Kampf um Lebensmittel bei den örtlichen Tafeln

Kampf um Lebensmittel bei den örtlichen Tafeln

Bisweilen sind bei den örtlichen Tafeln Ellbogen gefragt. Ein Blick hinter die Kulissen.

Tönisvorst. Es ist völlig unstrittig: Es kann nicht sein, dass Menschen in Deutschland hungern müssen. Damit das nicht geschieht, engagieren sich Vereine, die Lebensmittel an Bedürftige ausgeben — etwa die Tafeln. Sie holen in Geschäften Lebensmittel ab und verteilen sie. Was aber, wenn es in einer Stadt wie Tönisvorst keine örtliche Tafel gibt? Dann kümmern sich im Regelfall die Tafeln aus den Nachbarstädten. Und — obwohl das selten jemand offen sagt — kommt es tatsächlich bisweilen zu Reibereien und kleinerem Gerangel.

Beispiel gefällig? Da hatte Rewe vor Weihnachten eine Aktion ins Leben gerufen. Kunden konnten für fünf Euro Tüten packen lassen, die dann den Tafeln zur Verfügung gestellt wurden. Irgendwann wunderten sich Beschäftigte und Kunden des St. Töniser Ladens — wollten doch sowohl Kempener- wie Krefelder Tafel die Tüten abholen.

„Da müssen sich die einzelnen Tafeln absprechen“, heißt es vom Dachverband der Tafeln aus Berlin. Hier verweist man auf die eigenen Grundsätze, und die besagen, dass man sich verständigen muss. „Das darf auf keinen Fall an dem Markt hängen bleiben“, sagt ein Sprecher. Obwohl es natürlich vom Grundsatz her Sache der einzelnen Marktleiter sei, zu bestimmen, wem sie die Spende zukommen lassen wollen.

Damit hat der St. Töniser Rewe-Marktleiter Hans-Joachim Zielke auch überhaupt kein Problem. „Seitdem wir das Geschäft aufhaben, arbeiten wir mit der Kempener Tafel zusammen. Und das werden wir auch so beibehalten.“ Eine klare Entscheidung, mit der alle Beteiligten leben können. Hier hatte die Krefelder Seite offenbar versucht, die Ellbogen einzusetzen.

Aber auch an anderer Stelle ist das Gemurre hinter den Kulissen groß: „Die Kempener drängen überall hinein. Die sollen doch mal die Kirche im Dorf lassen.“ So ist es aus den Reihen der Krefelder Tafel zu hören. Wie gesagt: Das wird hinter vorgehaltener Hand gesprochen, seinen Namen möchte in diesem Zusammenhang niemand nennen. Immer wieder sei es in der Vergangenheit zu Interessens-Kollisionen gekommen.

Umgekehrt wie beim Eingangsbeispiel war’s vor Jahren bei Real an den Höhenhöfen gelaufen: Hier hatte die Kempener Tafel zusätzlich sammeln wollen, obwohl die Krefelder Tafel hier regelmäßig zu Gast war.

Mit der Konkurrenz-Situation geht Dieter Sandmann, Vorsitzender der Kempener Tafel, ganz offen um. „Ja, da haben wir versucht, reinzukommen. Das ist uns allerdings nicht gelungen.“ Bei der Suche nach Spendern gehe die Kempener Tafel „nach bestem Wissen und Gewissen vor.“ Wichtig sei ihm in erster Linie: Die Menschen müssten versorgt werden und die Lebensmittel sollten nicht weggeworfen werden.

Nach eigenem Bekunden hat die Kempener Tafel 250 Kunden, rund 40 davon kommen aus Tönisvorst. Anders als bei den umliegenden Tafeln müssen die Bedürftigen zahlen: 2,50 Euro pro Person und Haushalte ab vier Personen 4 Euro.

Konfliktfrei läuft es in Willich ab. „Nehmen Sie zum Beispiel Möhren Brocker. Das Unternehmen spendet auch an die Krefelder Tafel. Das ist mit uns abgesprochen“, sagt Christa Disselkamp, Vorsitzende der Willicher Tafel. Ansonsten habe sie eher das Problem, dass z.B. Geschäfte aus Meerbusch Lebensmittel anböten, sie aber keine Kapazitäten habe, sich darum zu kümmern. „Das haben wir dann an die Neusser Tafel weitergegeben.“

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