Jugendbefragung 2019 im Kreis Viersen : „High five“: Jugendliche reden mit

Fünf Teenager sind der Einladung des Kreises Viersen gefolgt, um über ihre Interessen und Anregungen für Tönisvorst zu reden.

An alle 14- bis 21-Jährigen: Stellt Euch vor, Eure Mutter legt eine Tüte Gummibärchen auf den Tisch, sagt: „Gleich gibt’s auch noch Pizza“ und meint dann: „Wir sollten mal darüber reden, wie du gerne deine Freizeit verbringen möchtest. Was fehlt dir hier? Was passt dir nicht? Was können wir für dich und deine Freunde besser machen? Du solltest mehr mitreden und mit entscheiden können.“ Na, Überraschung gelungen?

Genau das ist am Mittwochnachmittag mitten in St. Tönis passiert. Ein Pizzawagen fuhr auf dem Rathausplatz vor. Im Ratssaal standen Süßigkeiten und man konnte mit seiner Meinung hinein spazieren, sie aufschreiben, loswerden, sich an dem Ort, an dem Politik für die 30 000 Einwohner große Stadt gemacht wird, Gehör verschaffen. Es gab nur einen Unterschied: Nicht Mutti hatte eingeladen, sondern Rainer Müller vom Kreis Viersen.

Veranstaltung für die Jugend – „Beteiligungsrechte wahren“

Müller ist Leiter des Amts für Schulen, Jugend und Familie, Kinder- und Jugendförderung. Er ist dafür zuständig, dass alle fünf Jahre ein Jugendförderplan erstellt wird. „Und die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen gehört dazu“, sagt Müller. So steht es schließlich im Gesetz. Nach Brüggen, Niederkrüchten und Grefrath führte die Kreismitarbeiter der Weg nun zu jungen Tönisvorstern.

Mit Martina Leshwange, Fachberaterin für Kinder- und Jugendarbeit beim Landschaftsverband Rheinland, und einigen Mitarbeitern wartete Müller um 17 Uhr auf sie. Gleichermaßen überraschend wie etwas ernüchternd: Mehr als fünf Schüler tauchten nicht auf. Obwohl Flyer im Schulzentrum verteilt worden waren. Und auch Petra Schippers und Anette Wackers von Jugendfreizeitheim (JFZ) noch am Vormittag gepostet und nachmittags aktiv geworben hatten: „Macht mit. Nutz’ die Chance, mit deiner Meinung in Tönisvorst etwas zu verändern.“ „Beteiligungsrechte wahren“ heißt das im Verwaltungsdeutsch. „Wir reden mit! Die Jugendbefragung 2019“ heißt die Kampagne.

Trotz der geringen Teilnehmerzahl entwickelten sich intensive Gespräche untereinander, miteinander und auf Augenhöhe: Die drei Jungen und zwei Mädchen schrieben, auch ermuntert durch Bürgermeister Thomas Goßen, auf, wie sie ihre Freizeit verbringen und was sie an Aktivitäten vermissen. „Eine Dirtbike-Anlage fehlt“, stand auf dem Plakat. „Wiederherstellung Skaterbahn“ – ein anderer Aspekt. Oder: Schulen könnten mal etwas zusammen unternehmen – „zelten“ zum Beispiel. Nächster Vorschlag: „mit ausländischen Leuten zusammen was machen“.

Themenwechsel: „Traumberuf“: Man sollte Berufe einmal im Jugendzentrum vorstellen, schlug jemand vor. Oder „außerschulische Veranstaltungen“ anbieten. Ein weiterer Wunsch: „kleine Jobs für Jugendliche unter 16 anbieten“.

Das Plakat zum Thema „Verein“ wurde weniger beschrieben: mehr Informationen über Angebote in Vereinen wünscht jemand der fünf.

Und wo wünschen sich Tönisvorster Jugendliche mehr Unterstützung? Die fünf anwesenden Schüler, von denen mindestens zwei Krefelder Schulen besuchen, notierten auf dem leeren Plakatblatt beispielsweise Mobbing („Lehrer helfen nicht“), Gefahren im Verkehr („rücksichtslose Autofahrer“), Karneval („Straßen sind voller Glas“), wünschten mehr Aufklärung in Schulen über Rauchen und Alkohol und „Verkehrsfreundlichkeit“ für Radfahrer und Fußgänger.

Und sonst? „Umweltschutz durch Müllsammelaktionen von Jugendlichen“ hieß ein Vorschlag. „Mehr Verkehrssicherheit“. Eine häufigere „Einbindung von Jugendlichen“.

Mehr helle und beleuchtete Treffpunkte für Jugendliche. Es gebe für 16-Jährige keine Möglichkeiten sich zu treffen. Wie wäre es also mit Outdoor-Möglichkeiten für Jugendliche? „Graffiti-Plätze“ oder „überdachte Orte wie Grillhäuschen oder kleine Hütten“ werden vermisst.

Was passiert nun mit den Vorschlägen, Anregungen der Kritik? „Wer möchte, wird weiter informiert“, sagte Müller. Darüber, was und welche Erkenntnisse in den Jugendplan einfließen werden. Müller will in den besuchten fünf Kommunen ein System aufbauen, um Kinder- und Jugendliche künftig zu beteiligen.

Apropos Beteiligung: Dazu gab einer der jungen Tönisvorster den Erwachsenen gleich zu Anfang einen Tipp mit für die nächste Tournee: „Man sollte uns vorher nicht nur einen Flyer in die Hand drücken, vielleicht auch seitens der Lehrer mal kurz Werbung für die Veranstaltung machen und ein Beispiel dafür nennen, worüber man hier mitreden kann.“

Martina Leshwange, beim LVR  im Kompetenzteam „Eigenständige Jugendpolitik und Partizipation“, nahm den „sehr guten Hinweis sehr gerne“ auf. Eine Anregung, von der man annehmen sollte, dass sie nicht nur diesem cleveren Jungen hätte einfallen können. Dann wäre die zahlenmäßige Resonanz auf das für beide Seiten chancenreiche Gesprächsangebot in der Stadt Tönisvorst möglicherweise auch weniger familiär ausgefallen.

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