Schiefbahn: Ein Websaal als Wohngebiet

Schiefbahn: Ein Websaal als Wohngebiet

Wie werden alte Fabriken heute genutzt? Diese Frage führt die WZ heute zur Verseidag.

Schiefbahn. So sieht es eben aus in einem Neubaugebiet: Weiße Häuser, alle nach dem gleichen Muster gebaut, kleine Gärten hinter hohen Hecken, Wohnstraßen fast ohne Verkehr. Und doch ist hier alles ein wenig anders. Da steht eine lange Mauer aus roten Ziegeln mit runden Fenstern, die wie eine vergessene Filmkulisse wirkt. Scheinbar sinnlose Eisenträger erstrecken sich über Straßen und Parkplätzen. Ein Fabrikschornstein ragt über den Dächern empor. Aber wo ist die Fabrik dazu? Wir sind mitten drin: Wo heute das Neubaugebiet ist, stand einst der größte Websaal Europas.

Als die Seidenweberei Deuß& Oetker 1889 mit dem Bau einer Fabrikanlage im Niemandsland am Rande von Schiefbahn begann, war dies der Beginn einer neuen Zeitrechnung für den Ort. Aus dem verschlafenen Dorf mit seiner bäuerlichen Landwirtschaft und seinen Hauswebereien wurde ein moderner Industriestandort.

Schon 1904 arbeiteten mehr als 1000 Menschen in der Seidenweberei. Sie wurde Garant dafür, dass Schiefbahn zu einer der wohlhabendsten Gemeinden am Niederrhein wurde. Elektrischer Strom, eine Straßenbahnlinie nach Krefeld, ein Bahnhof in Niederheide - all dies verdankte der Ort der Firma Deuß & Oetker, die 1920 nach Fusionen mit anderen Webereien zur Verseidag wurde.

"Halb Schiefbahn hat da gearbeitet, vor allem Frauen", erzählt Ludwig Hügen, Ehrenvorsitzender des Heimatvereins. Die Arbeiter seien gut bezahlt worden, hätten mehr Geld zur Verfügung gehabt als die ortsansässigen Kleinbauern. Ob dies wohl der Grund dafür ist, dass die Bewohner der Werkssiedlung, die 1898 unweit der Seidenweberei entstand, von alten Schiefbahnern schräg angesehen wurden? "Die kommen aus der Kolonie, hieß es damals", erinnert sich Hügen. Wobei "Kolonie" als Schimpfwort gebraucht worden sei: "Zum Dorf hatten die Arbeiter keinen Kontakt."

Zur Schule gingen die Kinder der Kolonie in Niederheide. Auch Ludwig Hügen gehörte dazu, denn seine Familie stammt aus der Arbeitersiedlung: "Mein Großvater war Gärtner im Unternehmen."

Eine besonders enge Verbindung zur Verseidag hatten die Arbeiter damals nicht. Für sie war die Weberei nur "dä Kaas", also "der Kasten", weiß Ludwig Hügen. Er selbst sei aber immer stolz auf diesen modernsten Teil Schiefbahns gewesen. Noch 1989 verfasste er deshalb zum 100-jährigen Bestehen der Fabrik einen Jubiläumsbildband. Damals arbeiteten dort keine 200 Leute mehr - 1997 wurde die Verseidag endgültig dicht gemacht.

Geht Hügen heute durch die Straßen des Neubaugebiets, freut er sich darüber, dass so vieles an die Industriegeschichte erinnert: Da ist die lange Mauer des einstigen Websaals, da sind die Eisenträger der Deckenkonstruktion, da ist der Schornstein neben dem ehemaligen Kesselhaus. Auch Kutschenhäuser und Verwaltungsgebäude sind erhalten geblieben, teils sind dort Eigentumswohnungen, teils Arztpraxen zu finden. "Besser hätte man das nicht machen können", lobt der Heimatforscher den gelungenen Kompromiss aus Wohnbebauung und Denkmalschutz.

Diese Ansicht vertrat 2009 auch die Landesregierung: Für die Sanierung der alten Seidenweberei erhielt die Stadt Willich den erstmals ausgelobten "Bodenschutzpreis Nordrhein-Westfalen".

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