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Nach dem Corona-Shutdown: Einzelhändler in St. Tönis sind gefordert

Lokale Wirtschaft : Die Einzelhändler in St. Tönis sind gefordert

Wiedersehensfreude ist da, Normalität nicht. Viele stemmen ihr Geschäft und die Betreuung ihrer Kinder zu Hause.

Wiedersehensfreude, ja. Aufatmen auch – bei der Kundschaft wie bei Einzelhändlern. So fasst Andreas Lessenich vom Spielwarengeschäft die Gefühlslage „auf beiden Seiten“ in dieser Woche zusammen. Seit Montag sind die Geschäfte in St. Tönis geöffnet. Die Gastronomie weiterhin nicht.

Die Einzelhändler, die sich mit Lieferdiensten in der Corona-bedingten Zeit verschlossener Ladentüren über Wasser gehalten haben, stehen wieder in ihrem Laden. Hinter ihrer vertrauten Verkaufstheke. Vor ihren Regalen. Mit ihren Kunden. Eine Rückkehr zur Normalität ist es aber nicht. Eher ein neuer Anlauf mit vorsichtigen ersten Schritten. Und mit Tagesabläufen, die die Einzelhändler als Eltern mit Kindern, die zurzeit noch nicht in der Kita oder Schule sein können, sehr fordern. Dazu später mehr.

Zunächst zurück in die Läden. Neu ist bei Lessenich die Acrylglasscheibe an der Kasse und eine Wegführung mit Pfeilen am Eingang. Fünf Kunden plus Personal dürfen sich in dem Geschäft voller Waren zugleich aufhalten. So reicht der Platz zum gegenseitigen Umkurven.

„Die Leute sind vorsichtig, wir sind es auch“, sagt Lessenich. Man achte auf den gebotenen Abstand. „Viele Kunden tragen bereits freiwillig Maske.“ Am Montag wird sie beim Einkauf Pflicht.

Die Nachfrage danach ist groß. Die Leute, die für Lessenich die Boomerang Bags genäht haben, produzieren nun auch Mundschutz. „Wir hatten schon eine kleine Menge und haben sie gegen eine Spende für ,Ärzte ohne Grenzen’ verkauft. Sie waren ratzfatz weg.“

„Ärzte ohne Grenzen“, sagt Lessenich, weil ihn die Bilder von den Flüchtlingen auf den griechischen Inseln bedrücken. Dort soll die Hilfe aus St. Tönis ankommen.

Wer nähen kann und diese Mundschutz-Aktion unterstützen möchte, kann im Geschäft Stoffreste abholen und fertige Masken dort wieder abgeben. Eine Spendendose für den Verkauf wird aufgestellt.

Die Rückmeldungen auf den Lieferservice seien „sehr positiv“ gewesen, sagt Lessenich. Als besonders hilfreich habe sich die Beratung per Telefon bei gleichzeitiger Bildversendung vom Spieleangebot per Whatsapp herausgestellt. „So wusste man genau, worüber man am Telefon sprach“, sagt Andreas Lessenich.

Die Auslieferung erledigten vor allem sein Bruder und die Mitarbeiter. „Das war ein schöner Kontakt zu den Kunden, aber auch sehr arbeitsaufwendig.“ Der Lieferdienst soll aber für Personen, die zur Corona-Risikogruppe zählen, aufrechterhalten werden.

Die Unterstützung der Kunden über die Plattform „Tövo liefert“ sei groß gewesen. Wie lange aber halte das an? Viele hoffen, die Krise zu meistern. Und Lessenich hofft, dass die Menschen nicht unvorsichtig und ungeduldig werden. „In Lebensmittelmärkten spürt man in Stoßzeiten, dass Spannung in der Luft liegt.“

Bei Facebook berichten Bürger von Gedränge auf dem St. Töniser Wochenmarkt und fürchten auch, dass Lockerungen zu Unvorsichtigkeit führt.

Im Laden hatte Lessenich solche Situationen noch nicht. Er wird das gebotene Miteinander-Umeinander freundlich moderieren.

Große Wiedersehensfreude bestätigt auch Isabel Thiele vom Werberingvorstand „St. Tönis erleben“ zwischen ihr und ihren Kundinnen. Es seien viele Besucher im Ort, sagt Thiele. Der Rewe-Parkplatz sei ein guter Indikator. „Und der ist voll.“ Der Besuch in ihrem „Frauenzimmer“ habe sich die Woche über noch moderat gezeigt. Das kommt ihr entgegen. Sie bedient zeitgleich nur zwei Personen im Geschäft. Sicher ist sicher. Kosmetikanwendungen und Fußpflege darf sie noch nicht durchführen. Aber die Nachfrage nach Frühjahrsmode ist da. „Manche wollten sich nach der Enthaltsamkeit wieder einmal belohnen.“

Die Einzelhändler sind miteinander vernetzt. Man unterstützt sich, rückt zusammen. Äußeres Zeichen dafür sei der Regenbogen, der als Hoffnungszeichen vor Wiedereröffnung auf viele Schaufensterscheiben gemalt wurde. Bei ihr, bei Robben und vielen anderen.

Besonders gefordert unter den selbstständigen Einzelhändlern sind die mit jüngeren Kindern. Vier der sechs Werbering-Vorstandsmitglieder betrifft die Betreuungslücke durch noch teilgeschlossene Kindergärten und Schulen, sagt Melanie Barth-Langenecker. Sie teilt sich die Ladenöffnungszeiten mit ihrer Mitarbeiterin. Freitagmorgen hat sie vor Öffnung um 9.30 Uhr schon vorgekocht, mit dem siebenjährigen Sohn, der in der zweiten Klasse ist, Hausaufgaben gemacht und den Einkauf erledigt. Eng getaktet sei auch der Arbeits- und Betreuungstag für Buchhändlerin Judith Rüther-Zeiss. „Sie hat auch unfassbar viel zu tun“, weiß Barth-Langenecker. Sie selbst, sagt die Optikerin, sei noch entspannt, teile sich alles gut ein. „Ich mache Zwei-Wochen-Pläne.“ Auch eine Corona-Zeitrechnung.