Trecker-Harry on Tour: Per Trecker in die Lüneburger Heide

Trecker-Harry on Tour : Per Trecker in die Lüneburger Heide

Im geruhsamen Tempo haben die St. Töniser Harry und Rolf Klupsch rund 1000 Kilometer zurückgelegt.

St. Tönis. Man lernt nie aus. Das hat Harry Klupsch, in St. Tönis allseits bekannt als Trecker Harry, aufs Erfreulichste „erfahren“. Der 71-Jährige hat Mitte August auf dem Milchhof Driehsen wieder einmal seinen Planwagen an seinen roten IHC 433, Baujahr 1977, gehängt. Aber nicht etwa für eine spontane Trecker-Spritztour mit 35 Pferdestärken durch Unterweiden.

Foto: Reimann, Friedhelm (rei)

Harry Klupsch saß, das hat der Betriebsstundenanzeiger seines Schleppers in den folgenden 15 Tourtagen erfasst, 63 Stunden auf dem Fahrersitz und legte in einem Tempo von durchschnittlich 20 km/h auf der Rundreise sage und schreibe 1000 Kilometer zurück.

Foto: Reimann, Friedhelm (rei)

Der Trecker garantiert ein entschleunigendes Fahrgefühl — als zögen unsichtbare Kulissenschieber die Landschaft rechts und links unaufgeregt, gleichmäßig, ohne jede Hektik am Reisenden vorbei. Der Fahrtwind blies immer dann ins Gesicht, wenn Harry Klupsch die Windschutzscheibe nach vorne aufklappte, um die Wärme des knatternden Motors aus seiner Fahrerkabine abzuleiten.

Auf dem erhöhten Zweitsitz hinter ihm saß die ganze Zeit über sein Bruder Rolf (75). Beide zog es in ihre alte Heimat, in die Lüneburger Heide, dort, wo sie die frühen Kinderjahre verbracht haben. Auch wenn die Rückkehr nach St. Tönis immer „nach Hause kommen“ bedeutet, ist die Heide vor allem für Harry Klupsch ein hochemotionales Ziel. Nicht nur wegen der landschaftlichen Schönheit und Weite.

„Dort geht mir immer das Herz auf“, sagt er. Auf dem Riggers-Hof im Örtchen Baven, wo sie einst wohnten, hat er als Siebenjähriger das Treckerfahren gelernt. Wie früher sieht auch noch seine erste Schule aus. In dem Gebäude ist heute eine Versammlungsstätte für die Gemeinde untergebracht.

„Wir sind die Wege gefahren, die wir schon als Kinder gefahren sind. Alles wirkt dort so unverändert, anders als hier in Tönisvorst, wo sich unwahrscheinlich viel verändert.“ Wie in den 1960er Jahren haben sie ihre einstige Badestelle, „Bindestelle“ genannt, gesehen. „Direkt an dem Flüsschen Örtze, das in die Aller fließt.“ Ein geliebter Platz, sagt Klupsch. Warum der Ort am Wasser ausgerechnet Bindestelle heißt, das vermochte den Brüdern Klupsch bislang niemand zu sagen. Die jüngste Reise brachte die Erkenntnis. Klupsch: „In den 20er, 30er Jahren hat man an der Stelle Holz aus dem Wald zu Flößen zusammengebunden. Daher Bindestelle.“

Familiäre Bindung haben die Klupschs noch in die Lüneburger Heide. Ihr Onkel Helmut, mittlerweile 80, lebt dort. Ihn haben die Brüder 2005 schon einmal mit dem Trecker besucht. „Damals“, erinnert sich Harry, „sind wir blauäugig losgefahren, ohne große Planung, nur mit Kartoffelsalat für drei Tage im Gepäck.“ 192 Kilometer hatten sie damals tuckernd allein am ersten Tag zurückgelegt.

Solche Strapazen umgehen sie heute. Höchstens 100 Kilometer am Tag fahren sie — visuell geführt durch den „Motorradtourenplaner“, den der St. Töniser sich auf dem Tablet aufruft und beim Fahren vor sich liegen hat. Abends steuern sie einen Campingplatz an und hoffen auf eine geöffnete Gaststätte. Hungrig haben sich Klupschs noch nie in den Planwagen zum Schlafen legen müssen. „Mit diesem Gespann kommt man automatisch mit den Menschen ins Gespräch“, sagt Harry. Und für Einladungen am Grill bedankt er sich mit Musik. Seine Gitarre reist im Planwagen immer mit. Wie die Spendenbox für die Tönisvorster Hilfe an der Wand.

Auch unterwegs auf den Straßen erfährt sein zehn Meter langes, rollendes Gespann „hohe Akzeptanz“. „Es wirkt halt irgendwie sympathisch“, sagt Klupsch. Er fährt den 1,70 Meter breiten Trecker samt überdachtem Anhänger möglichst weit rechts auf der Straße, damit der Überholvorgang für andere leichter wird. Nur Frauen, so seine Erfahrung, seien dazu manchmal zu ängstlich.

Die nächste Trecker-Traum-Tour ist schon geplant. 2019. Dann gemeinsam mit seiner Frau. Harry Klupsch will nach zehn Jahren wieder einmal an den Bodensee — diesmal vom Niederrhein durch Hessen Richtung Regensburg. Nervosität kennt der St. Töniser vor langen Reisen nicht: „In der Nacht, bevor ich mit dem Auto verreise, schlafe ich schlechter, als wenn ich in den Trecker steige.“

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