Schweigemarsch zur Reichspogromnacht in St. Tönis

Gedenkmarsch : Schüler ziehen mit Kerzen gegen das Vergessen durch St. Tönis

150 Menschen nahmen am Schweigemarsch teil.

. Mit Kerzen in der Hand stehen sie in der Dunkelheit vor dem Hauptportal der Kirche in der St. Töniser Ortsmitte. Gut 150 Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren sind gekommen, um ein Zeichen zu setzen, ein Zeichen gegen Antisemitismus, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Zum zwölften Mal hat die Schülervertretung des Michael-Ende-Gymnasiums (MEG) zum Schweigemarsch am 9. November aufgerufen. Auch die Rupert-Neudeck-Gesamtschule (RNG) und die beiden christlichen Kirchengemeinden im Ort haben sich wieder angeschlossen.

Es sei nicht selbstverständlich, sagt Paul Birnbrich, Schulleiter des MEG, dass Jugendliche, die die Ereignisse nicht erlebt haben, deren Eltern und Großeltern erst nach dem Holocaust geboren wurden, sich dafür einsetzen, dass nicht vergessen wird, was damals geschah. „Erinnern, nicht vergessen ist der Leitgedanke der Veranstaltung“, stimmt Moritz Hirt, Schülersprecher der RNG, zu.

Gemeinsam mit Chris Klingenberg erinnert er an den Vorster Hermann Katz, den SS- und SA-Männer verprügelten und die Treppe herunterstießen. Katz erlag bald darauf seinen Verletzungen. „Niemand wagte, bei seiner Beerdigung am Trauerzug teilzunehmen“, berichtet Chris Klingenberg.

Und so wird der Schweigemarsch auch ein bisschen zum Trauerzug für Hermann Katz und die vielen anderen jüdischen Mitbürger, denen in der Reichspogromnacht 1938 Leid angetan wurde. An der Hochstraße 37, wo ein Stolperstein an den Viehhändler Isaak Kaufmann erinnert, den die Nazis in seinem Sessel angezündet haben, liest Ole Varwick vom MEG einen Zeitzeugentext vor, der die Gräuel jener Nacht deutlich macht.

Antonia Boehm von der RNG spricht über die Stolpersteine, die den Opfern ihre Namen zurückgeben, und betont: „Für unsere Generation ist es wichtig, sich an die Untaten zu erinnern, damit die Geschichte sich nicht wiederholt. Wie viele von uns wären dann wohl betroffen, weil sie eine andere Religion, eine andere Hautfarbe haben?“

Schweigend setzen die Menschen sich wieder in Bewegung und gehen zum Krankenhaus, wo bis 1938 eine Synagoge stand. „Die Reichspogromnacht war der Beginn der systematischen Verfolgung der Juden in Deutschland“, sagt Christopher Schieren, Schülersprecher des MEG. „Wir sind verantwortlich dafür, dass so etwas nicht wieder geschehen kann“, betont der Schüler und zitiert den Schriftsteller Edmund Burke: „Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen.“ Auch heute gelte es, Schulter an Schulter gegen rechtspopulistische Strömungen zu stehen, sagt Christopher Schieren.

Nach Gebeten von Stefanie Müller, Gemeindereferentin der katholischen Kirche, und Daniela Büscher-Bruch, Pfarrerin der evangelischen Gemeinde, bleiben ein Kranz und unzählige Kerzen zurück, die Licht in die Nacht bringen und zeigen, dass die dunkle Zeit in der deutschen Geschichte letztlich nicht gesiegt hat. wic