Facebook-Netzwerk in Willich Schnelle Hilfe für Menschen in Not

Willich · Vor drei Jahren hat sich die Willicher Nachbarschaftshilfe auf Facebook als Netzwerk für Corona-Einkaufshilfen gegründet. Heute ist sie Anlaufstelle für Menschen in Not. Ihnen wird mit Gutscheinen und Sachspenden anonym und schnell geholfen.

Annika Jäschke (36) führt die Initiative heute alleine und investiert viel Herzblut, um anderen zu helfen.

Annika Jäschke (36) führt die Initiative heute alleine und investiert viel Herzblut, um anderen zu helfen.

Foto: Norbert Prümen

Vor einigen Tagen setzte Annika Jäschke wieder einen Post in der Facebook-Gruppe „Willicher Nachbarschaftshilfe“ ab. Von einer vierköpfigen Anrather Familie ist da zu lesen, die ein „persönlicher Schicksalsschlag“ ereilt habe, begleitet von einem Bild mit Supermarkt-Gutscheinen und einen Besuch im Schwimmbad „De Bütt“, „um die Sorgen für kurze Zeit zu vergessen“. Einen „unbürokratischen Rettungsschirm“ wie diesen hat Jäschke schon häufig für Menschen in Not organisiert. Die 36-Jährige ist so was wie die gute Seele der Gruppe, in der rund 1500  Mitglieder aktiv sind. Immer wieder wird ihr unter den Beiträgen für ihr aufopferungsvolles Engagement gedankt.

Gegründet hatte die Willicherin die Initiative mit drei Mitstreitern 2020 im ersten Lockdown. Als das soziale Leben eingefroren wurde, habe sie in den sozialen Medien viele Hilfsangebote und -gesuche gesehen, „alles jedoch ziemlich unübersichtlich und unorganisiert“, erzählt sie. Ihre Willicher Nachbarschaftshilfe wurde zu einer Plattform für Einkaufshilfen. Helfer versorgten ältere und vulnerable Menschen mit Lebensmitteln und Medikamenten, noch bevor die Stadt ein Hilfsnetzwerk ins Leben rief.

Auch heute geht es noch darum, Menschen zu helfen, nur anders. „Die Willicher Nachbarschaftshilfe hat sich als Anlaufstelle und private Vermittlungshilfe in allen vier Ortsteilen etabliert“, erklärt Jäschke. Häufig reiche es schon Menschen, die Hilfen auch ganz alltäglicher Art suchen, an Vereine, Organisationen oder Ansprechpartner bei der Stadt zu verweisen. Aber durch die gestiegenen Lebenserhaltungskosten würden sich auch immer mehr bedürftige Menschen bei ihr melden, die akut schnelle Hilfe benötigten. Sie springe dann auch am Wochenende ein, leiste Beistand, organisiere etwa Sachspenden oder Einkaufsgutscheine, die auch von anderen Mitgliedern besorgt werden. Zuletzt hatten Schützen aus Niederheide und Schiefbahn Gutscheine im Wert von 1000 Euro
gespendet.

Danach vermittelt sie dann auch gerne an Tafel oder Kinderschutzbund. Aber für viele Menschen sei das Thema Armut schambehaftet. „Es besteht Scham, dass man an den Ausgabestellen gesehen, schlecht über einen gesprochen wird oder die Kinder Ausgrenzung erfahren“, erklärt Jäschke. Sie halte deshalb die Hemmschwelle niedrig. Die Hilfesuchenden bleiben anonym, brauchen keinen Bedürftigkeitsnachweis. Die meisten melden sich bei ihr über die sozialen Medien, die Älteren über Telefon oder E-Mail. „Leider warten die meisten viel zu lang, bis sie sich Hilfe holen“, sagt sie.

Wer sich an sie wende? Obdachlose, Alleinerziehende, die nicht wüssten, wie sie den Kühlschrank füllen sollen, Frauen, die plötzlich von ihrem Partner sitzen gelassen werden. Mal habe auch die Sozialarbeiterin einer Schule um Hilfe gebeten. „Mich kontaktieren auch Menschen mit geringem Einkommen, die aber keinen Anspruch auf Transferleistungen haben“, sagt Jäschke.

 Fast 1500 Willicherinnen und Willicher sind in der Facebook-Gruppe „Willicher Nachbarschaftshilfe“ vertreten und helfen mit Spenden.

Fast 1500 Willicherinnen und Willicher sind in der Facebook-Gruppe „Willicher Nachbarschaftshilfe“ vertreten und helfen mit Spenden.

Foto: Julian Budjan

Jäschke setzt auf
Hilfe zur Selbsthilfe

Häufig gehe es auch um kurzzeitige Engpässe, bis die Sozialhilfen ankommen. Niemand werde über einen längeren Zeitraum mit Gutscheinen versorgt. „Mir ist Hilfe zur Selbsthilfe wichtig“, betont Jäschke, „Ich möchte keine Abhängigkeiten schaffen.“ Deswegen postet sie in der Gruppe auch regelmäßig Angebote von anderen Organisationen aus Willich, um auf langfristige Hilfen hinzuweisen.

Wenn sie in der Gruppe über bestimmte Schicksale schreibe und nach Sachspenden frage, sei meist schnell Hilfe gefunden. „Ich denke, diese Transparenz macht die große Spendenbereitschaft aus. Die Spender bekommen quasi hautnah mit, was benötigt wird. Ich berichte auch über jede Aktion sehr ausführlich“, erklärt sie. So organisierte sie schon mal eine Schulaktion für bedürftige Familien, die mit Tornistern, Mäppchen und Stiften ausgestattet wurden, an Weihnachten gab es 22 individuelle Geschenke und Musikinstrumente für die Bewohner der Lebenshilfe Wekeln, ein anderes Mal Osterpräsente und Martinstüten für die Tafel oder Adventskalender für geflüchtete Kinder.

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