Lesetipp aus Tönisvorst Eine besondere Vater-Tochter-Beziehung

Tönisvorst · Carmen Alonso, die Leiterin der Tönisvorster Stadtbücherei, gibt unseren Lesern Literaturtipps. Dieses Mal: „Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an“ von Mely Kiyak.

Carmen Alonso leitet die Stadtbibliothek Tönisvorst.

Carmen Alonso leitet die Stadtbibliothek Tönisvorst.

Foto: Marc Schütz

Wie verhält man sich, wenn ein Elternteil lebensbedrohlich erkrankt? „Mein Vater stirbt, und ich weiß nicht, wie das geht.“ Mely Kiyak hat ein Buch über eine Vater-Tochter-Beziehung, aber auch über das Sterben oder genauer über das Vorbereiten auf den Tod eines geliebten Menschen geschrieben.

Herr Kiyak kam in den 60er-Jahren als kurdischer Gastarbeiter nach Deutschland, schuftete in einem Lackierwerk und dachte bei Rentenantritt, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an! Er verbringt – nach der Scheidung von seiner Frau – seinen Lebensabend in der Türkei mit einer neuen Liebsten, besucht einmal im Jahr seine Tochter in Berlin. Und auch wenn er in den Augen seiner Tochter nach einem langen Arbeitsleben ausgepumpt wirkt, ist es doch ein Schock, als er wegen einer vermeintlichen Lungenentzündung ins Krankenhaus kommt und dort Lungenkrebs diagnostiziert wird. Die Überlebenschancen werden von verschiedenen Ärzten unterschiedlich eingeordnet. Der Befund stürzt nicht nur den Vater, sondern auch die Tochter, Schriftstellerin und erfolgreiche Kolumnistin für verschiedene überregionale Zeitungen, in eine tiefe Krise. Ihr Vater könnte sterben, aber das will sie nicht akzeptieren. Sie macht die Krankheit ihres Vaters zu ihrer eigenen: „Ich bin co-krank mit Co-Krebs.“

Die Tochter versucht vom Zeitpunkt der Diagnose an, alles medizinisch Mögliche für ihren Vater zu erreichen. Sie verbringt Stunden und Tage im Krankenhaus, sie versucht, ihn, der sich auf das Sterben vorbereitet, zu überzeugen, doch um sein Leben zu kämpfen. Sie belagert die Ärzte und das Krankenhauspersonal, sie kocht die heimatlichen Lieblingsgerichte des Vaters und bringt sie mit ins Krankenhaus, sie reduziert ihre Arbeit auf ein Minimum. Sie scheut keinen Konflikt mit den Ärzten und stellt dem Gesundheitssystem bissig ein vernichtendes Urteil aus. Verwandte, die anreisen, um den Vater zu besuchen, bringt sie in ihrer kleinen Wohnung unter und versorgt auch die.

Mely Kiryak erzählt in diesem autofiktionalen Buch von einer Zeit, in der es um alles geht: Herrn Kiyaks Überlebenskampf in Berlin. Der körperlich und seelisch auslaugende Kampf gegen die Krankheit oder die einem verängstigten Patienten wenig zugewandte Krankenhausatmosphäre, darüber erzählt die Autorin, wütend, verzweifelt aber auch urkomisch. Eingewoben als Zwischentexte sind die Geschichten, die der Vater ihr immer erzählt hat, teils sehr weise, teils sehr schön verpackter Unsinn: Abenteuerliches über die kämpferischen Urahnen, den gefährlichen Onkel Ismo, die politische Lage in der Türkei.

Mely Kiyak ist eine Meisterin des anekdotischen Erzählens, mit wenigen pointierten Sätzen erzeugt sie eine mal heitere, mal traurige Stimmung. Es ist ein Buch, in dem gerade in den Erinnerungen des Vaters eine reife Lebensklugheit über das Leben im Angesicht des nahenden Todes steckt. Und es ist ein Buch über das besondere, nicht immer einfache Verhältnis zwischen Vater und Tochter.

Schon nach der ersten Buchseite hatte mich die Autorin gepackt; ich wusste, ich muss das Buch zu Ende lesen, und ich habe keine einzige Zeile bereut. „Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an“ ist eine großartige, anrührende kleine Kostbarkeit.

(RP)
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