Schlossfestspiele Neersen: "Mustergatte" mit Heinz-Erhardt-Humor

Schlossfestspiele Neersen : Neersen: Mustergatte tanzt zu ,Sexmachine’

Intendant Bodinus lässt bei den Schlossfestspielen brave Fünfziger auf wilde Siebziger los.

Intendant Jan Bodinus hat bis auf zwei Kollegen die gesamte Ensemble-Familie um sich. „Alle da. Gesund und munter!“ Herr Bodinus kümmert sich. Alles läuft wie am Schnürchen. Der Mustergatte – „just in time“. „Langsam verdichtet sich alles. Es geht auf die Premiere zu.“ Da werden Pointen erfunden und wieder verworfen, weil sie die Geschichte doch nicht genug vorantreiben. Aber genau das, das Pointierte, das Lustige, der Witz ohne Länge, das exakte Timing des Humors in Sprache und Szene – alles das soll nach Bodinus Regieanweisung sitzen, damit der Zuschauer genau den Spaß erlebt, den das Ensemble bei den Proben empfindet.

Heinz-Erhardt-Humor für Neersener Festspiel-Sommer

Bodinus war schon in den vergangenen Jahren ein Trommler, ein Werber, einer, der die Stärken des Ensembles würdigt, wenn er über das Stück spricht. In diesem Jahr legt der Mann irgendwie noch eine Schippe drauf. Wirkt gelöster, vorfreudiger und im besten Sinne selbst zufrieden mit der Auswahl seiner Leute.

Die Schauspieler fühlen sich wohl in und mit ihren Rollen. Stefan Keim zum Beispiel, der Willi Winzigmann alias Heinz Erhardt, der solo schon oft in Neersen zu gefallen wusste. Er lobt die Ensemblearbeit sehr. „Alle hier haben das Humor-Gen und einen Riesenspaß. Ich freue mich jeden Morgen auf die Proben.“ Er, der gestandene Mann, sagt von sich, er sei ein Lernender. Profitiere von Bodinus’ exakten Regieanweisungen. „Ich lerne hier richtig“, so Keim. Auch sich so zu bewegen, dass es wie tanzen aussieht. Dafür sorgt Kerstin Bruhn, die auch fürs Arielle-Ensemble choreographiert.

Die Besucher dürfen sich auf die eingespielten Hits „Saturday night fever“ und „Sexmachine“ auf der Neersener Bühne freuen. Aber ein Seemannslied von Freddy Quinn ist auch im Repertoire. Schließlich treffen die braven 1950er Jahre auf die wilden 70er, das Akkurate, das Geregelte auf die wilden Siebziger, Regeln auf Freiheit. Bodinus: „Die Welt verändert sich für uns permanent. Denken Sie nur an die Möglichkeiten in der neuen digitalen Welt.“

Spannend werden die unterschiedlichen Frauenbilder, die das Stück erzählt. Reinhild Köhncke spielt Wilma Winzigmann, Willis Frau. Michaela Schaffrath ist ihre Nachbarin Blanche Becker.

Das Bühnenbild von Christian Baumgärtel ist – zunächst von dem Stil der 1950er geprägt – die Wohnung der Winzigmanns. „Doch mehr und mehr schleicht sich Modernes in das Muffige. Brauntöne stehen im Kontrast zu den bunten 70ern.“

Beste Überleitung zu den Kostümen, die genau das widerspiegeln. Willi Winzigmann fährt modisch einen eindimensionalen Stil, um ihn herum ist und wird es bunt.

Stefan Keim alias Winzigmann muss vor der Premiere noch frisiert werden. Er bekommt eine Tönung verpasst. Kein graues Haar mehr, wenn er am 22. Juni auf die Bühne tritt.

Bodinus setzt darauf, dass der Heinz-Erhardt-Effekt thematisch auch das Publikum von 2019 begeistert. „Diese Figur ist von sympathischer Naivität, voller Herzlichkeit und mit einer klaren Weltsicht. Und sie trifft auf die Siebziger.“ Begeistert ist jedenfalls auch Michaela Schaffrath von Proben, Probenort und den Ausblick auf die „zwei Stunden 15“, die das Stück mustergültig amüsieren soll.

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