Tönisvorst: „Sekundarschule noch nicht gescheitert“

Tönisvorst: „Sekundarschule noch nicht gescheitert“

Der Schulausschuss stimmt gegen die Umwandlung in eine Gesamtschule. Goßen sieht großes Akzeptanzproblem der Sekundarschule bei Eltern und erntet Widerspruch.

Tönisvorst. Seit mehr als 30 Jahren ist Christa Voßdahls (SPD) Mitglied im Schulausschuss der Stadt Tönisvorst. Auch der erfahrenen Schulpolitikerin hat man in den vergangenen Sitzungen angemerkt, dass der vorliegende Antrag der Sekundarschule auf Umwandlung in eine Gesamtschule eine Herausforderung darstellt.

Bei aller Erfahrenheit also keineswegs Routine in diesem Wechselspiel von Für und Wider Gesamtschule, im Zahlenwust von prognostizierten Anmeldungen, Raumbedarf und Finanzmitteln, mittendrin im Spannungsfeld emotional aufgeladener Eltern-Diskussionen.

Die Auswertung der Fragebogenaktion hat Christa Voßdahls in ihrer Meinung bestärkt. Am Mittwoch stellte sie im Ausschuss klar: „Ich stimme gegen die Umwandlung.“ 330 Elternstimmen für eine Gesamtschule waren ihr ein zu schwaches Signal. „Ich hätte 400 bis 450 erwartet.“

In ihrer weiteren Argumentation schloss sich Voßdahls Elisabeth Schwarz (Bündnis 90/Die Grünen) an. Auch sie hatten die vorgelegten absoluten Zahlen der Elternabstimmung nicht überzeugt. Die im Schulentwicklungsplan der Stadt prognostizierten 200 Tönisvorster Schüler pro Jahrgang, die sich künftig nach der Grundschulzeit auf weiterführende Schulen aufteilen, bewerten beide als knapp. „Wir sind also auf Einpendler angewiesen.“ Auch im Raumbedarf sah Schwarz Unsicherheiten, Und für eine zweite Oberstufe in der Stadt das Gebäude Kirchenfeld langfristig als Schulraum zu erhalten? Bei veranschlagten Kosten von 290 000 Euro im Jahr - „lohnt sich das?“

Einer Kooperation zweier Oberstufen, also der einer möglichen Gesamtschule und der des Michael-Ende-Gymnasiums - sind nach Meinung von Schwarz „enge Grenzen gesetzt“. Würde das nicht ein Überangebot an Fächern wie Deutsch und Mathe bedeuten? Vielfalt einschränken? In nur einer Oberstufe in der Stadt sieht sie für Schüler mehr Wahlmöglichkeiten.

Thomas Kroschwald (CDU) glaubt auch nicht daran, dass eine Gesamtschule in ein paar Jahren auf die erforderlichen 100 Anmeldungen käme. Bei freier Schulwahl und guter Anbindung in Nachbarstädte müsse man in Tönisvorst auch mit Auspendlern rechnen. Er unterstrich die Qualität des Michael-Ende-Gymnasiums, dem eine Reduzierung auf maximal vier Züge bevorstünde, wenn aus der Sekundar- eine Gesamtschule würde. Das MEG sei vor vier Jahren „zu einer der zehn besten Schulen NRWs gewählt worden sei. Wollen wir das aufs Spiel setzen?“

Kroschwald machte sich für die Fortsetzung der Sekundarschule stark: „Das ist eine kleine Gesamtschule.“ Er glaube daran, dass durch eine gute Arbeit der neuen Schulleitung und der Lehrer Vertrauen zurück gewonnen werden könne. „Wir nehmen das MEG und die Sekundarschule in die Pflicht, an allen Nahtstellen die Kooperation mit Leben zu füllen.“

Vanessa Thienenkamp (FDP) machte sich ebenfalls stark für das „funktionierende Gymnasium und die Sekundarschule als ergänzende Schulform in der Stadt“. Michael Lambertz (UWT) stimmte als einziger gegen die Ablehnung des Antrags.

Bürgermeister Thomas Goßen sprach sich klar für ein zweigliedriges Schulsystem in Tönisvorst aus. Die Entscheidung, mit der Einführung der Sekundarschule 2013 neben dem Gymnasium alle Schulabschlüsse in der Stadt anbieten zu können, halte er nach wie vor für richtig. Das MEG stehe für ihn langfristig außerhalb jeder Diskussion. Eindrücke aus Gesprächen vergangener Tage hätten ihn aber in der Sorge bestärkt, „dass die Sekundarschule in den Köpfen der Eltern schon ausradiert“ sei. Er glaube nicht, dass es gelinge, sie bei den Eltern als eine zukunftsfähige Schule zu verankern. „Das Auslaufen der Sekundarschule wird von vielen bereits als Faktum angesehen.“

Die Sekundarschule schon totgesagt? Da widersprachen Ausschussvorsitzende Angelika Hamacher (CDU) und Christa Voßdahls dem Bürgermeister deutlich. „Die Schule hat die Krise gehabt, ja. Dafür gab es vielfältige Gründe. Die Eltern sind extrem verunsichert worden“, so Hamacher. Die Öffentlichkeitsarbeit müsse deutlich verbessert werden. Die Vorteile des längeren gemeinsamen Lernens und der Binnen-Differenzierung biete sie schon jetzt. „Die Sekundarschule ist am heutigen Tag noch nicht gescheitert.“

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