Tönisvorst hat einen Digital-Beauftragten Behördengang vom Sofa aus

Tönisvorst · Wie viele Städte ist Tönisvorst beim Thema Digitalisierung noch nicht so weit. Damit es vorangeht, kümmert sich jetzt Marcel Weber um die digitale Transformation.

 Marcel Weber ist seit Mitte Oktober für die digitale Transformation der Tönisvorster Stadtverwaltung zuständig.

Marcel Weber ist seit Mitte Oktober für die digitale Transformation der Tönisvorster Stadtverwaltung zuständig.

Foto: Norbert Prümen

In einer Welt, in der seit einigen Jahren Einkäufe bequem vom Sofa aus getätigt, Versicherungen am Küchentisch und Bankgeschäfte mit dem Smartphone abgewickelt werden können, mutet es eigenartig an, dass Bürgerinnen und Bürger für viele Erledigungen „auf dem Amt“ immer noch persönlich erscheinen müssen. Auch die Kommunikation der Mitarbeiter innerhalb einer Verwaltung oder zwischen unterschiedlichen Behörden läuft längst noch nicht komplett digital. „Wenn ein Bürger der Verwaltung eine E-Mail schreibt, schreibt die Verwaltung einen Brief zurück“, sagt Marcel Weber.

Das habe zwar oft auch mit gesetzlichen Vorgaben zu tun, aber dafür, dass es mit der digitalen Transformation bei der Stadt Tönisvorst weiter vorangeht, ist er seit Mitte Oktober zuständig – sein Titel: Chief Digital Officer, kurz CDO. Nachdem sich Weber einige Wochen lang einen ersten Überblick über die Situation in Tönisvorst verschafft hatte, stellte er sich nun den Politikern im Ausschuss für Mobilität, Digitalisierung und Wirtschaftsförderung und zuvor der Presse vor. Viel sei noch zu tun, was die digitale Transformation der Verwaltung angeht, sagte Weber, betonte aber auch, dass in Tönisvorst bereits viel geschehen sei, auch wenn beim Bürger der Eindruck oft ein anderer sei. Aber es sei wichtig, auch das Positive zu betonen, sagte der 36-Jährige. Er spüre jedenfalls, dass die meisten Mitarbeiter hinter dem digitalen Wandel stünden und „dass schon eine sehr gute Vorarbeit geleistet worden sei“. Mitarbeiter zu überzeugen und zu befähigen, gehöre zu seinen Aufgaben.

Bürgermeister Uwe Leuchtenberg (SPD) gab zu, dass die Verwaltungen in Deutschland spät dran seien mit der Digitalisierung. Problematisch sei bisweilen das Zusammenspiel von verschiedenen Kommunen, Kreis, Land und Bund, „aber Ziel ist es, dass sich nun etwas tut, deshalb haben wir einen CDO eingestellt“. Die Bürger erwarteten einen digitalen Wandel völlig zurecht, und ohne diesen könnten künftig Verwaltungen viele Leistungen gar nicht mehr erbringen.

„Wir müssen schneller und effizienter werden, Doppelarbeit vermeiden und Mitarbeiter von Aufgaben entlasten, die dazu führen, dass sie ihre eigentlichen Aufgaben nicht erledigen können“, so Leuchtenberg.

Bürgerinnen und Bürger seien keine Bittsteller mehr, sondern erwarteten von Verwaltungen Service, sagte Weber. Bereits jetzt könnten fast alle Leistungen über das Serviceportal vom Bürger digital beauftragt werden, Termine ließen sich online vereinbaren, beim Thema digitale Akten sei Tönisvorst bereits weiter als andere Kommunen, die technische Ausstattung der Mitarbeiter sei wegweisend, und auch die digitale Ausstattung der Schulen in der Stadt „ist deutlich besser als der Bundesschnitt“, hob Weber hervor. Doch wenn alle prima wäre, bräuchte es keinen CDO. Die größten Baustellen in Tönisvorst sind aus Webers Sicht eine Verbesserung der Prozesse in der Verwaltung, die „Digitalisierung von Papier“ und die digitale Kommunikation zum Bürger – „da stehen wir noch am Anfang“, sagte Weber. Webers Aufgabe ist eine strategische, er ersetzt nicht die IT-Abteilung, wie er betont. Das Wichtigste im langen Prozess der digitalen Transformation der Verwaltung sei zunächst das, was die Bürger unmittelbar betreffe, das sogenannte E-Government. Den Reisepass von zu Hause aus verlängern beispielsweise, und der Bürger wolle nicht „Dokumente persönlich abgeben, wenn er auch eine E-Mail schreiben könnte“. Das alles geht nicht von jetzt auf gleich. Bisher habe er geschaut, wer die beteiligten Personen seien, und ermittelt, wo die Stadt derzeit steht. Dazu habe er bereits eine dreistellige Zahl an Gesprächen mit Bürgern, Verwaltungsmitarbeitern und Politikern geführt. Nun soll es Anfang 2024 daran gehen, die Ziele festzulegen und Prioritäten zu setzen, bevor es an die Umsetzung geht. „Die digitale Transformation ist die größte Verwaltungsstrukturreform seit Jahrzehnten. Daher sollte man sich die Zeit nehmen, vom Ziel her zu denken, statt einfach drauf los zu digitalisieren“, so Weber. Zu bedenken sei, dass eine Verwaltung ein „hochkomplexes System mit vielen Services und Dienstleistungen“ sei. Daher sei die Digitalisierung hier eine größere Herausforderung als bei manchem Unternehmen.

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