„Ist Brandschutz nicht gesichert, muss der Bürger mit ins Boot“

„Ist Brandschutz nicht gesichert, muss der Bürger mit ins Boot“

Kommunen müssen die Bedarfspläne ernst nehmen, sagt Klaus Riedel, der verabschiedete Kreisbrandmeister.

Kreis Viersen. Klaus Riedel ist kürzlich nach 19 Jahren als Kreisbrandmeister im Kreis Viersen verabschiedet worden. Aber nicht in den Feuerwehr-Ruhestand. Im WZ-Interview spricht er über seine Zeit im Kreis Viersen, über Brandschutzbedarfspläne und die eigenen Zukunftspläne.

Foto: Friedhelm Reimann

Herr Riedel, Sie sind gerade aus dem Spreewald zurück. Was schauen Sie sich am liebsten an, wenn Sie verreisen: Natur, Museen oder Gerätehäuser?

Klaus Riedel: Gerätehäuser auf gar keinen Fall. Ich gehöre nicht zu denen, die von einem Feuerwehrauto zum nächsten hecheln. Ich genieße die Natur, sehend und hörend.

1999 haben Sie das Amt des Kreisbrandmeisters übernommen. In einer Zeit, in der es noch nicht selbstverständlich war, dass jeder überall und jederzeit erreichbar war. Smartphones haben unser Leben verändert. Das der Feuerwehrarbeit auch und wie?

Riedel. Ich zitiere Nettetals Ehrenwehrführer Reinhold Heussen, der sich um die geschichtliche Aufarbeitung der Feuerwehr kümmert. Er sagt: „Seit Klaus Riedel Kreisbrandmeister ist, findet der Kreisfeuerwehrverband nicht mehr statt. Der hat keine Akten.“ Das stimmt. Ich arbeite papierlos, bin ein früher E-Mail-Einsteiger gewesen. Austausch und Menge an Informationen, die wir innerhalb der Feuerwehr bekommen und weiterleiten, ist enorm gestiegen. Geblieben sind tägliche Telefonate mit den Chefs der Feuerwehren.

Sie sind bei Facebook aktiv, haben sich dort am Ende Ihrer Amtszeit als Kreisbrandmeister an Weggefährten gewandt. Es sei eine „mitunter enttäuschende, oft befriedigende“ und insgesamt „segensreiche Zeit“ gewesen. Was war enttäuschend? Was verbuchen Sie unter gut?

Riedel: Man kann nicht alle Erwartungen erfüllen, schafft nicht alle Ziele, die man sich gesteckt hat. Im Bereich der Brandschutzbedarfsplanung im Kreis sind wir mittendrin. Da gab es manchen Diskurs. Das Kostenargument beim Brandschutz lasse ich nicht immer gelten, denn im Haushalt einer Stadt machen diese Zahlen in der Darstellung eines Tortendiagramms einen Strich aus. Bis auf Viersen haben alle Kommunen im Kreis eine ehrenamtliche Feuerwehr. Sie kümmert sich um den abwehrenden Brandschutz. Vorbeugend aber muss, etwa in Baugenehmigungsfragen, mehr investiert werden. Denn der Brandschutz trägt zur Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung bei. Und dafür muss jede Kommune sorgen.

Es muss also nachgebessert werden.

Riedel: Es ist jedenfalls ein Irrweg, sich zurückzulehnen und zu sagen, „ich habe eine Feuerwehr, es läuft und kaufe hin und wieder eine Drehleiter“. Kommunen müssen das machen, was der Gesetzgeber aufgetragen hat, und ihre örtlichen Gegebenheiten betrachten. Ich spreche die Acht-Minuten-Regel zwischen Alarmierung und Eintreffen der Hilfskräfte an. Ich erwarte, dass diese Regel im Ortsgebiet gilt und will, dass die Bürger ihr Leben retten können.

WZ-Interview

Wir haben neun Städte und Gemeinden im Kreis. Wer ist in puncto Brandschutz Klassenprimus, wer muss nachlegen?

Riedel: Ich hoffe auf die Kreativität der Kommunen und darauf, dass die Organisationsform mit ehrenamtlichen Kräften so lange wie möglich aufrechtgehalten wird. Es liegen noch nicht alle Brandschutzbedarfspläne vor. Erst dann kann man beurteilen, wo nachgebessert werden muss. Für die mittelgroßen Städte Tönisvorst, Willich, Kempen und Nettetal gelten Ausnahmegenehmigungen für ehrenamtliche Feuerwehren. Sie müssten nach dem Gesetz hauptamtliches Personal vorhalten. Bisher gilt: Die ehrenamtlichen Feuerwehrleute sind leistungsfähig genug, den abwehrenden Brandschutz zu sichern.

Was passiert, wenn das nicht mehr so gesehen würde?

Riedel: Dann könnte es passieren, dass man die Bevölkerung ins Boot holen muss, sie ertüchtigt, sich zu retten.

Was heißt das konkret?

