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Kempen/Willich: Wo kommt unser Fleisch her?

Nach dem Tönnies-Skandal : Wo kommt unser Fleisch her?

Die Diskussionen um Großschlachtereien bringen Verbraucher zum Nachdenken. Lokale Schlachter spüren mehr Interesse.

Großschlachtereien sind durch die erschreckend große Anzahl von Corona-Infizierten unter ihren Mitarbeitern in die Schlagzeilen gelangt. Nun hat der Kreis Viersen eine Allgemeinverfügung zum Schutz vor Neuinfizierungen erlassen, die unter anderem das Betreten von Schlachtstätten regelt. Großschlachtereien gibt es in dieser Region nicht. Aber einige Metzgereien schlachten selbst.

Wie der Stautenhof, der Biohof der Familie Leiders in Anrath. „Für uns hat sich beim Schlachten nichts geändert“, sagt Pressesprecherin Anika Launert. „Unsere Hygienestandards sind seit jeher sehr hoch und die Abstände der einzelnen Mitarbeiter zueinander sehr groß.“ Zu den Besonderheiten des Hofs gehöre, dass die Tiere dort heranwüchsen und vor Ort geschlachtet würden. Dies sei auf dem Stautenhof die Aufgabe der Landwirte, die die Tiere versorgten. „Unsere vier Fleischermeister und unsere Auszubildende übernehmen dann das geschlachtete Tier zur Weiterverarbeitung in der hofeigenen Metzgerei“, so Launert. Weil die Tiere die Landwirte kennen würden, wären sie ruhig und entspannt, wenn es zur Schlachtung geht. Das sei gut fürs Lebewesen und für die Fleischqualität.

Jeder Landwirt ist für eine Tierart verantwortlich, erläutert Launert. So sei Waldemar Walter fürs Geflügel, Christoph Leiders für die Schweine, Rinder und Lämmer zuständig. Die Metzgerei sei ein Handwerksbetrieb mit einem festen Mitarbeiterteam, nicht zu vergleichen mit einem Industriebetrieb.

Sie wisse zwar nicht, ob die vielen Neukunden jetzt wegen Corona und der Situation in den Großschlachtereien zu ihnen in den Hofladen kämen. Aber: „Seit dem Coronageschehen schauen die Kunden noch mal genauer hin“, sagt Launert.

Schlachten
als „teures Hobby“

Auch der Kempener Fleischermeister Wilhelm Thören schlachtet in seinem Betrieb an der Hülser Straße. Und zwar freitags sechs bis acht Schweine, die er vom Kempener Landwirt Platen erhält. Dazu hält sich Thören etwa 100 Rinder der Rasse Blonde d’Aquitaine. Von ihnen landet etwa alle drei Wochen eines in der privaten Schlachterei Schrievers in Kaldenkirchen. Häufiger sei nicht nötig, „da die Rinder 600 bis 800 Kilogramm wiegen. Unser Bulle bringt sogar 1500 Kilogramm auf die Waage“, sagt er stolz. Der 63-Jährige betrachtet die Rinderzucht quasi als Hobby. Damit könne er kein Geld verdienen. Die Kühe würden in Mutter-Kind-Gruppen gehalten. Es gebe genügend Flächen und er müsse keine Gülle verkaufen.

Schlachtkontrolle und Überprüfung des Gesundheitsamtes hat er gerade hinter sich gebracht. „Wir sind für unsere Sauberkeit und Zuverlässigkeit bekannt“, sagt Thören stolz, der seinen Betrieb in vierter Generation führt. Dazu mache er bei der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) mit, bei der ein Lebensmitteltechniker in regelmäßigen Abständen Proben nimmt und sie überprüft. „Bevor ein Schwein geschlachtet wird, wird es von einem Tierarzt untersucht und wenn es dann geschlachtet und aufgehängt ist, gibt es eine Fleischbeschau durch einen Veterinär“, sagt Thören.

Schlachten sei ein teures Hobby. Allein für die Beschau eines Tieres zahle er 15 bis 20 Euro an den Veterinär. „Die Großschlachterei Tönnies zahlt nicht mal einen Euro dafür. Und es sind nur Laienbeschauer. Innerhalb von acht bis zehn Stunden laufen dort 30 000 Schweine an denen vorbei. Da muss schnell entschieden werden, ob ein Tier gesund und als Lebensmittel tauglich ist. Da geht es zu wie bei der Formel 1.“

In der Branche nicht genug Geld für ausgebildete MItarbeiter

Thören bedauert, dass man in der Branche nicht genügend verdienen kann, um Mitarbeiter vernünftig bezahlen zu können. Das führe dazu, dass Großschlachtereien Laien, teils aus dem Ausland, anstellen. „Dabei gehören Lebensmittel in die Hand von Fachleuten“, findet Thören.

Er betreibe diesen Aufwand, weil es sein beruflicher Stolz verlange und „um den Kunden ein sicheres Lebensmittel zu verkaufen“. Aber er stellt auch fest, dass immer mehr Kunden Interesse haben, woher das Fleisch stammt, das sie kaufen. Er entnimmt dem Verhalten und den Gesprächen an der Metzgertheke, dass der Kauf von Billigfleisch mehr hinterfragt würde.