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Hans Joachim Kremser aus Tönisvorst ist Präsident der Europäischen Lichtwerbung.

Weihnachten 2018: Licht in der Finsternis : Wie das Licht in die Reklame kam

Hans Joachim Kremser ist Lobbyist für die leuchtende Werbung. Für ihn sind die Tafeln wie Bilder an der öffentlichen Wand.

Las Vegas ist nachts ein leuchtendes Lichtermeer in der Wüste, ein lockendes Sündenbabel für Spieler aller Art. Für Astronomen dagegen ist eine derartige Lichtballung eine Horrorvorstellung. Um Sterne zu sehen, muss es dunkel sein. Zu viel Licht in der Atmosphäre stört dabei. Sie sprechen von Light Pollution, von Umweltverschmutzung durch Licht. Mit beiden extremen Vorstelllungen muss Hans Joachim Kremser umgehen. Er ist Präsident des Verbands der Europäischen Lichtwerbung mit einem Büro in Brüssel und Verbandsvorsitzender der Lichtwerber Deutschland. Seit zehn Jahren ist der Tönisvorster in den Verbänden tätig. Es ist eine kleine Branche. Rund 150 Unternehmen sind im Verband vertreten, sie repräsentieren 70 Prozent des Umsatzes in Deutschland. Und da Lichtwerbung vielen Regelungen und Vorschriften unterliegt, hilft der Verband im Dschungel der Behörden weiter. Vorher war er 34 Jahre Prokurist bei Rehse Reklame im Gewerbegebiet Tempelshof.

Neonreklame gibt es
schon seit fast 100 Jahren

Die Lichtwerbung, früher wurde sie noch Neonreklame genannt, kam um 1920 auf. In Paris leuchteten die ersten Neonröhren. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 1950er-Jahren, war Neonwerbung exzessiv vertreten, die Fassaden der Innenstädte waren zugehängt. Inzwischen hat das Pendel ins Gegenteil umgeschlagen, heute soll Leuchtwerbung weniger und dezenter sein. Die Städte versuchen, einen Ausgleich zwischen Architektur und Werbung zu finden. Manch ein Architekt möchte am liebsten Leuchtwerbung von seinen Bauten ganz verbannen.

Das brasilianische São Paulo hat es versucht. Mit dem Ergebnis, dass sich viele Einwohner in der Stadt nicht mehr richtig orientieren konnten, weil alles gleich aussah. Und Kremser, Lobbyist für die Leuchtwerbung, sieht deshalb den puristischen Weg als gescheitert an. Ist Werbung dran, ist klar, was drin ist. Der berühmte Architekt Mies van der Rohe hat die Innenstadt als Wohnzimmer der Menschen bezeichnet. Kremser ergänzt, wenn die Innenstädte die Wohnzimmer der Menschen sind, dann sind Werbeanlagen die Bilder an den Wänden.

Für den Verband bedeuten die vielen verschiedenen Wünsche viel Arbeit. Was ist technisch möglich und was ist sinnvoll? Dazu kommt, dass jedes Bundesland seine eigenen Gesetze hat, dann kommen die Städte mit eigenen Werbesatzungen noch hinzu. Aber da viele Konzerne europaweit agieren, ist es sinnvoll, sich auch auf Verbandsseite europäisch aufzustellen. In Europa kommen noch verschiedene Mentalitäten dazu. Ist man etwa in Frankreich restriktiver, so sind die Benelux-Länder offener. Die EU will ab 2019 die Neonröhren aus dem Verkehr ziehen. Die farbigen Gasröhren, die in den 1920er-Jahren aufkamen, sollen bald nicht mehr zulässig sein, weil sie mit Quecksilberdampf gefüllt sind. Damit würde ein eigenes Medium verloren gehen.

Es gibt nur noch 15 Hersteller von Neonröhren in Deutschland

Das Herstellen von Neonröhren ist eine hohe Kunst, wer das kann, übt einen hochwertigen Beruf aus. Nur noch etwa 15 Firmen in Deutschland sind dazu in der Lage. Der Verband möchte ein Recycling-System einführen, sogenanntes Eco-Neon mit einer Recyclingquote von 90 Prozent. Im Februar soll das auf einer Tagung in Lyon besprochen werden. Für bestehende Neonwerbung, die zum Teil unter Denkmalschutz steht (wie etwa der Persil-Schriftzug auf dem Wilhelm-Marx-Hochhaus in Düsseldorf) soll vorerst Bestandsschutz bestehen.

Einmal im Jahr geht es im April zur großen Lichtanlagenmesse IAS nach Las Vegas. Im Markt tut sich viel. Kremser will sich vor Ort informieren, was geht und was nicht geht. Digitale Bilder eröffnen neue Möglichkeiten, Emotionen zu wecken. Schon längst werden Werbeaussagen temperiert, das heißt, bei warmen Wetter werden kühlere Farbtöne gewählt, bei kaltem Wetter eher wärmere Töne.

Hans Joachim Kremser ist ein gebürtiger St. Töniser, aber in Düsseldorf aufgewachsen. Er hat eine grafische und eine kaufmännische Ausbildung durchlaufen. Irgendwann entschloss er sich, in die Lichtwerbung zu gehen. Da er jobmäßig viel mit Bauämtern zu tun hatte und sich ins Planungsrecht eingelesen hatte, wurde er für die SPD im Rat der Stadt Tönisvorst zuerst sachkundiger Bürger, dann Stadtverordneter.

Seit 14 Jahren sitzt er bereits im Tönisvorster Stadtrat und ist dort Vorsitzender des Planungsausschusses. Dem Kreistag in Viersen gehört er auch bereits in der zweiten Periode an. Im Kreistag ist er erster stellvertretender Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion und leitet den Ausschuss für Planung, Bauen und Umwelt. Dass ehrenamtliche Politiker das Leben in der Kommune gestalten können, findet er nach wie vor spannend. hb