Riedel: Das kann bedeuten, dass man dafür sorgt, dass Bürger Rauchmelder anbringen, dass sie lernen, einen Notruf besser abzusetzen oder dass man denjenigen Löschmittel zur Verfügung stellt, deren Häuser eben nicht innerhalb der acht Minuten von der Feuerwehr erreicht werden können. Das muss man im Bewusstsein haben. Das ist beispielsweise ein Thema für die kleineren kreisangehörigen Gemeinden. Außerdem gibt es schon lange — wenn auch nur als Ultima Ratio — die Organisationsform, die Feuerwehr durch verpflichtete Bürger zu ergänzen.

Muss man sich das vorstellen wie Reservisten der Bundeswehr?

Riedel: Nein, wie Wehrpflichtige.

In der Stadt Willich gibt es schon seit Jahren das Problem, dass die Wache an der St. Töniser Straße für die Feuerwehrleute wegen des Dauerstaus im Kreisverkehr schlecht zu erreichen ist — und eine Lösung ist noch nicht in Sicht. Wird dadurch die Ausnahmegenehmigung für die Freiwilligen Feuerwehr gefährdet?

Riedel: Ja — ich bin aber zuversichtlich, dass es für dieses Problem in Kürze eine Lösung gibt. Zunächst wird es ja schon während des Umbaus des Kreisverkehrs eine Behelfsausfahrt geben.

Die Feuerwehr macht viel Reklame für die Nachwuchsarbeit. Hatte damit auch Erfolg in Tönisvorst und Willich. Reicht das, um in Zukunft auf das Ehrenamt bauen zu können?

Riedel. Die Kampagne ist gut, aber es reicht nicht, Radiospots zu schalten. Eine Kommune muss sich dranhängen. Beispiel Bergisch-Gladbach. Das ist etwa so groß wie Viersen. Da hat der Bürgermeister alle männlichen Bürger zwischen 18 und 45 Jahren angeschrieben und zu einem Infoabend über die ehrenamtliche Tätigkeit der Feuerwehr eingeladen. 100 Leute kamen, davon wurden 25 anschließend durch die Grundsausbildung gelotst. Das kostet, ja, aber das muss man machen. Der Erfolg gibt Recht.

Es gibt viele Arbeitgeber, die Feuerwehrleute in ihren Reihen haben und schätzen und sogar bevorzugt einstellen.

Riedel: Kempen beispielsweise ist vorbildlich. Das erste Fahrzeug ist immer mit dem Rathaustrupp besetzt. Auch Bürgermeister Thomas Goßen in Tönisvorst sagt, die Mitgliedschaft in der Feuerwehr ist ein wesentliches Einstellungskriterium. Andere Kommunen sehen das anders.

Wie intensiv kümmert sich die Politik um das Thema Brandschutz und den Bedarf in der eigenen Stadt?

Riedel. Der Brandschutzbedarfsplan wird von der Politik verabschiedet. Ich habe den Eindruck, dass die Beratungen nicht immer die Tiefe und den Umfang haben, den sie verdienen. Über neue Ausstattungen zu sprechen, das machen alle furchtbar gerne, aber es gibt eben auch die personelle Seite. Da muss es ein stärkeres Bewusstsein dafür geben, was ehrenamtlich geleistet wird, wie viel zum Beispiel von der entscheidenden Tagesverfügbarkeit abhängt. Es ist ein Unding, ja eine Frechheit, Feuerwehrleute mit Schützen oder Karnevalisten zu vergleichen. Feuerwehrleute müssen sich kontinuierlich auf den Moment X vorbereiten, den keiner kennt. Was sie leisten müssen, geht weit über das normale Maß eines Ehrenamtes hinaus. Das gilt auch für das Umfeld, Familienangehörige und Freunde. Auch sie müssen Verzicht leisten.

Ist das auch Bürgern klar?

Riedel: Nicht immer. Sie müssten deutlicher wissen, dass Feuerwehrleute in ihrer Stadt ehrenamtliche Kräfte sind, dass es der Nachbar ist, der zu jeder Stunde ausrückt, am Arbeitsplatz alles stehen und liegen lässt. Der Bürger sollte sich also fragen, ob es immer nötig ist, die Feuerwehr zu rufen, ein Fahrzeug mit neun Kräften, wenn eine Katze im Baum sitzt. Und muss es bei einem Einsatz „Person hinter Tür“ unbedingt die Feuerwehr sein, die die Tür aufbricht?

Wie könnten Feuerwehrleute noch entlastet werden?

Riedel: Eine Ölspur kann eine Gefahr für Mensch und Umwelt sein, muss es aber nicht. Man kann auch einen Straßenabschnitt kurzzeitig sperren. Es ist Aufgabe des Bauhofs einer Stadt, die Straße zu kehren, und nicht die der ehrenamtlichen Feuerwehrmänner. Da wird die Bereitschaft von Arbeitgebern, für solche Einsätze Mitarbeiter gehen zu lassen, abnehmen. Das Land setzt dafür mittlerweile private Unternehmen ein. Es liegt an den Kommunen, auch von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.

Stichwort „privat“: Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?

Riesel: Ich bin noch berufstätig, werde zum 31. Oktober in Rente gehen. Zuvor, am 21. September, werde ich zum Bezirksbrandmeister im Regierungsbezirk Düsseldorf ernannt. Drei, vier Jahre möchte ich das machen. Künftig freue ich mich auch auf mehr Reisezeit — nach Norwegen, überhaupt Skandinavien — oder in die Toskana.