Coronavirus Handel schaltet in den Liefer-Modus

Kreis Viersen · Nach der Schließung vieler Geschäfte geht bei Händlern und Gastronomen die große Sorge um. In Kempen und Tönisvorst werden nun kreative Lösungen gesucht, um den Umsatzausfall zu kompensieren.

 Stefan Lessenich macht sich mit Puzzlen und Spielen auf den Weg. Wegen der Corona-Krise hat Spielwaren Lessenich einen Lieferdienst eingerichtet.

Stefan Lessenich macht sich mit Puzzlen und Spielen auf den Weg. Wegen der Corona-Krise hat Spielwaren Lessenich einen Lieferdienst eingerichtet.

Foto: Lübke, Kurt (kul)

Viele Händler hatten es in den vergangenen Tagen schon geahnt. Zahlreiche Geschäfte müssen ihre Türen seit Mittwoch geschlossen halten.

Wie viele andere Städte auch teilte Bürgermeister Thomas Goßen für Tönisvorst mit, dass Geschäfte – ausgenommen sind unter anderem Lebensmittelgeschäfte, Wochenmärkte, Abhol- und Lieferdienste, Apotheken – geschlossen bleiben müssen. Restaurants dürfen nur von 6 bis 15 Uhr öffnen und müssen Auflagen einhalten. Die Geschäfte, die noch öffnen dürfen, müssen ebenfalls Auflagen einhalten. „Sämtliche Geschäfte im Sinne des Ladenöffnungsgesetzes sind darauf hinzuweisen, dass erforderliche Maßnahmen zur Hygiene, zur Steuerung des Zutritts und zur Vermeidung von Warteschlangen zu treffen sind“, zählt Goßen auf. Sonn- und Feiertags dürfen von 13 bis 18 Uhr Lebensmittgeschäfte, Wochenmärkte, Abhol- und Lieferdienste und Apotheken bis auf Weiteres öffnen. Kinderspiel-, Bolzplätze und Sportanlagen sind geschlossen.

Bereits am Dienstag habe das Ordnungsamt Kontrollen durchgeführt, um die Einhaltung der Verfügungen durchzusetzen. „Es wäre aber schöner, wenn wir alle – zum Schutze aller – die Infektionsketten unterbrechen würden, indem wir zuhause bleiben, wann immer möglich“, so Goßen. „Wenn wir keinen Abstand halten, die sozialen Kontakte nicht reduzieren, gefährden wir ernsthaft das Leben anderer Menschen, insbesondere der Älteren und der Menschen mit Vorerkrankungen.“

Einzelhändler und Gastronomen fürchten um ihre Existenz

Zahlreiche Händler und Gastronomen fürchten nun massiv um ihre Existenz. Am Mittwoch traf sich der Werbering Kempen zur erneuten Krisensitzung. Laut der Händlergemeinschaft sind 30 Prozent der Kempener Händler und Gastronomen stark gefährdet. „Lokal bleiben!“ Das ist daher der große Appell der Händler. Eine Liste von allen Händlern, die nun Lieferdienste anbieten wollen, ist in Arbeit und soll zeitnah auf der Homepage des Werberings veröffentlicht werden.

Modegeschäfte, aber auch Deko- und Schmuckläden bis hin zu zahlreichen Gastronomie-Betrieben nehmen nun Bestellungen telefonisch entgegen oder versuchen einen Online-Shop aufzubauen und liefern dann frei Haus. „Wir können nur an die Kempener appellieren, sich mit Online-Käufen in großen Online-Shops zurückzuhalten und wieder mit geballter Kraft vor Ort einzukaufen und essen zu gehen, wenn es möglich ist“, so der Werbering-Vorstand.

Puzzle und Smartgames
beschäftigten die Kinder

Auch in St. Tönis werden die Händler aktiv. Einen kostenlosen „kontaktlosen Lieferservice“ bietet für Spielwaren, Schreibwaren, Bücher, Lernhefte und Co. Spielwaren Lessenich für Haushalte in St. Tönis, Vorst, Forstwald und Randgebiete von Krefeld. Weitere Umgebung auf Anfrage. „Wir sind hier vor Ort im Laden und arbeiten die Bestellungen, die uns telefonisch, per E-Mail, Facebook oder Instagram erreichen, ab“, berichtet Andreas Lessenich am Mittwoch. Schon in den vergangenen Tagen habe er eine verstärkte Nachfrage nach Puzzeln oder sogenannten „Smartgames“ verzeichnet, mit denen sich Kinder selbst beschäftigen können. Bücher und Lernhilfen waren ebenfalls hoch im Kurs.

Nun bleibt abzuwarten, wie die Nachfrage nach Lieferungen anläuft. Die Übergabe erfolge auf jeden Fall kontaktlos, so Lessenich. Der Fahrer stellt die Bestellung und den Zahlungsbehälter mit Schutzhandschuhen vor der Haustür ab. Er wird klingeln, von der Tür wegtreten und warten, bis die Bestellung in Empfang genommen wird. Die Zahlung kann auch vorab über Paypal getätigt werden.

