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In Anrath gibt es Leihmütter für Top-Kühe

WZ-Serie zur Landwirtschaft : Anrather Leihmütter für Top-Kühe

Landwirt Bernd Steves stellt seine Tiere einem renommierten Züchter zur Verfügung. Das komplizierte Verfahren ist für den Willicher ein lukrativer Zusatzverdienst.

Bernd Steves verdient sein Geld mit Milch. Dafür hat er 340 Kühe und 300 Jungrinder der Rasse „Schwarzbunte Holsteiner“. Für die baut der 43-jährige Landwirt Gras, Mais und Getreide an. Insgesamt bewirtschaftet er in Anrath 95 Hektar Land. Doch er hat auch eine „Nebeneinkunft“: Ein Teil seiner Kühe arbeitet als „Leihmutter“.

„Und das kam so“, erzählt Steves. „Ein Züchter aus Lohmar, der extrem gute Kühe züchtet hat mich gefragt, ob Kühe aus meinem Bestand Embryonen austragen könnten.“  Der Züchter aus dem Rhein-Sieg-Kreis besitze die „crème de la crème“ an Kühen, die laut Steves zu den besten Tieren Deutschlands gehörten. Steves sagte zu. Jetzt hat der Landwirt Kühe, die zwischen Montag und Donnerstag brünstig sind, genau im Blick und meldet die Anzahl dem Züchter. Der informiert sein Labor im niederländischen Zwolle, das die Eizellen der Top-Kühe entnimmt. Im Labor werden sie dann im Reagenzglas mit Samen eines ebenfalls „Top-Bullen“ besamt. Zehn bis 15 Embryonen könnten daraus entstehen, wie Steves sagt.

Der Labor-Veterinär kommt dann nach Anrath – mit den Embryonen im Gepäck.  „Er untersucht die in Frage kommenden Kühe, ob sie auch gesundheitlich bereit sind, die Kälber auszutragen“, sagt Steves. Immer wieder sei ein Tier dabei, das nicht den hohen Ansprüchen entspreche. Denn: „Wenn ich Sperma für eine meiner Kühe kaufe, bezahle ich 30 Euro. Für das von einem Top-Bullen ist man schnell im hohen dreistelligen Bereich.“  Da sei es wünschenswert, wenn der Embryonen-Transfer erfolgreich wäre. Die Erfolgsquote liegt, so der Landwirt, bei 60 Prozent – bei allen Kühen. „Im Schnitt braucht man 1,8 Prozent Besamungen pro Tier.“

Steves versorgt dann die tragenden Tiere. Alles läuft ab, wie bei den „normalen“ Mutterkühen. Und bei den Kälbchen ist das auch so. Ist es geboren, wird es nach sechs bis zwölf Stunden von seiner Mutter getrennt, nachdem es drei Liter der sogenannten Beastmilch bekommen hat. „Kälber haben anders als Babys keine Abwehrstoffe, die nehmen sie mit dieser Milch zu sich“, erklärt Steves. In den ersten acht bis zehn Tagen entnimmt er auch eine Haarprobe, die dann in einem Labor untersucht wird. Hier beginnt die Unterscheidung: Für seine Kälber hat Steves ein anderes, als das für die von den Top-Kühen. Diese Proben gehen nach Zwolle.  In den Laboren wird dann die DNA untersucht. Die Ergebnisse kämen nach drei bis fünf Monaten. „Danach wissen wir, ob die Kälber auch den Ansprüchen entsprechen. Beispielsweise kann man erkennen, ob ein Bullenkalb unfruchtbar ist. Sonst hat man viele erfolglose Besamungen hinter sich, bevor man dies erkennt.“  Das erspare einem Kosten.

Von den Kälbchen der Leihmütter würde der Züchter aus Lohmar nur die besten Tiere nehmen. Die Bullen würden direkt verkauft, die Kühe gingen zum Züchter. Die Tiere, die dieser nicht haben möchte, kann Steves behalten. „Und das sind immer noch sehr, sehr gute Tiere. Das ist mein Vorteil – neben der sehr guten Vergütung für den Transfer –, denn der Züchter nimmt höchstens zehn Prozent der Kälber.“

Im Durchschnitt gibt eine
Kuh 6,2 Jahre lang Milch

Bei Milchkühen, so Steves, kommt es heute nicht mehr so sehr auf die Milchleistung an. Denn die sei eigentlich hoch genug. Es gehe eher darum, die Nutzungsdauer zu erhöhen, dass sie fruchtbar seien und gute Füße hätten. Vor allem die Nutzungsdauer, also die Zeit, die die Kuh ertragreich Milch gibt.   Im Durchschnitt sieben Jahre, sei ein gutes Ziel. Bei seinen Kühen liege sie bei 6,2 Jahren. „Wir haben aber auch Tiere, die 13 Jahre alt sind, oder schon mit zwei drei Jahren abgehen müssen.“ Das heißt, sie kommen zum Schlachter.

„Wir müssen wirtschaftlich arbeiten“, ergänzt Steves. „Eine Kuh bekommt ihr erstes Kalb mit zwei Jahren. Danach gibt sie Milch. Und es dauert dann zwei weitere Jahre, bis sie das Geld verdient hat, das für ihre Aufzucht nötig war.“ Also macht der Landwirt erst nach vier Jahren Profit.  „Wir kaufen keine Tiere dazu. Aber ein Viertel der Herde wird im Jahr ersetzt.“ Einige würden bei einer Auktion verkauft, andere geschlachtet. Da kämen die immer noch sehr guten Kälber, die dennoch ausgemustert wurden, gerade recht.