Mit Musik und Tante Mimi

Kalle Pohl spielt bei den Festspielen die Hauptrolle in „Charleys Tante“. Die WZ sprach mit ihm über Freilichttheater, Humor und Tragik.

Neersen. „Sind Sie nicht Charleys Tante?“ Der ältere Herr hat Kalle Pohl, der gerade im Schlosshof von der WZ interviewt wird, sofort erkannt: Spätestens seit „7 Tage, 7 Köpfe“ ist der sympathische Spaßvogel deutschlandweit bekannt. Bei den Schlossfestspielen spielt er in diesem Sommer die Hauptrolle im Stück „Charleys Tante“.

Herr Pohl, die Probearbeiten für „Charleys Tante“ laufen seit zwei Wochen. Haben Sie Neersen schon ein bisschen kennengelernt?

Kalle Pohl: Bisher nur den Metzger gegenüber der Probebühne. Ich wohne weiter in Köln und pendele zur Arbeit hierher. Was man verstehen muss, denn ich war in meinem Berufsleben schon in so vielen Hotels. Daheim sind meine beiden Hunde, mit denen ich gerne spazieren gehe. Die Zeit im Auto nutze ich zum Lernen des Textes. Den habe ich aufs Handy aufgenommen.

Sie sind Komödiant, Schauspieler, Kabarettist und Musiker — aber auch Polizist, Kaufmann und ein bisschen sogar Koch. Welche dieser Fähigkeiten sind für Ihre Rolle als „Charleys Tante“ besonders gefragt?

Pohl (grinst): Besonders gefragt ist das Trinken. In meiner Rolle muss ich ganz schön was wegschütten. Natürlich nicht in echt, auch wenn ich privat ganz gerne mal ein Gläschen Wein trinke.

In Neersen spielen Sie auf der Freilichtbühne. Ist das Neuland für Sie?

Pohl: Freilichttheater habe ich noch nicht gemacht. Darauf bin ich sehr gespannt. Im Vorjahr habe ich mir hier den „Zerbrochenen Krug“ angeschaut und bin dann ganz beseelt nach Hause gefahren. Aber es ist auch eine Herausforderung, denn man muss schon stimmlich Stütze geben, wie die Schauspieler sagen, um bis in die hinteren Reihen verstanden zu werden. Und ein ausgebildeter Schauspieler bin ich ja nicht. In meinen Soloprogrammen benutze ich ein Headset.

Sie haben viele Jahre sehr erfolgreich Fernsehen gemacht. Ist es schöner, jetzt verstärkt live vor Publikum aufzutreten?

Pohl: So habe ich meine Karriere in den 80er Jahren ja begonnen. Und bei „7 Tage, 7 Köpfe“ saßen wir ja auch wie im Zirkus mit dem Publikum um uns herum. Ich habe da auch mit den Zuschauern gespielt, nicht mit irgendeiner Kamera. Und kleine Päuschen im Text habe ich eingelegt — auch wenn das nicht bei allen Kollegen gut ankam.

Sie sind in Deutschland ein bekannter Spaßvogel, dem man große Sympathien entgegenbringt. Nicht zuletzt deshalb sind Sie in Neersen für die Hauptrolle ausgesucht worden. Stellt es eine Belastung dar, hier als „Publikumsmagnet“ verpflichtet worden zu sein?

Pohl: Es hat mich sehr gefreut, als ich hörte, dass der Vorverkauf für „Charleys Tante“ noch besser läuft als zu „Honig im Kopf“ im vergangenen Jahr. Das liegt natürlich überwiegend am Stück, nicht an mir. (Anm. d. Red: Derzeit sind schon 5768 Karten verkauft und reserviert. Das entspricht einer Auslastung von 64 Prozent.)

Wie kam der Kontakt zu Intendant Jan Bodinus zustande?

Pohl: Er kam auf mich zu, als wir gemeinsam in Braunschweig an der Komödie „Halbgott in Nöten” arbeiteten. Mit ihm war die Zusammenarbeit sehr kreativ, wir hatten viel Spaß. Da hatte ich großes Vertrauen, als er mich fragte, ob ich hier „Charleys Tante“ spielen wolle. Vor 15 Jahren hätte ich vermutlich noch abgelehnt.

Warum?

Pohl: Nun, wir werden viele Witze bringen, es wird richtig lustig — aber eine Klamaukrevue hätte ich nicht gemacht. Auch die Tragik einer Person muss man in „Charleys Tante“ sehen können, was aber nicht bei jeder Version, die ich bisher kennengelernt habe, gelingt. Meine großen Vorbilder Oliver Hardy und Stan Laurel — die ja nur in Deutschland abfällig Dick und Doof heißen — spiegeln in ihren Filmen die Tragik des Scheiterns wunderbar wider. Und sie zeigen auch, dass Komödianten über sich selbst lachen können müssen.

Oliver Hardy hat „Charleys Tante“ schon einmal gespielt — ebenso berühmte Kollegen wie etwa Sir John Gielgud, Gustaf Gründgens, Sir Alec Guinness und Heinz Rühmann.

Pohl: Gerade die Engländer kennen diesen dämlichen Unterschied zwischen großem Drama einerseits und Komödie andererseits nicht.

Welche Version von der „Tante“ bekommen wir in Neersen zu sehen?

Pohl: Ich bringe mich selbst stark ein, habe seitenweise Änderungsvorschläge mitgebracht, die ich mit Jan Bodinus bespreche. Bei anderen Engagements habe ich mir so etwas vertraglich absichern lassen, hier ist das aber nicht nötig. Denn Jan Bodinus und ich haben die gleiche Humorebene: Wir wollen die Leute unterhalten, aber keine Witzparade machen. Eine Kalle-Pohl-Version des Stückes finde ich sehr reizvoll. So viel sei verraten: Ich bringe drei Instrumente mit, wurde auch zur musikalischen Beratung und für entsprechende Einlagen im Stück verpflichtet. Sogar getanzt wird. Das gab es bei „Charleys Tante“ noch nicht.

Wie ist es, als Mann eine Frau zu spielen?

Pohl: Nicht neu. In meinen Kabarettprogrammen gibt es die Tante Mimi schon lange. Ein bisschen lasse ich sie hier einfließen. Und Tuntenhaftigkeit, wie man sie zum Beispiel aus Verfilmungen kennt, möchte ich möglichst vermeiden. Wir machen das dezent, auch von Kostüm und Maske her. Das ist auf den Plakaten schon ganz gut zu sehen, wo ich ja auch keine Perücke trage.

Im Sommer haben Sie mit „Charleys Tante“ in Neersen gut zu tun....

Pohl (unterbricht seufzend): Wenn ich den Probenplan sehe, könnte ich Jan Bodinus hauen.

....Welche Pläne gibt es für die Zeit danach?

Pohl: Ich bereite gerade ein Best-of-Programm unter dem Titel „Offen und ehrlich“ vor. Es wird nach einigen Probeaufführungen im September — die Vorpremieren heißen — am 6. Oktober die eigentliche Premiere haben. Bereits im Juli erscheint mein Buch „Mein Hund, mein Psychiater und ich“.