claudia Glasmacher bestätigt im Februar ihre Aussagen. Die Mutter der 60-Jährigen ist 85 Jahre alt, lebt auch in dem Heim. Zu Beginn sei sie in der Kurzzeitpflege gewesen. „Da war alles top, auch das Essen super. Besser als im Hotel“, sagt sie. Als die Mutter aber in den Wohnbereich kam, „ging es mit dem Essen stetig bergab.“ Mittlerweile sei es so, dass sie zwei- bis dreimal hinfahre und etwas mitbringe, „weil sie sonst nichts isst.“ Entweder sei das Fleisch knüppelhart, oder es gebe nur mediterrane Küche.

Als im Dezember vergangenen Jahres für zwei Wochen ein Gourmettester in der Küche gewesen sei, sei das Essen annehmbar gewesen. Jetzt sei es wieder wie vorher. Drei- bis viermal gebe es „Wassersuppe-Instant auf sechs Liter aufgelöst“, sagt sie. Das einzig Annehmbare sei das Frühstück, sagt die Mutter, die noch „voll auf der Höhe“ sei, so Glasmacher. Die Situation ziehe sich so seit eineinhalb Jahren hin. „Mal ist es an einem Tag gut, danach wieder total schlecht.“ Ihr Fazit: „Das ist eine sehr miserable Küche, wir müssen 220 Euro zuzahlen. So ein Platz kostet 4000 Euro“ Als sie in einer Diskussion mit dem Koch hörte, man sei schließlich nicht im Hotel, ging sie bis zur Pflegedienstleitung.

Die Heimleitung habe ihr versichert, dass sich etwas ändern werde, sie solle noch warten, es käme noch jemand vom DRK. „Es tut sich aber nichts und es ändert sich nichts.“ Zusammen mit der Tischnachbarin ihrer Mutter und Gisela Werres habe man mit der Heim-und Pflegedienstleitung gesprochen. Man könne auf dem Speiseplan lediglich zwei Menüs – eins mit und eins ohne Fleisch – ankreuzen. „Eine andere Auswahl haben sie nicht. Und Sie müssen eine Woche vorher sagen, was sie essen wollen“. Ihre Mutter habe Galle, habe Magen-Darm-Krebs gehabt, könne die Suppen nicht vertragen. „Darum bringe ich etwas mit.“ Auch auf Facebook habe sie offen geschrieben, ob man nicht mal den Koch auswechseln könne.

Die Einrichtung sieht die
Situation nicht so dramatisch

Der Leiter der Einrichtung, Jan Kallewegge, sah im WZ-Gespräch die Situation nicht so dramatisch. „Wir beliefern drei Seniorenhäuser und einen Kindergarten. Dass da eine Rückkopplung kommt, es schmeckt nicht, das ist ganz normal“, sagte er „In diesem Haus haben wir 93 Bewohner. Dass nicht jeden Tag jede Speise schmeckt, das ist verständlich. So gut wie wir es können, gehen wir drauf ein.“ Man führe hinsichtlich des Essens beim Einzug ein Vorgespräch mit den Beteiligten, je nach Befund werde eine separate Zubereitung vorgenommen, auch wenn man nicht jeden Tag etwas Anderes anbieten könne. Man führe regelmäßige Speisenbesprechungen durch, „sodass wir da eine Qualitätssicherung betreiben.“ Den Vorwurf, „menschenunwürdiges Essen“ anzubieten, könne er nicht bestätigen. „Wir werden durch den medizinischen Dienst und die WTG-Behörde (die frühere Heimaufsicht, die Red.) kontrolliert. Und die Lebensmittelkontrolleure sind bei uns.“ Es gebe keinen individuell auf die Personen abgestimmten Essensplan, gestand er zu. „Es geht, dass wir bei Frühstück und Abendessen individuell anpassen“ – ob der Betreffende Tee, Kaffee, Wurst und Aufschnitt jeweils haben möchte.

Ein Termin, sich im Haus vor Ort ein Bild zu machen, kommt wegen Corona im März nicht zustande. Mitte April meldet sich Gisela Werres erneut. „Ich war im Februar so guter Hoffnung.“ Geändert habe sich nichts. Claudia Glasmacher bestätigt das: „Alle vier bis fünf Wochen hat man dieselben Essenspläne. Herr Kallewegge hat gesagt, wenn es nicht besser werden sollte, müsse man nochmal den Koch schulen. Da hat sich aber nichts getan.“

Die WZ-Redaktion fragt bei Kallewegge nach, ob man dazu nochmal ein Gespräch mit ihm und Frau Werres führen könne. Die Antwort gibt Anfang Mai der Pressesprecher des DRK-Landesverbandes Nordrhein, Andreas Brockmann. Man tue alles dafür, „dass sich unsere Bewohnerinnen und Bewohner in den Einrichtungen wohlfühlen. (…) Kritikpunkte einzelner Bewohnerinnen und Bewohner – die selbstverständlich nicht repräsentativ für die gesamte Einrichtung sind! – klären wir daher im direkten Gespräch mit den Menschen.“ Ein Gespräch mit Frau Werres, der Redaktion und der Einrichtung lehne man daher ab.

Der Träger unterstreicht, dass er durchaus direktes Feedback zu den Mahlzeiten erhalte, es auch kritische Stimmen gebe. Eine große Mehrheit äußere sich aber positiv über die Versorgungsqualität der Küche. Brockmann zitiert aus einer Umfrage des Medizinischen Dienstes aus dem Jahr 2018 (!), nach der 85 Prozent der befragten Bewohner angegeben hätten, dass Ihnen das Essen „immer“ schmecke. Das Pauschalurteil einer „schlechten Versorgungsqualität“ im Allgemeinen entspreche „keinesfalls der Realität.“