Bei Facebook ruft Lessenich auf: „In unserer Stadt bieten viele Geschäfte solch einen Lieferservice an, bitte unterstützt Eure Region und helft den kleinen, inhabergeführten Unternehmen diese Krise zu bewältigen!“

Gefragter Lesestoff in der
Tönisvorster Buchhandlung

Auch die Tönisvorster Buchhandlung liefert Bestellungen nun nach Hause. „Der Laden ist besetzt und wir sind telefonisch erreichbar. Außerdem kann man unseren Web-Shop nutzen“, sagt Peter van Bühren. Auch dort kann man „kontaktlos“ auf Rechnung liefern lassen. Zurzeit haben viele Menschen Zeit zu lesen. „Das Haus der Frauen“ von Laetitia Colombani sei zurzeit zum Beispiel sehr gefragt. Auch der Berliner Schriftsteller Lutz Seiler, der für sein Werk „Stern 111“ den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 in der Kategorie Belletristik bekommen hat, wird gerne genommen. „Als Bilderbuch wird ‚Das Neinhorn“ von Marc-Uwe Kling zurzeit gerne gekauft, weil es durch seinen Wortwitz auch für Erwachsene schön zu lesen ist“, sagt Peter van Bühren. Bei jungen Lesern sind Reihen wie die „Schule der magischen Tiere“ beliebt.

Isabel Thiele kann als Dienstleisterin ihr „Kosmetik Frauenzimmer“ noch wie gewohnt öffnen. Allerdings nimmt sie auch wahr, dass viele Menschen zurzeit ihre Termine absagen. „Dafür habe ich natürlich großes Verständnis“, sagt sie. Ihren Kunden habe sie auch bereits angeboten, Kosmetik nach Hause zu bringen.

Neben den Einzelhändlern sind besonders die Gastronomen von den aktuellen Einschränkungen getroffen. Dort herrschen zurzeit massive Existenzängste. In Kempen haben einige Restaurants bereits angekündigt, nun außer Haus liefern zu wollen.

In Tönisvorst ist die Hoffnung darauf gering. David Lünger schließt sein Restaurant Tafelsilber in Vorst nach den neuerlichen Einschränkungen komplett. Ein Lieferdienst bietet sich für ihn nicht an. Zudem hätte er darin erst einmal weiter investieren müssen. Diese Option war ihm zu unsicher. Für seine Mitarbeiter muss er Kurzarbeit beantragen. „Es wäre hilfreich, wenn wir mehr Informationen hätten“, sagt der Gastronom. Viele Stellen seien mit der unbekannten Situation überfordert und hätten auf Fragen keine Antworten. Schnelle Aufklärung sei nun dringend notwendig. Denn die Mittel der Gastronomen sind begrenzt.

Auch Rino Caruana schließt das Restaurant Ravvivi an der Hochstraße in St. Tönis. Er sieht sich gegenüber seinen Mitarbeitern und auch Gästen in der Pflicht. „Wir wollen dieses Virus eindämmen“, sagt der Gastronom. Seiner Meinung nach ist ein Lieferdienst für ihn nicht sinnvoll. „Es muss jetzt schnell darüber nachgedacht werden, wie man entschädigen kann. Da ist nun die Politik gefordert“, findet Caruana.

Auch das Haus Vorst bleibt
bis auf Weiteres geschlossen

Das Hotel-Restaurant Haus Vorst bleibt ebenfalls bis auf Weiteres geschlossen. „Die Gesundheit unserer Mitarbeiter und Gäste hat für uns oberste Priorität. Um die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus so gering wie möglich zu halten, haben wir unser Haus bis auf Weiteres geschlossen“, so Familie Slowick auf der Internetseite.

Der Werbering Kempen hat in einem langen Telefonat mit dem Handelsverband die Lage besprochen. Gemeinsam wurden einige Empfehlungen erarbeitet, die den Mitgliedern zur Verfügung gestellt wurden. Dabei geht es vorrangig um Maßnahmen um die Liquidität aufrechtzuerhalten. Daher rät der Werbering seinen Mitgliedern ihre Liquidität zu erhalten, in dem zum Beispiel Bestellungen von Waren und andere Aufträge storniert werden, die Herabsetzung der Einkommensteuer-Vorauszahlungen beim Finanzamt beantragt wird oder mit der behördlichen Anordnung der Schließung für die Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt wird.

Die Wirtschaftsförderer sind nun vielerorts aktiv und versuchen die Händler mit aktuellen Infos zu unterstützen. Von der Politik wurden bereits Unterstützungsmaßnahmen angekündigt. Dazu gibt zum Beispiel auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) einen Überblick: