Michaela Schaffrath: Star bei den Schlossfestspielen Neersen 2019

Schlossfestspiele Neersen : Ein Sommer mit dem Mustergatten

Schauspielerin Michaela Schaffrath ist der Star der Festspiele. Sie genießt die Proben und die Atmosphäre rund ums Schloss.

Michaela Schaffrath ist Prominenz und Gast der Schlossfestspiele 2019. Sie spielt mit Stefan Keim in „Der Mustergatte“, mimt Nachbarin Blanche. Sie mag die Vielseitigkeit der Rolle, das Spiel mit dem Team in den Proben. Die Schauspielerin kennt Neersens Atmosphäre von der Tribüne aus. 2016 hat sie sich „Pater Brown“ mit Michael Schanze angesehen. Ihre eigene Premiere wird am 22. Juni sein. Bis dahin müssen Text und Szenen sitzen.

Haben Sie und Blanche sich sofort angefreundet?

Michaela Schaffrath: Sofort! Ich habe das Buch gelesen und gleich gedacht: Die ist ja goldig. Blanche hat komplette Brüche. Eine Mittvierzigerin, niedlich, doch das schüchterne, kleine Mäuschen, konservativ und noch nicht in den 1970ern angekommen. Aber mit Alkohol wird sie zum Vulkan. Sie bricht aus. Ich betrachte diese Rolle – wie jede – als Geschenk.

Was ist das Herausfordernste an diesem Stück, das keine große Kulissenschieberei mit sich bringen wird?

Schaffrath: Die Besäufnisszene, ganz sicher! Wir haben gestern geprobt und ich habe Muskelkater davon, obwohl ich sportlich bin. Ich habe Stefan, der den Willi Winzigmann spielt, schon gesagt, dass er auf keinen Fall abnehmen darf. Er darf seinen Bauch nicht verlieren, denn den muss ich anspielen. Die Szene ist eine Herausforderung. Jedes Stichwort, jeder Schritt, jede Pointe muss sitzen. Der Shaker und die Flaschen, alles muss am richtigen Platz stehen. Ich liebe diese Arbeit: In Stücken mitzuspielen, die ich aus der Kindheit kenne und die ich jetzt selber mit Leben füllen darf.

Wenn Sie einmal zeitreisen könnten, wären die 60er Jahre ein Ziel?

Schaffrath: Tatsächlich die 1950er und 60er Jahre. Kennen Sie die Serie „Ku’damm 56“? Die Zeit inspiriert mich. Die Klamotten, die Musik, Elvis, Rock ’n’ Roll. Und dann diese Autos. Mein Mann und ich sind Liebhaber von Oldtimern. Diese Eleganz von damals ist toll.

Aber war die adrette Kleidung damals nicht oft auch nur Fassade?

Schaffrath: Ach, in jeder Zeit gab und gibt es Poser und Blender. Was die Emanzipation aber angeht, bin ich zufrieden, wie es heute ist.

Wie findet eine gebürtige Eschweilerin, die lange in Hamburg gelebt hat und nun in Bremen wohnt, Neersen und Umgebung?

Schaffrath: Ich bin in der Tat frisch nach Bremen gezogen, weil wir ein Alt-Bremer Häuschen der Oma geerbt haben. Aus der Renovierung ist eine Sanierung geworden. Hat alles etwas länger gedauert. Ende April war Umzug. Jetzt genieße ich es sehr, hier zu sein. Wir führen durch unsere Berufe ein Vagabundenleben. Mein Mann ist Fotograf. Er kennt das auch. Die ländliche Atmosphäre hier ist toll. Ich wohne am Rande eines Waldes, mit Pferdekoppel vor der Tür. Ich kann raus, atmen. Ein Traum!

Was tun Sie in Ihrer Freizeit hier?

Schaffrath: Mein berufliches Rad steht nicht still. Ich bin sehr ehrgeizig und betreibe Akquise, vermarkte mich größtenteils selbst. Dazu gehört die Pflege eines Netzwerks. Beispiel: Mein Kollege hatte an unserem freien Montag einen Termin in Dortmund, um ein Hörspiel einzusprechen. Da habe ich spontan gefragt, ob noch eine Rolle benötigt werde. Und dann bin ich hin. In meiner freien Zeit gehe ich viel spazieren. Aber zurzeit proben wir vormittags. Nachmittags muss ich meinen Text lernen. Wenn wir erst einmal spielen, suche ich mir ein Fitness-Studio in der Nähe.

Woher kennen Sie Jan Bodinus?

Schaffrath: Ich spiele seit neun Jahren Theater. Vor sieben Jahren haben wir uns in Hannover kennengelernt, uns auf Anhieb super verstanden. Bisher konnte ich für Neersen nie zusagen, denn durch so eine Aufgabe mit Proben und Spielzeit ist man gut drei Monate blockiert. Den Sommer 2019 habe ich für Neersen reserviert, alles andere auf Eis gelegt. Die Spielzeit überschneidet sich zwar zwei Tage mit dem Theater Braunschweig, aber dort sind sie mir entgegengekommen.

Was verlangt das Theaterspielen Ihnen ab?

Schaffrath: Die Herausforderung ist es, zu 100 Prozent da zu sein. Es ist ein Spiel ums Agieren und Reagieren, man muss es den Gegebenheiten anpassen. Ist der Text plötzlich nicht da, weil man einen Blackout hat oder das Stichwort vom Gegenüber nicht kommt, dann muss ich schnell reagieren, improvisieren. Die Zuschauer lieben das. Und ich liebe das Spiel mit dem Publikum. Einmal hatte ich eine Telefonszene und eine Frau hustete fürchterlich. Ich habe meinem „Gesprächspartner“ am Telefon kurz gebeten, zu warten, die Frau angesprochen, ihr ein Glas Wasser eingeschenkt und gereicht und bin dann zum Telefon zurück: „Da bin ich wieder.“

Wie oft sprechen Sie für Theaterrollen vor?

Schaffrath: Fürs Theater musste ich noch nie vorsprechen. Die Regisseure schauen sich oft selbst an, was die Leute in anderen Theatern abliefern, sprechen untereinander. Ich stelle mich aber überall vor, wenn ich in der Stadt bin, frage, ob man sich auf einen Kaffee treffen kann, um sich kennenzulernen. Netzwerken eben. Man muss immer dran bleiben, darf sich nie auf seinen Lorbeeren ausruhen.

Sind Sie nervös, wenn Sie nach einer Premiere Kritiken lesen?

Schaffrath: Schon. Aber das Feedback der Zuschauer ist mir vor allem wichtig. Ich habe schon während der Vorstellung eine Antenne dafür. Grundsätzlich bin ich sehr kritikempfänglich, vor allem, wenn es auf einem respektvollen Niveau passiert. Mein Mann ist mein schärfster Kritiker. Ich habe gelernt, mich zu reflektieren. Und ich bin ehrgeizig. Wenn etwas nicht so gut war, bin ich hinter der Bühne auch sauer auf mich. Eine schlechte Kritik für mein Spiel habe ich auch noch nicht bekommen. Da klopfe ich mal auf Holz!

Der Gang als Prominente über einen roten Teppich, Blitzlichtgewitter. Wie viel bedeutet Ihnen das?

Schaffrath: Beides gehört zu meinem Beruf dazu. Ich mag das, bin aber nicht besonders scharf darauf. Party feiere ich bei Premieren nicht, das mache ich mit Freunden. Ich bin bald zur Premiere bei den Nibelungenfestspielen in Worms eingeladen. Da fragt man sich vorher dann, was zieht man an, was passt zum Anlass?

Wie gut gefällt Ihnen das Plakat zum „Mustergatten“?

Schaffrath: Sehr gut! Es ist fröhlich, farbig. Viele Leute sagen, „da erkenne ich dich gar nicht“.

Apropos erkennen. Werden Sie hier erkannt?

Schaffrath: Erkannt ja, aber weniger angesprochen. Die Leute schauen, überlegen. Oft gehe ich ungeschminkt aus dem Haus. Viele sagen im direkten Gespräch, ich sei ja viel kleiner als im Fernsehen.

Sie posten auf Ihrer Facebookseite Lebenssprüche. Motto: Lebe jetzt. Tue, was dich glücklich macht... Sie wirken so fröhlich, selbstbewusst. Brauchen Sie die Sprüche als Motivation?

Schaffrath: Privates werden Sie auf meiner Seite nicht finden. Aber diese Sinnsprüche liebe ich wirklich. Sie sind authentisch. Viele Fans reagieren auch darauf. Einer meiner Lieblingssätze ist: „Nur sprechenden Leuten kann geholfen werden.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung